Verfahren seit 2011

Großrazzia bei Bandidos - Ex-Rocker packte aus

Seit 2011 wird gegen die Bandidos MC Berlin Del Este ermittelt. Ein Aussteiger vertraute sich der Polizei an. Nun schlugen 1100 Beamte zu.

Im Kampf gegen kriminelle Rocker haben Justiz und Polizei erneut demonstriert, dass sie gegen die Banden konsequent vorgehen. Nachdem kürzlich die Hells Angels Berlin City verboten worden waren, durchkämmten am Donnerstag 1100 Beamte in Berlin und Brandenburg insgesamt 74 Gebäude und Wohnungen des Bandidos MC Berlin Del Este sowie der Unterstützungsgruppen Bulldogs Del Este Hennigsdorf und Bulldogs Del Este Tegel. Den Organisationen wird gewerbs- und bandenmäßiger Rauschgifthandel zur Last gelegt.

Neben regulären Polizisten wurden auch zahlreiche Angehörige von Spezialeinheiten aus mehreren anderen Bundesländern eingesetzt. Bundespolizisten der GSG9, die zur Bekämpfung von Terrorismus und schwerster Gewaltkriminalität ausgebildet sind, stürmten das Clubhaus in Hennigsdorf. Die Beamten beschlagnahmten große Mengen Amphetamine und scharfe Schusswaffen. Sieben Haftbefehle wurden vollstreckt, Del Este-Präsident Thorsten S., ein ehemaliger Polizist und verurteilter Verbrecher, wurde überwältigt, aber später entlassen.

Ermittlungen seit 2011

Das Verfahren gegen die Bandido-Gruppierung läuft seit 2011. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich nach Informationen von Morgenpost Online einer der Rocker den Behörden anvertraut. Wegen der Gefahr für den Zeugen wurden für ihn spezielle Schutzmaßnahmen angeordnet.

Am Donnerstag machte die Polizei dann ernst: Punkt 5 Uhr drangen Spezialkräfte und Ermittler in die Wohnungen der Rocker ein und durchsuchten auch deren Arbeitsplätze. Über dem Vereinssitz an der Neuendorfstraße in Hennigsdorf kreiste ein Hubschrauber, mehrere Mannschaftswagen stoppten davor. GSG9-Männer stellten in Sekundenschnelle schwarze Leitern an die Fassade des nach außen nicht als Clubheim zu erkennenden Gebäudes und schlugen die Fenster ein. Wenig später hallten die Detonationen von Blendgranaten durch die Straße, Schüsse peitschten, ein Hund wurde erschossen. Zeitgleich sperrten vermummte Bundespolizisten das Areal weiträumig ab. Sechs Männer und vier Frauen wurden überwältigt, auch Drogenspürhunde wurden eingesetzt.

Acht Haftbefehle vollstreckt

Wenig später liefen erste Informationen in der Leitstelle zusammen: Stadtweit und auch in Brandenburg konnten die zuvor ausgestellten sieben Haftbefehle vollstreckt werden, fünf weitere Personen wurden wegen Waffen- beziehungsweise Drogenbesitzes festgenommen. Zudem ging den Beamten zufällig ein mit Haftbefehl gesuchter Rocker in die Fänge. Del Este-Präsident Thorsten S. wurde später wieder auf freien Fuß gesetzt.

Ob der Großeinsatz für ihn juristisch ohne Konsequenzen bleibt, ist noch ungewiss. Denn seinen Gefolgsleuten wird Drogenhandel mit Marihuana, Kokain und Amphetaminen im großen Stil vorgeworfen; in einer Berliner Wohnung wurden 25 Kilogramm davon beschlagnahmt. Ferner wird der Gruppe unter anderem Handel mit dem Schmerzmittel Tilidin nachgesagt. Der verschreibungspflichtige Wirkstoff, der in der Krebstherapie eingesetzt wird, wird auch illegal als Droge konsumiert. Tilidin unterdrückt Schmerzen sowie Angstgefühle und kann bei hoher Dosierung aber aggressiv machen. Kriminelle nutzen das Mittel mitunter, um sich vor einer Straftat aufzuputschen.

Nach und nach liefen am Nachmittag weitere Berichte über sichergestellte Gegenstände ein, darunter befinden sich zwei gestohlene Harley Davidson, eine Pistole, ein Revolver, eine abgesägte Schrotflinte sowie drei Gewehre und zahlreiche Messer und Macheten.

Thorsten S., ein Ex-Polizist als Rocker-Chef

Hennigsdorf war bereits mehrfach Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Rockerbanden. Im Juli 2008 war der Streit eskaliert, als ein Anhänger der Red Devils mit einer Pistole auf ein Mitglied der Bandidos gefeuert hatte. Beim Henningsdorfer Stadtfest setzte die Polizei 2011 ein Kuttenverbot durch, keinerlei Insignien des Clubs durften gezeigt werden.

Bei der Polizei wurde der erfolgreiche Einsatz mit Erleichterung aufgenommen. Denn Thorsten S. war früher selber Polizist, ihm werden nach wie vor gute Kontakte in der Behörde nachgesagt. Ein Polizeibeamter sagte, man vermute, dass Thorsten S. auch Informationen über gegen ihn geplante Aktionen erhalten habe. Dass es sich bei dem Rocker-Präsidenten um einen gewaltbereiten Mann handelt, belegt auch ein Fall aus dem Jahr 1997: Am 6. September hatten Thorsten S. und Michael B. – beide damals suspendierte Polizisten – einen Berliner Topmanager in dessen Villa überfallen. Er und seine Frau wurden mit Reizgas besprüht und gefesselt – ebenso ihre beiden Enkel. Strafverschärfend wertete damals das Gericht für S., dass er eine Scheinhinrichtung des Managers veranstaltet hatte, um den Ernst des Überfalls zu demonstrieren. Thorsten S. wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, sein Komplize bekam drei Monate weniger.