Hells Angels

"Wie bei einer Hinrichtung" – Rockerchef in Lebensgefahr

Die Berliner Polizei geht davon aus, dass das führende Hells-Angels-Mitglied André S. von einem "Bruder" niedergeschossen wurde.

Vom Überleben des Rockerchefs André S. hängt nicht nur die Aufklärung des Mordanschlags gegen ihn ab, sondern möglicher auch die Chance für die Ermittler auf einen Einblick in die Machenschaften innerhalb der Clubs.

Falls André S. überlebt und eine Aussage macht. Zunehmend manifestiert sich auch bei der Polizei die Überzeugung, dass der 47-Jährige möglicherweise Opfer seiner eigenen „Brüder“ geworden sein könnte – es gehe, heißt es, um Macht und Rang bei den Berliner Hells Angels. Nach dem Anschlag schwebte André S. in Lebensgefahr, er wurde auf der Intensivstation versorgt.

Ein Kriminalbeamter sprach am Tatort von einer Vorgehensweise wie bei einer Hinrichtung. Ersten Erkenntnissen nach hatte der Ex-Hooligan André S. gegen 3 Uhr sein Lokal Germanenhof in Hohenschönhausen verlassen und wollte gerade auf seine Harley Davidson steigen, als laut Zeugenaussagen ein Mann auf ihn zutrat – ein Bekannter? Denn S. soll vor den Schüssen noch gesagt haben: „Was machst Du denn hier?“

Sekunden später fielen mehrere Schüsse, André wurde mehrfach in den Oberkörper und die Herzgegend getroffen.

Der Täter flüchtete, er soll keine rockertypische Kleidung getragen haben. Als wenig später die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr eintrafen, soll der Rockerchef bereits mehr tot als lebendig gewesen sein. Eine Notarztwagenbesatzung brachte ihn unter Polizeischutz ins Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Polizeieinheiten bewachen das Opfer rund um die Uhr, weitere Anschläge können nicht ausgeschlossen werden.

Machtkampf in der Szene

Nach Bekanntwerden des Anschlags wurde in der Szene schnell vermutet, dass es sich um eine Tat der verfeindeten Bandidos handeln könnte. Denn diese hatten in der Vergangenheit an Macht verloren, zahlreiche Angehörige dieser Bruderschaft waren zu den Hells Angels übergelaufen. Einem Ermittler zufolge ist André S. aber überhaupt kein sinnvolles Ziel der Kontrahenten. Vielmehr hatten sich die Hells Angels Berlin City unter der Führung des Türken Kadir P. in der Vergangenheit durch gewalttätige Übergriffe auf die Bandidos hervorgetan.

Zwar blieben Ermittlungsverfahren dazu bislang juristisch ohne Folgen, Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte die Gruppe dennoch kürzlich verboten – allerdings war ein geplanter Großeinsatz gegen die Rocker verraten worden, der Verein hatte sich buchstäblich in letzter Sekunde selbst aufgelöst. Zusammen mit den Hells Angels Nomads sollte demnächst das Bestehen der neu geschaffenen Gruppe „East District“ verkündet werden. Möglich ist, dass Streitigkeiten innerhalb des Clubs zu dem Anschlag führten.

Fest stehe einem Ermittler zufolge, dass André S. ebenso wie Kadir P. bei dieser neuen Gruppierung eine Führungsrolle innehaben sollte. Eine pikante Angelegenheit – denn der türkische Ex-Boxer war früher bei den Bandidos gewesen, bevor er mit knapp 80 Gefolgsleuten zu den Feinden übergelaufen war. Es sollen einem Ermittler zufolge damals auch seine Leute als die Täter in Frage kommen, die André S. und „Brüder“ vor einigen Jahren im brandenburgischen Finowfurt ausgebremst und angegriffen hatten.

