Hohe Aggressivität

Gewalt gegen Berliner Polizeibeamte nimmt zu

Eigentlich sollen sie helfen - doch immer öfter werden Polizisten selbst Opfer von Attacken. Der Frust unter den Beamten ist hoch.

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Dirk Bork hat seinen Kindern ausgeredet, Polizist zu werden. Das ist ihm nicht leicht gefallen. Seit 27 Jahren arbeitet er bei der Berliner Polizei. Und er liebt seinen Beruf. Doch was er seit einigen Jahren erlebt, will der 47-Jährige seinen Kindern nicht zumuten. Mehrfach wurde er im Dienst verletzt. Bei einer Personenkontrolle wurden ihm die Schneidezähne ausgeschlagen. Beleidigungen gehören zu seinem Alltag: „Ich habe täglich mit Leuten zu tun, die mich bepöbeln und bespucken“, sagte Bork am Montag bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Knapp 70 Polizeibeamte waren gekommen, um ihrem Frust über die ihnen gegenüber steigende Gewalt einmal Luft zu machen. Es schien, als hätten sich die Polizisten schon lange nach einer solchen Veranstaltung gesehnt. Kräftig applaudierten sie jedem Kollegen, der sich ans Mikrofon traute und von seinen persönlichen Kränkungen und Verletzungen berichtete. Die Bandbreite der Erfahrungen war groß: Die Beamten schilderten Angriffe mit Eisenstangen, aber auch alltägliche Begegnungen mit Radfahrern, die aus einer Laune heraus gegen Polizeiwagen schlagen und „Scheiß Bulle“ rufen.

Fälle schwerer Verletzungen um 60 Prozent höher

Zuvor hatte der Journalist und Autor Peter Jamin sein neuestes Buch „Abgeknallt – Gewalt gegen Polizisten“ vorgestellt. Darin erzählt er die wahre Geschichte eines Polizisten, der in Passau lebensgefährlich angeschossen wurde. Der Täter hatte den Beamten nachts auf der Wache aufgesucht und vorgetäuscht, nach seiner Frau zu suchen. Als ihm der Polizist helfen wollte, ging der Mann auf ihn los. „Polizisten erleben häufig diese schizophrenen Situationen“, sagte Jamin. „Sie wollen helfen und werden angegriffen.“

Seit 1945 sind in Deutschland knapp 400 Polizisten im Dienst gestorben. Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) hat die Gewalt gegenüber der Polizei in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Zwischen 2005 und 2009 sind die Fälle schwerer Verletzungen mit mindestens siebentägiger Dienstunfähigkeit um 60 Prozent gestiegen, die Zahl der leichten Verletzungen hat um mehr als 90 Prozent zugenommen. Im vergangenen Jahr gab es 22.839 Fälle von „Widerstand gegen die Staatsgewalt“. In 97 Prozent handelte es sich um Widerstand gegen Polizisten.

Durch alle Altersgruppen hindurch

Die gesteigerte Aggressivität gegen die Polizei ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen, sagte der GdP-Chef Bernhard Witthaut. Immer häufiger würden auch Ärzte und Steuerberater Polizisten mit „Bulle“ anreden. Gewalttaten werden indes meist von jungen, alkoholisierten Männern begangen. In zwei von drei Fällen haben die Täter keine deutsche Herkunft. Witthaut beklagte auch die mangelnde Unterstützung seitens der verantwortlichen Dienstherren auf den Wachen. Zu selten werde verletzten Beamten geholfen, anwaltliche Beratung zu finden.

Angesichts der häufigen Attacken fühlen sich die Berliner Polizeibeamten unterbezahlt. „Ich verstehe nicht, warum ich der schlechtbezahlteste Polizist bin, nur weil ich in der Hauptstadt lebe“, sagte Dirk Bork. Obwohl die Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei in Berlin besonders groß ist, verdienen die Polizisten hier weniger als in anderen Ländern. Im Vergleich zu einem Bundespolizisten hat ein Polizist in Berlin monatlich zwischen 350 und 872 Euro weniger zur Verfügung. Um das Missverhältnis auszugleichen, fordert die GdP eine 36,5-Stunden-Woche für Berliner Polizisten. Außerdem sollen Übergriffe auf Beamte durch einen eigenen Straftatbestand auch dann geahndet werden, wenn diese nicht verletzt werden.