Psychisch Kranke

Berliner wehren sich gegen Maßregelvollzug in Nachbarschaft

In Weißensee entstehen 20 Apartments für psychisch kranke Straftäter. Die Anwohner protestieren, sie fürchten eine Gefahr für ihre Kinder.

Foto: Christian Hahn

Die ruhigen Zeiten im Kiez nördlich vom Weißen See in Berlin sind vorbei. Daniela Kau, Peter Dommaschk und andere Anwohner sammeln Unterschriften, schreiben an Politiker, informieren sich bei Rechtsanwälten und tauschen sich bei Facebook aus.

Ein Bauprojekt beschäftigt die Einwohner von Weißensee (Berliner Bezirk Pankow). In einem ehemaligen Gefängnis an der Großen Seestraße werden 20 Apartments für Straftäter mit psychischen Erkrankungen eingerichtet. Es soll ein halb offener Maßregelvollzug werden.

In dem Wohnprojekt sollen sich die Klienten an das Leben außerhalb des Krankenhauses gewöhnen und lernen, sich im Alltag zurechtzufinden. Sie werden rund um die Uhr betreut. Und das Haus werde nachts verschlossen, teilt die gemeinnützige Gesellschaft Zeitraum mit.

Sie ist Träger des Vorhabens und arbeitet mit dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs zusammen. Im November 2012 wird der Bau fertig sein. Etwa 1,8 Millionen Euro betragen die Baukosten.

Anwohner wollen Bürgerbegehren

"Im Umfeld liegen sechs oder sieben Kitas und eine Grundschule", sagt Anwohnerin Daniela Kau. "Warum legt man diese Einrichtung des halb offenen Maßregelvollzugs in einen Kiez mit Familien?"

Weil es um psychisch Kranke gehe, die wieder in den Wohnkiez integriert werden sollen, sagt Cornelia von Massenbach, Bereichsleiterin bei der Zeitraum gGmbH. Die Betroffenen seien wegen ihrer Krankheit nicht schuldfähig.

Das Gericht habe sie zum Aufenthalt im Maßregelvollzug verurteilt. "In Weißensee werden sie stundenweise Ausgang bekommen, in Absprache mit ihrem Therapeuten."

Eine Bürgerinitiative will das Vorhaben verhindern. "Wir wollen ein Bürgerbegehren in die Wege leiten", sagt Peter Dommaschk. Außerdem werde ein Verein gegründet.

Man wolle juristisch gegen das Projekt vorgehen. "Viele Hauseigentümer und Mieter haben sich schon an uns gewandt", sagt der 37-Jährige.

Furcht vor psychischer Krankheit

Anwohnerin Daniela Kau erzählt, dass sie erst vor etwa drei Wochen von dem Wohnprojekt erfahren hat. Damals sei die Bautafel angebracht worden, obwohl die Arbeiten schon seit Jahresbeginn laufen.

Auf der Tafel habe "Therapeutischer Verbund" gestanden, aber nichts von Maßregelvollzug und von psychisch kranken Straftätern, sagt die Krankenschwester. Sie habe im Internet gesucht und die genauere Beschreibung des Vorhabens erst auf der Homepage der Aktion Mensch, die das Vorhaben im Jahr 2011 mit 250.000 Euro förderte, gefunden.

"Ich wohne seit zwei Jahren hier", sagt Daniela Kau. "Man hat sich bisher nie wirklich Sorgen machen müssen." Doch jetzt seien die Anwohner besorgt und verärgert.

"Was wir fürchten", sagt Peter Dommaschk, "ist diese Kombination aus Straftäter und psychischer Krankheit." Dadurch würden die künftigen Bewohner unberechenbar. "Dieses Risiko zwischen Kitas und Schulen zu platzieren, ist unverantwortlich."

Dommaschk ist Autor von Fernsehkrimis wie Tatort und Soko Köln. Durch seine Recherchen und Gespräche mit Kriminologen und Polizisten habe er einiges gelernt, sagt Dommaschk, auch über die Taten psychisch Kranker. "Einblicke, die mich nicht beruhigen."

Keine besondere Sicherung vorgesehen

Dommaschk lebt seit zwölf Jahren in Weißensee. Seine sechs Jahre alte Tochter besucht die Grundschule am Weißen See.

"Das Gebäude verfällt, weil Geld fehlt", kritisiert er. "Aber für dieses Projekt werden fast zwei Millionen Euro ausgegeben." Peter Dommaschk ärgert sich auch deshalb, weil die Behörden nicht rechtzeitig über das Vorhaben informierten.

"Dass es um Straftäter geht, kam spät und überraschend." Erst auf Drängen der Anwohner seien wöchentliche Sprechstunden im Baucontainer anberaumt worden, sagt Daniela Kau. Ebenfalls im Ergebnis der Nachfragen beim Bezirksamt sei ein Diskussionsabend mit Stadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) für den 16. April in der Grundschule am Weißen See angesetzt worden.

Die Dezernentin teilte auf Anfrage des CDU-Bezirksverordneten Johannes Kraft mit, dass das Haus mit den Apartments durch Gitter und andere Vorkehrungen gesichert werden solle. Eine Überwachungstechnik, die dem Vorhaben angepasst sei, werde installiert.

"Das Gelände bedarf keiner besonderen Sicherung", sagt die Dezernentin. Die Baugenehmigung, so Zürn-Kasztantowicz, sei im Dezember 2011 erteilt worden. Das dreigeschossige Gebäude, das unter Denkmalschutz steht, werde um- und ausgebaut und durch einen Anbau ergänzt.

Pädophile sollen nicht aufgenommen werden

Anfang März habe sich der Projektträger mit Kitas, der Wohnungsbaugesellschaft und der Grundschule in Verbindung gesetzt. Dass das Bauschild erst am 20. März aufgestellt wurde, sei "durch die verzögerte Fertigstellung des Schildes durch die beauftragte Firma" verursacht worden. Für die Standortwahl in Weißensee sei ausschlaggebend gewesen, dass das alte Gebäude verfügbar und finanzierbar war.

Bei den künftigen Bewohnern der Apartments handele es sich um Personen, die wegen mittelschwerer Straftaten wie Körperverletzung, räuberischem Diebstahl oder fahrlässiger Brandstiftung verurteilt wurden. Patienten mit schweren Sexualdelikten, wie Pädophile, sollen nicht in Weißensee aufgenommen werden.

Der Träger, die Zeitraum gGmbH, betreut seit 40 Jahren psychisch kranke Menschen. Seit fünf Jahren betreibt sie einen halb offenen Maßregelvollzug in Wedding. Die dort untergebrachten Kranken hätten seither keine neuen Delikte begangen, sagt Cornelia von Massenbach.

Daniela Kau lebt bislang gern in Weißensee. Viele Rentner, viele junge Familien wohnen in ihrem Umfeld. Es sei ein "ruhiges Eckchen", sagt sie. Doch nun wachse die Angst.

Protest in Lankwitz blieb folgenlos

Die junge Frau erzählt von dem Garten an ihrem Haus mit Trampolin und Blumenbeeten. "Von den Apartments des Maßregelvollzugs aus hat man den Blick auf unsere spielenden Kinder."

Daniela Kau ist skeptisch, ob die Bürgerinitiative den Maßregelvollzug in Weißensee noch verhindern kann. Auch in Lankwitz hatten Anwohner gegen ein Wohnprojekt für psychisch kranke Straftäter geklagt.

Ihre Anträge wurden vom Verwaltungsgericht zurückgewiesen. Das Projekt startete 2008.

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