Einem der Hells Angels wurde durch einen Machetenhieb beinahe ein Fuß abgeschlagen, André S. bekam ein Messer in den Rücken. In einem Fernsehinterview darauf angesprochen, wollte S. dazu keinen Kommentar abgeben. Der Anschlag auf den 47-Jährigen, da ist man sich beim Landeskriminalamt sicher, wird in keinem Fall folgenlos bleiben. Denn der Mann gilt als langjähriger Weggefährte des Hells Angels-Chef Frank H. aus Hannover, der inoffiziell als der Deutschlandchef der Bruderschaft gilt. Offiziell ist er nur für seine Heimatregion zuständig, sein Wort wiegt aber schwer. Auch innerhalb der harten Rockerszene gilt Verrat – noch dazu an einem langjährigen Mitglied – als Todsünde.

„Frank H. wird alles dafür tun, dass die Hintergründe der Tat, die an seinem alten Freund begangen wurde, bekannt werden“, so ein Ermittler. Sicherlich habe es in der Vergangenheit immer wieder zum Teil blutige, vereinzelt tödliche Auseinandersetzungen im Rockermilieu gegeben. Einen Angriff auf ein Führungsmitglied der Hauptstadt-Hells Angels habe allerdings eine völlig neue Qualität.

Verräter nicht gefunden

Nach Informationen von Morgenpost Online sollen amerikanische Hells Angels – in den USA liegen die Ursprünge der Rockervereinigung – vor etwa zwei Jahren nach Berlin gekommen sein und auch André S. mit dem Ausschluss gedroht haben – wegen verschiedener Ungereimtheiten. Offensichtlich muss sich die Angelegenheit aber geklärt haben, weil André S. weiterhin als Führungsmitglied der Bruderschaft agierte.

Mit der Berliner Rockerszene will sich heute auch der Innenausschuss im Abgeordnetenhaus beschäftigen. Die Opposition will wissen, wer im Vorfeld vom geplanten Verbot der Hells Angels Berlin City wusste. Denn die Rocker waren frühzeitig informiert und deshalb vorbereitet. Innensenator Frank Henkel und Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers müssen darlegen, wie sie mit solchen Informationslecks umgehen und diese künftig verhindern wollen. Nach Polizeiangaben ist der Verräter noch nicht gefunden.

SPD und CDU wollen zudem die kriminelle Rockerszene allgemein beleuchten, der Geschäfte mit Waffen und im Rotlichtmilieu nachgesagt werden. „Wir wissen überhaupt nicht, in welchen Bereichen die Rocker sonst noch aktiv sind“, so der SPD-Abgeordnete Tom Schreiber. Geklärt werden müsse auch, wie stark die Rocker auch in legale Geschäftsfelder investieren.

Polizei bittet Bürger um Hinweise

Erst kürzlich hatten die Berliner Sicherheitsbehörden deutlich gemacht, wie ernst ihnen die Bekämpfung der Rockeraktivitäten inzwischen ist: 1100 Beamte, darunter zahlreiche Spezialeinsatzkommandos (SEK) verschiedener Bundesländer sowie die Anti-Terror-Einheit GSG9 der Bundespolizei drangen in Berlin und Brandenburg in 74 Objekte der Bandidos Del Este ein, beschlagnahmten Drogen, Hieb- und Stichwaffen.

Im Clubhaus in Hennigsdorf im Norden Berlins wurde auch der Präsident des Clubs, ein ehemaliger Polizist und verurteilter Straftäter, festgenommen. Gegen ihn bestand allerdings kein Haftbefehl. Das Verfahren lief seit 2011, in der vergangenen Woche dann wurden die entsprechenden Beschlüsse unterschrieben und durchgesetzt. Doch trotz des Drucks durch die Behörden, so ein ranghoher Beamter, leben die Rocker unbeeindruckt weiter in ihrer kriminellen Parallelwelt und setzen ihre Interessen durch – notfalls auch mit Waffengewalt wie jetzt im Fall André S.

Die Polizei fragt: Wer hat in der Nacht zum Sonntag im Bereich des Germanenhofes an der Zingster Straße etwas beobachtet? Wer sah jemanden flüchten? Hinweise nehmen die 6. Mordkommission unter 4664911601 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen.