Hausbesuche

Berliner Bezirk Neukölln will Kinderschutz verbessern

Eigentlich sind Besuche des Gesundheitsamtes bei jungen Familien in Berlin obligatorisch. Aber ein Drittel der Eltern lehnt das ab.

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Eigentlich sollen alle Familien von Neugeborenen einen Besuch vom Gesundheitsamt erhalten. So sieht es das Netzwerk Kinderschutz vor. Doch etwa ein Drittel der Eltern lehnt dieses Angebot ab. Der Bezirk Neukölln plant nun, durch Begrüßungsgeschenke die Akzeptanz der Hausbesuche erhöhen.

Im März konnten in Neukölln 84 Familien der 363 geborenen Kinder nicht vom Amt erreicht werden. Im Februar scheiterte der vorgesehene Erstkontakt nach der Geburt bei 65 Familien und im Januar bei 35 Neugeborenen.

Berlinweit sind die Zahlen ähnlich. Im Jahr 2009 wurden 58 Prozent aller Säuglinge tatsächlich besucht. Zählt man Telefonate und Schriftverkehr dazu, gab es Kontakt zu 82 Prozent der Familien. Der Trend für 2010 sei etwa gleichbleibend, heißt es aus der Gesundheitsverwaltung.

„Wir machen enorme Anstrengungen um die Quote der Hausbesuche nach der Geburt zu steigern“, sagt Falko Liecke, Jugend- und Gesundheitsstadtrat von Neukölln (CDU). Immerhin sei es gelungen,seit 2007 den Anteil der erfolgreichen Erstkontakte zu verdoppeln. Trotzdem bleibe in dem jetzigen System eine Lücke. Wenn wiederholte Versuche die Familie zu besuchen erfolglos bleiben, seien die Mitarbeiter machtlos.

Eine detaillierte Auswertung der Erstkontakte vom November vergangenen Jahres in Neukölln hatte gezeigt, dass sich die Eltern in 30 Prozent der Fälle zwar telefonisch melden, aber ausdrücklich keinen Besuch vom Gesundheitsamt wünschen. Weitere 24 Prozent melden sich gar nicht und sind weder telefonisch noch zu Hause anzutreffen.

In diesen Fällen überprüft das Gesundheitsamt, ob die Kinder beim Kinderarzt an den Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen haben. Sollte es auch hier eine Fehlanzeige geben, könne man nicht mehr machen, als erneut einen Hausbesuch zu versuchen.

Erstbesuche sollen attraktiver werden

Stadtrat Liecke will die Erstbesuche für die Familien attraktiver machen durch kleine Geburtspräsente, so wie es sie in Dormagen gibt. Vor sechs Jahren wurde in der Stadt nördlich von Köln ein Frühwarnsystem zum Kinderschutz aufbaut. Jedes Neugeborene erhält seither ein Begrüßungspaket mit einer Urkunde, kleinen Geschenken und einem Heft mit Hilfsangeboten. 99 Prozent der Familien nehmen das Angebot an.

„Wir wollen weg vom Image der Kontrollbehörde“, so Liecke. Stattdessen sollen die Eltern wissen, dass es hier hilfreiche Angebote gibt. Vorstellbar seien beispielsweise Gutscheine, etwa für Kurse oder für die Erstausstattung. Man könne viel mit Sponsoring arbeiten, doch ganz ohne zusätzliche Gelder werde es wohl nicht funktionieren.

Das Modell Dormagen habe gezeigt, dass sich der Aufwand lohne, so Liecke. Bundesweit hat Dormagen die geringsten Ausgaben für Hilfen zur Erziehung pro Einwohner bundesweit.

Ungeachtet dieser Maßnahmen spricht sich Liecke dafür aus, auch die Verbindlichkeit der Hausbesuche und der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt gesetzlich zu forcieren. Wenn sich Eltern verweigern, soll es ein Bußgeld geben. Das allerdings würde eine berlinweite gesetzliche Regelung erfordern.

Monika Herrmann, Jugend- und Gesundheitsstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne) lehnt einen Zwang bei Erstkontakten ab. Allerdings spricht sich auch die Stadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg dafür aus, die Begleitung durch Familienhebammen mit sozialpädagogischer Zusatzausbildung allen Eltern vor und nach der Geburt anzubieten.

Auch Thomas Insenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, glaub dass Sanktionen im Vorsorgebereich eher die Ablehnung gengen die Behördung verstärken würden. Zudem sei eine Verpflichtung rechtlich kaum durchsetzbar.