Geplanter Uferweg

Angst vor Enteignung am Groß Glienicker See

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Sabine Flatau

Foto: Christian Schroth

Das Ufer am Groß Glienicker See ist für anliegende Parzellenbesitzer ein Ort der Entspannung. Doch mit der Ruhe könnte es bald vorbei sein.

Es sind unruhige Tage für Eva Bayreuther, für Peter Garbisch und Annette Midlasch. Sie fürchten um ihre lieb gewordenen Parzellen am Groß Glienicker See – und mit ihnen mehr als 100 weitere Anlieger des Gewässers.

Es geht um das Angeln oder Liegen auf dem Steg, um den ungestörten Zugang zum See, um Bootfahren und um die Stille, die man genießen kann.

All das, was den Parzellenbesitzern seit Jahrzehnten möglich ist, soll nun enden.

Denn es wird einen öffentlichen Uferweg am Groß Glienicker See geben, im Interesse der Allgemeinheit. So hat es die Bezirksverordnetenversammlung am Mittwoch mit den Stimmen von SPD und Grünen beschlossen.

Künftig soll ein 15 Meter breiter Streifen am Ufer frei von jeglicher Nutzung bleiben – das hatte der Ausschuss für Natur- und Umweltschutz vorgeschlagen. Die Grundstücksbesitzer müssen deshalb eine Enteignung befürchten.

Die CDU hatte gegen den Plan gestimmt. „Enteignung ist für uns nicht der geeignete Weg, um den politischen Willen durchzusetzen“, sagte der CDU-Verordnete Thorsten Schatz. Mehr Bürgerbeteiligung sei seiner Meinung nach nötig.

Stege sollen verschwinden

Weil der Uferweg beschlossen ist, müssen die Anlieger ihre Stege entfernen und Teile ihrer Parzellen abgeben, damit der Weg angelegt werden kann. Deshalb haben sich viele Betroffene zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen.

„Wir wollen uns so organisieren, dass unsere Forderungen mehr Verbindlichkeit bekommen“, sagt Eva Bayreuther. Möglicherweise werde ein Verein gegründet.

Der Groß Glienicker See ist etwa 66 Hektar groß. Quer durch das Gewässer zieht sich die Landesgrenze. Der Brandenburger Teil gehört dem Bund, die Berliner Fläche dem Bezirksamt Spandau.

Die Behörde kaufte das Gewässer im Jahr 2010 für 255.000 Euro und wollte damit den öffentlichen Zugang dauerhaft sichern. Auch auf der Potsdamer Seite des Sees soll eine durchgängige Promenade angelegt werden. Auch dort wehren sich Anlieger gegen die Enteignung.

"Keine reichen Leute"

Am Spandauer Ufer gibt es etwa 120 private Parzellen. Sie sind schmal – viele haben nur eine Breite von 2,50 bis sechs Metern. Die Kleinteiligkeit stammt aus den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

„Es sind keine reichen Leute, die diese Grundstücke heute besitzen“, sagt Eva Bayreuther. Es seien junge Familien, die sich das kleine Stück Land leisten könnten, Krankenschwestern oder Handwerker.

Die meisten nutzen die Parzelle in ihrer Freizeit, am Wochenende, im Urlaub. Eva Bayreuther ist am See aufgewachsen. Ihr Vater habe das Grundstück 1955 gekauft, erzählt sie. Sie hat die Veränderungen am See im Laufe der Jahre miterlebt.

„Viele Stege sind in den See gebaut worden, einige mit großen Plattformen“, erzählt Eva Bayreuther. Über die Stege erreichen die Anlieger den See, denn am Ufer zieht sich ein Schilfgürtel entlang.

Die Stege ragen jetzt mehr als einen Meter aus dem See hervor, weil der Wasserspiegel in den vergangenen Jahren gefallen ist. Auch die Uferbefestigung aus Holz und Stein wird immer mehr sichtbar.

Grundstücke redlich erworben

„Da muss sich etwas ändern“, sagt Bayreuther. Die Befestigung sei nicht mehr erforderlich, wegen des geringeren Wasserstandes. Ein Teil der Stege könnte abgebaut werden. Doch der Uferweg werde keine guten Folgen haben, befürchtet sie.

