Kulturprojekt

Mit dem Guggenheim Lab wird ein Spielplatz eröffnet

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Matthias Wulff

Auf den ersten Blick findet am Pfefferberg bloß eine alberne Veranstaltung statt - aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Acht Holztische, reichlich Klappstühle und ein paar Bänke sind auf dem Kopfsteinpflaster verteilt, hinten parkt ein rotes Feuerwehrauto, auf dem „Freespace Berlin Mobile“ geschrieben steht. Links vom Eingang aus gesehen sind ein paar Nähmaschinen auf einer Platte aneinandergereiht, auf einem der rechten Tische liegen einige Packungen mit Malstiften („Markers – die Stifte, denen Lehrer vertrauen“) und Spielzeugautos (ein Hummer, einige Sportwagen, kein BMW). Dort schwebt auch eine größere Videoleinwand, an den Metallverstrebungen sind eine beträchtliche Anzahl Scheinwerfer angebracht. Dann gibt es linker Hand einen Durchgang zu einer Wiese, auf der rostige Wägelchen stehen.

Das war's. Das ist das BMW Guggenheim Lab in einem der Hinterhöfe des Pfefferbergs.

Moment Mal. Das ist alles? Ein Areal, nicht größer als ein halber Fußballplatz? Darüber haben sich über Wochen Politiker und linke Aktivisten gestritten, als ginge es um eine einschneidende Veränderung in der Stadt? Gegen diese paar Quadratmeter unter freiem Himmel, die man sich nicht bei ungemütlichem Wetter vorstellen möchte, haben die Kreuzberger protestiert und zwar so vehement, dass man sich in der New Yorker Zentrale des Guggenheim-Museums überlegt hatte, um Berlin einen Bogen zu machen? Wegen dieser sich abzeichnenden „Quasselbude“ („Berliner Zeitung“) schrieb der Regierende Bürgermeister bittende Briefe zu ebenjener Zentrale, in der man sich dann noch einmal neu entschloss, Ja zur Hauptstadt sagte und sich für den Pfefferberg entschied (der ohnehin fest in den Händen der spanischen Touristen ist). Kurzum, wie konnte so ein Spielplatz zu so einem Politikum werden?

Den Journalisten wird am Eingang ein 23-seitiges Programmangebot in die Hand gedrückt, dort steht, was den Besucher bis zum 29. Juli erwartet. Am Sonnabendmorgen zum Beispiel, so lesen wir, gibt es „Weekend Warriors: Freiluft Fitness mit Arne Schönwald“: „Bauen Sie ein eigenes Freiluft-Fitness-Studio“. Dann gibt es mittags die „Lending Library“, in der „eigene Schöpfungen entwickelt, gestaltet und gebastelt werden“, bei einer Stadtexpedition, in der „Baustellen, Katakomben oder Brachflächen“ als „außergewöhnliche Vortragsorte mit unkonventionellen Referenten“ dienen, kann man mitmachen. Undsoweiter. Undsofort.

Wie möchten wir leben?

Man kann die Geschichte nun wie folgt erzählen: Was für eine hochgradig alberne Veranstaltung ist in die Stadt gekommen, ausgedacht von frei laufenden Soziologinnen, die es tatsächlich geschafft haben, dieses ganze betroffene Gequatsche über „wie-möchten-wir-leben?“ und „was-macht-die-Stadt-aus-mir?“ zu einem Mainstream-Thema zu machen. Allein der Jargon ist geeignet für jeden Bullshit-Bingo-Wettbewerb, in dem nicht drei Sätze hintereinander folgen, ohne dass unter Garantie einer der Worte „Kontext“, „Disziplin“, „Schnittstelle“ oder (immer ein Treffer) „Nachhaltigkeit“ fallen.

Und dann erzählt, wie zur unfreiwilligen Bestätigung der Lächerlichkeit des Projektes, eine Britin aus dem Guggenheim-Team, die in Australien lebt, dass sie im Herbst mit 100 Berlinern gesprochen habe und anschließend sei sie zurückgereist, habe jede einzelne Aussage der Berliner im fernen Australien übertragen und die „hot topics“ ausgemacht. Und was seien dann die heißen Themen, will eine Journalistin wissen: „Arbeitslosigkeit, Mietsteigerung, Gentrifizierung“.

