Universitäten

Berlin hängt München in der Forschung ab

Die Universitäten der Hauptstadt liegen beim Einwerben von Forschungsgeld klar vorn. Am stärksten verbesserte sich die Freie Universität.

Foto: Freie Universität Berlin

Wer wirklich Spitzenforschung vollbringen möchte, kommt mit der oftmals bescheidenen Grundfinanzierung der deutschen Universitäten durch die Bundesländer nicht aus. Begehrt sind deshalb sogenannte Drittmittel, wie sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Bundesforschungsministerium (BMBF), der Europäischen Union oder einer Stiftung gewährt werden.

Da die Universitäten in harter Konkurrenz um diese Forschungsförderung kämpfen und jeweils nur die Besten erfolgreich sein können, gilt die Höhe der eingeworbenen Drittmittel als guter Indikator für wissenschaftliche Qualität einer Universität beziehungsweise eines Fachbereichs. In diesem Sinne liegt Berlin jetzt bundesweit an der Spitze. Im Zeitraum 2008 bis 2010 flossen 631 Millionen Euro Fördermittel der DFG nach Berlin – mehr als in jede andere Region Deutschlands.

Auf dem zweiten Platz folgt die Region München mit 586 Millionen Euro. Beim letzten Ranking für die Jahre 2005 bis 2007 lagen München und Berlin noch gleich auf.

Diese Zahlen wurden am Donnerstag in Berlin vom Präsidenten der DFG, Professor Matthias Kleiner, bei der Vorstellung des „DFG Förderatlas 2012“ präsentiert. Weitere forschungsstarke Regionen in Deutschland sind Aachen-Köln-Bonn; Hannover-Braunschweig-Göttingen sowie Rhein-Neckar und Rhein-Main. Die Stärke Berlins beruht nach Einschätzung der DFG auch auf der guten Vernetzung der drei Berliner Universitäten mit den hiesigen außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Zudem gibt es mit dem Matheon ein eigenes DFG-Forschungsinstitut für Mathematik in der Bundeshauptstadt.

"Beleg für gestiegene Qualität"

In Berlin werden die Ergebnisse als Beleg für die gestiegene Qualität der Wissenschaft in der Hauptstadt gewertet. „Der bundesweite Vergleich zeigt die Leistungsfähigkeit der Berliner Hochschulen“, sagte Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Besonders erfreulich sei, dass Berlin seine Vielfalt an Einrichtungen und Themenfeldern „gewinnbringend nutzen konnte“ und so Mittel für die gesamte wissenschaftliche Breite und über viele Fakultäten hinweg akquiriert habe.

Wenn man die Bewilligungssummen aus der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder nicht berücksichtigt, dann erreicht die Freie Universität mit ihren eingeworbenen Forschungsmitteln in Höhe von 168,3 Millionen Euro bundesweit den ersten Platz im Förderranking. Inklusive der Fördermittel durch die Exzellenzinitiative landet die Freie Universität immer noch auf dem dritten Platz – hinter der Technischen Hochschule Aachen auf dem ersten und der Ludwig-Maximilians-Universität München auf dem zweiten Platz. Verglichen mit dem letzten Berichtszeitraum 2005 bis 2007 konnte sich die Freie Universität damit um zwei Ränge nach vorn arbeiten.

Die Fördermittel stiegen um knapp 30 Prozent auf 250,8 Millionen Euro an. In den Geistes- und Sozialwissenschaften liegt die FU bundesweit mit einer Fördersumme von 94,6 Millionen Euro an der Spitze. Die Hochschule verweist auch auf die hohe Zahl der Aufenthalte von Gastwissenschaftlern, die ein Anhaltspunkt für die Internationalität einer Hochschule sei. Fächerübergreifend kommt die Freie Universität beim Deutschen Akademischen Austauschdienst auf Platz eins, bei der Alexander-von-Humboldt-Stiftung auf Platz zwei.

Auch die Humboldt-Universität konnte sich im Gesamtranking um zwei Plätze verbessern und landet jetzt bundesweit auf der achten Position. Inklusive der Mittel aus der Exzellenzinitiative konnte die Humboldt-Universität 179,8 Millionen Euro an Drittmitteln einwerben. „Das Ranking bestätigt uns unsere schon sehr erfolgreichen Bemühungen, die Lebenswissenschaften auf unserem Campus Nord, nahe der Charité, als ein zukunftsträchtiges Forschungsprofil auszubauen. Ich bin sicher, dass sich das im Falle einer Förderung in der laufenden Runde des Exzellenzwettbewerbs auch in kommenden Rankings weiter positiv widerspiegeln wird“, sagt HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz.

Die Technische Universität verbesserte sich zwar nur von Platz 27 auf Rang 26. Doch bedeutete dies gleichwohl eine Steigerung der Fördermittel um mehr als 23 Prozent. Blickt man nur auf die naturwissenschaftlichen Disziplinen, so erreicht die Technische Uni dort unter den drei Berliner Universitäten den ersten Platz und bundesweit immerhin einen 7. Rang. „Für uns ist das Ergebnis ein wichtiger Gradmesser für unsere Entwicklung“; sagte TU-Präsident Jörg Steinbach: „Eine zweimalige Steigerung von mehr als 20 Prozent bei den DFG-Mitteln hintereinander zeigt, dass wir die richtigen Weichen stellen.“

Anteil der Drittmittel gestiegen

DFG-Präsident Kleiner betonte, dass von 1998 bis 2010 der Anteil der Drittmittelfinanzierung deutscher Hochschulen von 16 auf 26 Prozent gestiegen ist. In absoluten Zahlen ist das ein Anstieg von 2,5 auf 5,3 Milliarden Euro. Mit rund 35 Prozent trägt die DFG hierzulande den größten Teil der Drittmittel für die Forschung. „Die Drittmittel haben also stark an Bedeutung gewonnen und sind inzwischen ein dominierender Faktor für Wissenschaft und Forschung in Deutschland“, stellt Kleiner fest.

Der Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, der frühere FU-Präsident Dieter Lenzen, sieht die gewachsene Bedeutung der Drittmittelförderung indes auch mit einer gewissen Sorge. Die Länder hätten immer weniger Geld für die Grundausstattung, sodass gute Forschung ohne Drittmittel kaum noch möglich sei. „Das ist so, als müsste sich der Maler erst einmal um Farbe und Pinsel bewerben, bevor er überhaupt mit seiner Arbeit beginnen kann“, vergleicht Lenzen die Lage vieler Forscher an deutschen Universitäten: „Es muss doch auch möglich sein, als Forscher etwas zustande zu bringen, ohne dass man in den Wettbewerb um Drittmittel eintritt.“ Er sieht beim derzeitigen System der Forschungsförderung insbesondere die kleineren Universitäten benachteiligt, die sich personell das Bilden von Forschungsschwerpunkten und ständige Antragsschreiben nicht leisten könnten.

Lenzen fordert daher einen Einstieg des Bundes in die Grundfinanzierung der Universitäten.