Wie schon an den Badestellen, würden die Besucher auch auf dem Weg Müll zurücklassen. Der Weg würde dicht an der Terrasse oder dem Bungalow der Parzellen vorbeiführen. „Viele Anlieger werden sich einen zwei Meter hohen Sichtschutz bauen“, sagt sie.

Auch Peter Garbisch lehnt den Weg ab. Er lebt seit 42 Jahren am Groß Glienicker See und möchte das Grundstück an seinen Sohn und an seinen Enkel weitergeben. „Es ist redlich erworben“, sagt der 77-Jährige. „Mit welchem Recht will man es mir jetzt wegnehmen?“

Peter Garbisch liebt die Ruhe am See, freut sich am Quaken der Frösche, an Ringelnattern, am Schwirren der Libellen. „Blesshühner und Haubentaucher nisten im Schilf“, erzählt er. Er fürchtet, dass sie vertrieben würden, wenn viele Wanderer auf einem schmalen Weg zwischen Schilf und den Grundstücken entlanglaufen.

Gespräche mit Anliegern "nicht mehr nötig"

Auch Annette Midlasch lebt auf der Parzelle am See. „Meine Eltern haben das Grundstück 1979 gekauft“, erzählt sie. Die Familie nutzte es damals als Wochenendgrundstück.

Vor sechs Jahren ist die Kladowerin auf das Grundstück gezogen. „Meine Kinder werden im Garten und in der Natur groß“, schwärmt sie. Sie sei verärgert, sagt sie. „Es gibt so viel wichtigere Dinge in Spandau, für die man Geld ausgeben müsste, als den Uferweg.“

Schulen seien marode, Straßen kaputt. „Es gibt in Kladow keinen Ort für Jugendliche, an dem sie sich treffen könnten.“ Sie sehe nicht, sagt Annette Midlasch, dass noch eine friedliche Lösung möglich sei. „Es läuft auf einen Rechtsstreit hinaus.“

Doch für die SPD haben die Interessen der Allgemeinheit höhere Priorität als die Wünsche der Parzellenbesitzer. „Wir wollen, dass das Seeufer für alle Spandauer zugänglich ist“, sagt SPD-Fraktionschef Christian Haß, „auch für Bewohner der sozial schwierigen Gebiete wie Hakenfelde, Heerstraße Nord und Wilhelmstadt.“

Gespräche mit den Anliegern seien nicht mehr nötig. „Es hat genügend Diskussionen gegeben.“ Jetzt, nach der Entscheidung, müsse das Bezirksamt die nötigen Schritte gehen.

Das Argument, dass die Badestellen am Groß Glienicker See stark genutzt und vermüllt seien, will Haß nicht gelten lassen. „Dann dürfte man nirgendwo mehr einen Uferweg anlegen.“ Der Müll sei ärgerlich, aber „ dann muss man mehr Abfallbehälter aufstellen“.

Hoffnung auf einen Runden Tisch

Doch die Anlieger hoffen immer noch darauf, dass der Runde Tisch, der sich schon einmal mit dem Thema beschäftigte, wieder auflebt. Dafür plädiert auch Baustadtrat Carsten Röding (CDU), der das Gremium moderieren möchte.

Er schlägt vor, alle BVV-Fraktionen, die Anlieger und das Amt für Natur und Umwelt einzubeziehen. Er befürwortet auch, alle Einwohner in Kladow zum Uferweg zu befragen, nicht nur die See-Anlieger.

Der Streit sei eskaliert, sagt der Stadtrat. „Es geht nicht nur um den Uferweg, sondern auch darum, wie man mit den Anliegern umgeht.“ Die Parzellenbesitzer fühlten sich vor vollendete Tatsachen gestellt, so Röding.

Es würden politische Machtspiele auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen. Doch auch, nachdem die BVV den Uferweg beschlossen hat, „muss niemand Angst haben, dass er morgen kurz vor der Enteignung steht“.

Röding sagte, er werde versuchen, den politischen Auftrag vernünftig umzusetzen.