Das haut einen natürlich um. Wer wäre ohne diese hundert Einzelgespräche je darauf gekommen, dass ausgerechnet das die spannenden Themen Berlins seien?

Nahezu legendär auch die Interviews mit der Kuratorin Maria Nicanor, in denen Journalisten verzweifelt versuchten, ihr etwas Konkretes über die Vorhaben des Lab zu entlocken und sie unbeirrt in ihren Repliken auf wolkiger Höhe über die Erforschung von Gefühlswelten, Neuer Urbanität und den Einfluss von Technologien auf unser Bewusstsein sprach. Es gibt also jede Menge gute Gründe, die Arme zu verschränken und zu sagen: Kenn ick schon, weeß ick schon, will ick nich.

Man kann die Geschichte auch anders erzählen: Wir wissen einiges über Wasserqualität (wird besser), über Mieten (steigen ständig) und „der Bewegung im Raum“ (Fahrradfahren ist ok). Es sind unsere Themen, aber vielleicht sehen wir sie mit einem anderen, einem geweiteten Blick, wenn sie von außen (von New York, aus Sydney) behandelt werden. Die Grundfrage, die das Guggenheim Lab als Institution stellt, ist: Lässt sich eine Gesellschaft, lässt sich die Welt über den Diskurs verändern? Man kann die Haltung haben, der Mensch sei unveränderlich, man kann aber auch sagen, dass öffentliche Dialoge unsere Haltungen prägen und gleichzeitig in Frage stellen. So bringt ein einzelner Appell, eine einzelner Kongress gegen Rassismus und gegen Schwulenfeindlichkeit nichts, aber in der Summe aller Teile verändern sie die Haltungen. Dass Männer Hand in Hand durch die Stadt flanieren, war vor dreißig Jahren noch ein Aufreger, sich über „Kanaken“ und „Nigger“ zu erregen, war nicht ungewöhnlich. Heute gibt es solche Ausfälle noch immer, sie sind aber gesellschaftlich gebrandmarkt. Und so ist es auch nicht verkehrt, wenn wir wieder und wieder und wieder über die Aufwertung der Stadt sprechen. „Es geht nicht darum, dass wir was grundsätzlich Neues machen. Wir haben keinen Marshall-Plan für Berlin“, sagt der Programmmacher des Lab, Lutz Henke.

Das Lab als Institution zwingt den Einzelnen per se zu einer Haltung und entreißt ihn aus dem Relativismus. Schon allein, dass BMW als Sponsor zu einer aufgeregten Diskussion führte, als handele es sich bei dem Autobauer um die deutsche Zweigstelle der Cosa Nostra, zeigt, wie weit die Positionen auseinander liegen.

Andersrum formuliert: Nur weil es in Berlin jede Menge Quasselbuden gibt, ist kein Argument, noch einen weiteren Ort zu schaffen. Wer eine öffentliche Diskussion besucht, ist bereit (nicht immer, zugegeben), seine eigene Position zu überdenken. Und je mehr man die Haltung des Anderen nachvollziehen kann, desto weniger verhärtet wird die eigene Überzeugung.

Dankbar für die Erregung

Für die Aufregung um das Guggenheim Lab kann das Kulturprojekt nichts, sie hat sich in einem Kreislauf zwischen Protest, Politik, Presse so gesteigert und verselbständigt, als habe Tom Wolfe ein Gesellschaftspanorama gezeichnet. Diese Erregung hat das Lab billigend und dankbar mitgenommen. „Ich habe die Proteste nicht gemocht, aber ich fand sie interessant“, sagt Kuratorin Maria Nicanor. Nach leichtem Zögern fügt sie hinzu: „Wir sind letzten Endes nur ein kleines Projekt.“

Das Guggenheim Lab am Pfefferberg ist geöffnet: Mittwoch bis Freitag von 14 bis 22 Uhr, am Wochenende von 12 bis 22 Uhr, Montag und Dienstag hat es geschlossen. Der Eintritt ist frei