Noch nie hat es so viele Studienanfänger in Berlin gegeben wie in diesem Wintersemester. Die Freie Universität zählt zu den beliebtesten Hochschulen in Deutschland. Mit dem FU-Präsidenten Peter-André Alt sprachen Ina Brzoska und Christine Richter über den Semesterbeginn und die Pläne der Hochschule.

Morgenpost Online: Herr Professor Alt, stürmen die Studenten die Freie Universität? Mehr als erwartet?

Professor Peter-André Alt: Wir haben eine volle Auslastung aller Plätze. 4300 Studienanfänger konnten wir aufnehmen, es gab 30500 Bewerbungen. Es ist eine sehr hohe Nachfrage, wie auch in den vergangenen Jahren, sie ist aber nicht weiter angestiegen, wie allgemein erwartet wurde.

Morgenpost Online: Trotz doppeltem Abiturjahrgang und Aussetzung der Wehrpflicht, wie erklären Sie sich das?

Professor Peter-André Alt: Immer mehr Abiturienten nutzen die Zeit nach der Schule und gehen ins Ausland, nach Australien oder Afrika. Dann machen viele ein soziales Jahr. Ich glaube, dass sich die Aussetzung der Wehrpflicht eher bei den Studienanfängern in den Fachhochschulen zeigt, weil dort die Ingenieurwissenschaften angeboten werden, die wir ja nicht führen. Ich vermute, dass es nicht zu so erschütternden Änderungen im System gekommen ist, wie befürchtet wurde. Wir sind gerade dabei die Zahlen auszuwerten.

Morgenpost Online: Welche Fächer sind an der FU besonders stark nachgefragt?

Professor Peter-André Alt: Wirtschaftswissenschaft und Psychologie gehören zu den absoluten Top-Fächern. Beliebt sind auch Theaterwissenschaft, Nordamerikastudien und Biologie.

Morgenpost Online: Erstmals dürfen ja schon 17-Jährige an die Universität. Wie kommen Sie mit den vielen Minderjährigen zurecht?

Professor Peter-André Alt: Da gibt es viele Dinge, die wir beachten müssen. Wir brauchen zum Beispiel die Einverständniserklärung der Eltern, wenn eine botanische Exkursion ansteht. Kollegen in der Filmwissenschaft sollten Filme zeigen, die nicht erst ab 18 Jahren freigegeben sind (lacht).

Morgenpost Online: Die FU ist bei ausländischen Studenten sehr begehrt. Sind Sie bundesweit Spitze?

Professor Peter-André Alt: Wir verzeichnen deutschlandweit Spitzenwerte bei der Nachfrage von ausländischen Studenten und Doktoranden. Bei den Masterstudiengängen haben wir 22 Prozent ausländische Studierende, in den Bachelorstudiengängen sind es 13 Prozent. Der wissenschaftliche Nachwuchs wird an der FU immer internationaler. Wir haben derzeit 4500 Doktoranden, in manchen Disziplinen kommen 30 bis 50 Prozent aus dem Ausland.

Morgenpost Online: Und diese kommen aus Europa?

Professor Peter-André Alt: Ja, aber vielfach auch aus Asien. Wir sind die deutsche Universität mit dem stärksten Anteil chinesischer Doktoranden. In China gibt es ein China-Scholarship-Programm mit einer guten Ausfinanzierung, da gibt es monatlich 1000 Euro pro Stipendium. Das ist nicht unproblematisch, denn chinesische Studenten verdienen damit so viel wie ihre Professoren zu Hause.

Morgenpost Online: Bleiben die Doktoranden dann in Berlin?

Professor Peter-André Alt: Das würde China nie erlauben. Die Doktoranden unterschreiben Erklärungen, dass sie zurückkehren werden. Gleichzeitig will Peking sich aber öffnen. Derzeit lautet die Botschaft der chinesischen Regierung, dass jeder Bachelor-Student ein Jahr ins Ausland gehen soll.

Morgenpost Online: Welche Fächer belegen die Chinesen?

Professor Peter-André Alt: Wirtschaftswissenschaft und Informatik, in Chemie haben wir einen sehr hohen Anteil an chinesischen Studenten. Übrigens auch in der Germanistik. Es gibt in China immer noch viele Deutschstudenten, die lernen bei uns mit einer ungeheuren Geduld die deutsche Sprache und sprechen dann bemerkenswert, wie zu Goethes Zeiten.

Morgenpost Online: Ist die FU so beliebt wegen ihres guten Ranking oder weil viele Studenten in die Stadt Berlin wollen?

Professor Peter-André Alt: Die jungen Leute finden Berlin aufregend und natürlich kommen sie auch deswegen. Aber die Freie Universität ist eben auch eine exzellente Universität, das spielt eine immer größere Rolle, gerade im Ausland. Studenten schauen inzwischen sehr genau, welche Universität ein hohes Ansehen genießt. Wir stehen deutschlandweit sehr stabil an vierter, fünfter Stelle und liegen europaweit unter den ersten 70 besten Universitäten.

Morgenpost Online: Sie wirken sehr zufrieden …

Professor Peter-André Alt: Das bin ich. Wir sind auf einem sehr guten Kurs, das zeigen die neuen Rankings. Wir haben gerade festgestellt, dass die Akzeptanz unserer Absolventen bei den Arbeitgebern gestiegen ist. Noch vor wenigen Jahren hatten wir mit Vorurteilen und mit einer Vergangenheit zu kämpfen, die längst vorbei war. Außerdem haben wir ein sehr gutes Konzept für die neue Runde des Exzellenzwettbewerbs. Das wird sicher ein heißer Herbst.

