Anne Hölterhoff weiß genau um die Eigenschaften von Segeln. Berlins einzige Segelmacherin steht im Zuschneideraum ihrer Segelmacherei in Spandau und friert. Vor ihr auf dem Boden ist - einem Schnittmuster einer Modezeitschrift ähnlich - ein Labyrinth aus Linien aufgezeichnet. Verschiedene Farblinien laufen durcheinander, und während der Laie kaum etwas erkennt, sieht Anne Hölterhoff sofort: Hier wird ein Segel für ein 420er Segelboot angelegt, dort für einen Jollenkreuzer.
Insgesamt 360 Quadratmeter Geschossfläche belegt die Segelmacherei. Doch will sich Hölterhoff nicht zu lange in dem Zuschneideraum aufhalten, sondern lieber schnell wieder in die benachbarte Werkstatt der Segelmacherei zurückkehren. Kurze Blicke in angrenzende Räume zeigen alte Nähmaschinen, weitere Zuschneidetische, Ablagen für Segeltuch, ungenutzt und von der Zeit vergessen.
Computer bestimmen den Zuschnitt
Seit 1948 ist in den Räumen eine Segelmacherei beheimatet. Betrieben wurde sie über 40 Jahre lang von dem Berliner Segelmacher Helmut Friedel, der vor nunmehr acht Jahren in Pension ging. Damals übernahm Anne Hölterhoff, heute 53 Jahre alt, den Betrieb. Sie ist Quereinsteigerin, denn eigentlich hat sie Garten- und Landschaftsbauerin gelernt. 1995 fing sie bei dem alten Meister Friedel an, da ihr Garten- und Landschaftsbaubetrieb verkauft worden war. Anne Hölterhoff hat im Lauf der Jahre alles gelernt, was es über das Segelmachen zu wissen gibt.
Zu ihren Kunden zählen Privateigner von Berliner Segelbooten, Vereine oder die Technische Universität Berlin. Diese unterhält eine Segelschule, für deren Ausbildungsboote Anne Hölterhoff Segel näht - mit etwas dickerem Stoff, da Ausbildungsboote von Segelanfängern stark strapaziert werden, vor allem durch die vielen sogenannten Aufschießer. Das ist ein Manöver, bei dem ein Segelboot auf wenigen Metern angehalten werden muss, und bei dem dann das Segel heftig im Wind flattert.
Anne Hölterhoff hält eine Tradition aufrecht, die von vielen großen Segelmachereien längst aufgegeben wurde. Findet bei vielen großen Unternehmen allenfalls noch die Entwicklungsarbeit in Deutschland statt, so ist der Zuschnitt schon vor Jahren ins Ausland verschwunden, meistens nach Asien. Computer bestimmen das Tagesgeschäft, und auf dem Boden kraucht niemand mehr umher - außer in Spandau.
Anne Hölterhoff hat sich ganz bewusst dafür entschieden. Zwar ist ein Computer mittlerweile fast ein Pfennigartikel, allerdings brauche eine Segelmacherei obendrein einen Plotter, der den Segelplan komplett ausdruckt. So wäre das Ganze dann doch eine recht große Investition - zu groß für Hölterhoffs kleinen Betrieb. Und so schneidert sie lieber auf traditionelle Art. Zwischen 20 und 40 Segel produziert Anne Hölterhoff auf diese Weise jedes Jahr. Ein Segel für eine Jolle braucht circa acht Stunden Arbeit, ein Großsegel etwa drei bis vier Tage.
In Bahnen wird der Segeltuchstoff abgewickelt und auf dem Boden ausgerollt, verklebt und zugeschnitten. Mit einer Druckpresse werden für die Aufnahme des Segels am Großbaum und am Mast Ösen gestanzt. Bis in den Frühsommer hinein ist die Zeit, in der Hölterhoff am meisten zu tun hat und die Aufträge oft buchstäblich zur Tür hereinkommen - viele Segler geben ihre Segel bei Hölterhoff persönlich ab. Sprayhoods, Klappverdecke, Persennings und Polster für Kabinen stehen neben Segeln auf ihrem Arbeitsprogramm. Während Hölterhoff über ihre Segelmacherei erzählt, tackert einen Meter weiter eine Industrienähmaschine mit 0,5 PS Leistung. Mit einer normalen Haushalts-Nähmaschine ließe sich der schwere Stoff von Persennings und Segeln nicht durchstechen. Dort arbeitet Matthias Geithner, Auszubildender im dritten Lehrjahr, der den Beruf des Segelmachers erlernt - eine selten gewordene Profession, die einzige Berufsschule in ganz Deutschland findet sich in Lübeck. Geithner arbeitet an einer Persenning, einem Schutzmantel für ein Segelboot. So etwas gibt es zwar auch für Kunststoffboote, sie werden vor allem aber für Holzboote genutzt, um Mahagoni- oder Teakholz vor der Verwitterung zu schützen. Die Persenning, an der Geithner arbeitet und flickt, ist mittlerweile 20 Jahre alt, der Kunde möchte sie gern weitere 20 Jahre nutzen.
Eigentlich aber sei der Überzug viel zu alt, findet Anne Hölterhoff, als sie den Stoff befühlt. "Viele sparen hier am falschen Ende. Eine Persenning ist schnell ersetzt. Geht aber das Holz des Schiffes kaputt, weil die Persenning es nicht mehr schützt, ist der Schaden ungleich größer." Auch sei gerade in Berlin viel Schmutz in der Luft, manchmal müsse es eben ein neuer Schutz fürs Boot sein. Überhaupt gingen viele Segler mit den Segeln ihrer Boote - dem Antrieb - oft nicht sonderlich pfleglich um. "Über den Winter falsch zusammengelegte Segel können ihre Form verlieren oder sogar kaputt gehen."
Der Lehrling fuhr um die halbe Welt
Der 32-jährige Geithner, der nach seiner Ausbildung auch weiter in der Segelmacherei Friedel arbeiten möchte, nickt zustimmend, als Hölterhoff erzählt, denn er weiß um die Bedeutung eines guten Segels. Beim Fastnet Race ist er mitgefahren und auch beim berühmten Sydney-Hobart-Race von Australien nach Tasmanien. Daher weiß er, dass ein gutes Segel den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage ausmachen kann.
Dass beiden das Segeln auch über die Arbeit hinaus am Herzen liegt, zeigt auch ihre Mitgliedschaft im Akademischen Segler-Verein Berlin. Hölterhoff segelt ein H-Boot, Geithner fuhr auf der "Walross 4", einem der großen Studentenboote des Vereins, bereits um die halbe Welt. Derzeit überlegt der Akademische Segler-Verein, mit der "Walross 4", einer 17 Meter langen Einzelanfertigung, an der nächsten Atlantic Rally for Cruisers, einer Regatta von Gran Canaria in die Karibik, teilzunehmen. Für diesen Wettbewerb würde Geithner gern auch ein Segel schneidern, um den einen oder anderen Knoten an Geschwindigkeit herauszuholen. Es müsste aber schon ein besonderes Segel sein, denn gerade in der Karibik scheint die Sonne heiß, und die UV-Strahlen setzen dem Segel noch mehr zu als hier.

