Selten hat ein internationales Kulturprojekt schon vor dem Start so massive Reaktionen ausgelöst. Das führte dazu, dass das New Yorker BMW Guggenheim Lab statt in Kreuzberg nun im Pfefferberg eröffnet wird. Die Spanierin Maria Nicanor, 32 Jahre, kuratiert das Lab für Berlin. Müde schaut sie aus, gut eine Woche vor der Eröffnung am 15. Juni wird noch am umfangreichen Programm gearbeitet. Seit 2005 ist sie im Guggenheim in New York für die Sektion Architektur zuständig, gilt dort mit ihren Projekten als „junge Wilde“, weil sie grenzübergreifend denkt. Zur Zeit lebt sie in Berlin, ein Apartment hat sie im Prenzlauer Berg gemietet. Das Lab, sagt sie, soll alles andere sein als eine Verlängerung des Musealen, sondern eine Möglichkeit, in die Stadt hinein zu gehen.

Morgenpost Online: Waren Sie über den harschen Protest in Kreuzberg eigentlich erstaunt? Sie mussten aus Sicherheitsgründen ja den Kiez wechseln.

Maria Nicanor: Nein, nicht wirklich. Aber viele Reaktionen waren einfach überzogen. Die Diskussion geht ja auch noch weiter, was uns überrascht. Für das Lab kann das nur gut sein. Die Leute reagieren hier einfach auf Dinge und Entwicklungen in der Stadt, stellen Fragen, diskutieren. Das ist doch gerade der Sinn des Lab. In anderen Städten ist es so, dass dort nicht gefragt wird, wenn es Projekte gibt. Das ist negativ. Wir öffnen das Lab, jeder kann kommen, gucken, und selbst urteilen.

Morgenpost Online: Verstehen Sie die Angst der Leute vor der Gentrifizierung?

Maria Nicanor: Ich verstehe das gut, ja. Es ist schmerzvoll, das kleine Zentren und soziale Gefüge sich durch manche Entwicklungen auflösen. Aber nun ist es ja nicht so, dass ein mobiles, temporäres Gebilde wie das Lab in nur einigen Wochen die Nachbarschaft zerstört.

Morgenpost Online: Binden Sie die Gegner aus Kreuzberg in irgendeiner Form im Pfefferberg ein?

Maria Nicanor: Wir haben mit einigen Demonstranten gesprochen, mit anderen auch nicht. Das ging einfach nicht. Manche Kritiker kamen aber sogar zu uns ins Büro, wir sind dann auch zu ihnen gegangen. Das Lab ist wie gesagt als Plattform offen, hoffentlich kommen also noch recht viele Kritiker.

Morgenpost Online: Wie viel Berlin steckt denn nun wirklich im Lab? Suchen Sie auch die Nachbarschaft im dichten Kiez des Prenzlauer Bergs?

Maria Nicanor: Mehr als die Hälfte des Programms sind Gruppen und Projekte aus Berlin. Ohne diese Beteiligung funktioniert es partout nicht. Wir werden von Leuten vor Ort beraten. Dabei ist beispielsweise Upstall, ein Verein für soziale Stadtentwicklung. Auf deren Agenda steht das zentral gelegene Gelände der ehemaligen Dragonerkaserne am Mehringdamm. Oder wir arbeiten zusammen mit Open Berlin, dort geht es darum, die Bürger an räumlichen Entwicklungen in der Stadt zu beteiligen. Der Verein mischt mit in der Liegenschaftspolitik. Das hat also alles sehr direkt mit der Stadt und ihren Veränderungen zu tun.

Morgenpost Online: Die Themen klingen rund ums Urbane erst einmal sehr theoretisch.

Maria Nicanor: Im Team haben wir vier Experten verschiedener Disziplinen und mit unterschiedlichen Hintergründen. Aus Berlin kommt Corinne Rose. Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Architektur und Psychologie, beschäftigt sich damit, wie Gebäude und Plätze unsere Gefühlswelt beeinflussen. Welche Rolle spielen Design, Material, Technik? Welche Bedingungen sind wichtig, um sich an Plätzen wirklich gut zu fühlen? Carlo Ratti aus Italien recherchiert, in welcher Weise wir uns in modernen Städten verändern, wie Technologien unser Bewusstsein dauerhaft beeinflussen.

Morgenpost Online: Das Lab tourt in Amerika, Asien und Europa. Stand für Sie Berlin eigentlich sofort fest auf der Karte Europa?

Maria Nicanor: Die Kriterien für die Auswahl liegen eigentlich bei dichten, wachsenden Megastädten. Sie sind die Zukunft der Menschheit, denn unsere Städte werden immer größer. Berlin ist natürlich keine Megacity, liegt aber zentral in Europa und hat eine sehr interessante Geschichte urbaner Entwicklung. Zumal hier tausende Künstler leben und arbeiten. Jeder will hier hin.

Morgenpost Online: Das Projekt startete letztes Jahr in New York. Wo liegt der Unterschied?

Maria Nicanor: Das sind zwei komplett unterschiedliche Städte, direkt vergleichen kann man es nicht. Eins ist aber ganz anders: Die Bürgerbeteiligung ist in Berlin viel stärker und lauter als in jeder Stadt in Amerika. Hier mischt man mit am Geschehen.

Morgenpost Online: Gab's eigentlich auch Proteste in New York?

Maria Nicanor: Ja, dort gab es eine Protestgruppe, aber zum Schluss wurde es ein richtiges Happy End, wir haben schließlich sogar zusammen gearbeitet. Rund 60 Aktivisten protestierten gegen die Gentrifizierung des East Village. Sie kennen den Stadtteil noch aus den sechziger Jahren und haben auch ein Archiv, das die Entwicklung illustriert. Fantastisch für uns. Plötzlich haben wir diskutiert. Das Lab hat genau diese Aufgabe, Debatten anzuregen. Und wir sprechen in diesem Zusammenhang auch über Verantwortung.

Morgenpost Online: Haben Sie eigentlich genug Unterstützung von der Stadt Berlin bekommen?

Maria Nicanor: Wir haben sehr viel Hilfe bekommen, bei der Platzsuche wurden uns von unterschiedlichster Seite Alternativen angeboten. Das ist nicht selbstverständlich. Im Senat habe ich vor Klaus Wowereit drei Stunden Rede und Antwort gestanden. Drei Stunden, nie war ich in einer solchen Situation. Zum Schluss war das so wie bei einem Familienessen...

Morgenpost Online: Noch gibt es in Berlin leerstehende Gebäude. Warum haben Sie nicht einfach ein vorhandenes genutzt?

Maria Nicanor: Wir wollten die Möglichkeiten urbaner, mobiler Architektur ausloten. Nach dem Event wird der Pavillon vernichtet. Wir reisen mit dem Lab in sechs Jahren durch neun Städte.

Morgenpost Online: Kommen wir zu BMW, vielen Lab-Gegnern ist diese Kooperation mit einem Autokonzern ein Dorn im Auge.

Maria Nicanor: Im Amerika ist es grundsätzlich an der Tagesordnung, dass wir solche Kooperationen haben. Schließlich haben die Museen kein Geld für Projekte. Ich selbst komme aus Spanien, und auch dort sind die Töpfe leer, also ist es selbstverständlich, dass dann ein Sponsor gesucht wird. Für eine Finanzierung muss man dankbar sein. In Berlin hat man irgendwie überreagiert.