Morgenpost Online: Was haben Sie vor?

Professor Peter-André Alt: Wir setzen weiterhin auf Vernetzung. Wir sind eine internationale Netzwerkuniversität, die vorbildlich mit ihren weltweiten Verbindungsbüros kooperiert. Die Freie Universität hat inzwischen sieben Verbindungsbüros. In Peking, New York, Brüssel, New Delhi, São Paulo, Moskau und Kairo. Dort rekrutieren wir viele Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler und fördern auch deren Vernetzung. Außerdem pflegen wir das regionale Netzwerk in Dahlem, da gibt es eine gute Zusammenarbeit mit außeruniversitären Partnereinrichtungen, die wir weiter ausbauen.

Morgenpost Online: Mit welchen läuft es gut?

Professor Peter-André Alt: Mit den vier Max-Planck-Instituten und den zwei Helmholtz-Zentren. Ein tolles Projekt ist das akademische Karrierewege-Model. Unser Ziel ist es, den herausragenden Nachwuchs durch verschiedene Stationen zu führen, von der Postdoc-Phase bis zur Junior-Professur, vielleicht auch bis zur Dauer-Professur.

Morgenpost Online: Wer ist denn Ihr größter Konkurrent im Exzellenzwettbewerb?

Professor Peter-André Alt: Obwohl wir immer gut kooperieren, klar ist: Die Humboldt-Universität ist ein Wettbewerber. Schon allein deshalb, weil sie vom Profil her mit uns vergleichbar ist, genauso wie die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Es sind insgesamt 15 Kandidaten, die sich um die Anerkennung als Exzellenzuniversität bewerben. Alle stehen im Wettbewerb, messen sich miteinander.

Morgenpost Online: Wie schätzen Sie die Chancen der FU ein?

Professor Peter-André Alt: Ich bin da sehr zuversichtlich. Nächsten Sommer wissen wir mehr.

Morgenpost Online: Auf wie viel Geld hoffen Sie aus dem Exzellenzwettbewerb?

Professor Peter-André Alt: Wir sind in den Geisteswissenschaften stark, nicht in der kostenintensiveren Ingenieurwissenschaft, deswegen halten wir uns bei den Finanzerwartungen ein bisschen zurück. Ich hoffe, dass wir im günstigsten Fall bis zu 40 Millionen Euro bekommen.

Morgenpost Online: Derzeit wird über eine Bundesuniversität diskutiert. Was halten Sie von der Idee?

Professor Peter-André Alt: Es wäre sinnvoll, wenn das Land durch Bundeszuschüsse entlastet würde. Berlin hat die Charité und die braucht Planungssicherheit, denn Medizin ist die teuerste und wichtigste Spitzenforschung. Das Land hat mit der Charité eine Aufgabe zu schultern, die es in diesem System nicht stemmen kann.

Morgenpost Online: Sie möchten auch mehr Unternehmen dazu bewegen, Stipendien zu vergeben. Wie schaffen Sie das?

Professor Peter-André Alt: Im Gegensatz zu den USA, wo in Harvard und an der Columbia mehrere hundert Mitarbeiter nur für Fundraising zuständig sind, ist Fundraising an der FU Chefsache. Ich habe nur zwei Mitarbeiterinnen, die mich beim Geldeinwerben unterstützen. Die wichtigsten Unternehmen spreche ich selbst an, dafür sind Abendtermine da. Es ist ein schleppender Prozess. In Baden-Württemberg beispielsweise gibt es viel mehr Sponsoren, da existieren auch sehr viel mehr mittelständische Betriebe, die Geld anbieten. In Berlin ist das Bewusstsein für Bildungsförderung dieser Art noch nicht so ausgeprägt.

Morgenpost Online: Gerade verhandeln SPD und CDU über einen neuen Senat. Was wünschen Sie sich vom nächsten Wissenschaftssenator?

Professor Peter-André Alt: Etwas mehr Gelassenheit in der Auseinandersetzung mit den Zielen der Universitäten. Außerdem wünsche ich mir weniger gesetzliche Regelungen, weniger Kleinteiligkeit und ein Grundvertrauen in unsere Leistungsfähigkeit. Wir brauchen eine Hochschulfinanzierung, die auf Kontinuität setzt. Unser Problem ist, dass wir unser Geld immer erst rückwirkend bekommen. Ich wünsche mir also neue Regelungen im Hochschulvertrag, sonst bekommen wir bald Liquiditätsengpässe.

Morgenpost Online: Sollten Bildung und Wissenschaft ein Ressort bleiben?

Professor Peter-André Alt: Es gibt gute Gründe, Schule und Hochschule zusammenzubringen. Es ist aber auch sinnvoll, Wissenschaft und Wirtschaft in einem Verbund zu organisieren. Es wäre aber wichtig, dass die Wissenschaft nicht unter die Räder kommt, deshalb muss sie gut vertreten sein. Da brauchen wir jemanden, der sich in dem Bereich gut auskennt.

Morgenpost Online: Und wer könnte das sein?

Professor Peter-André Alt: Ich könnte mir vorstellen, dass die wissenschaftspolitisch erfahrene CDU-Politikerin Monika Grütters eine gute Wahl für dieses Amt wäre.