Paul-Lincke-Ufer

Die Sonne genießen - mitten im Müll

Am Paul-Lincke-Ufer quellen die Eimer über. Einmal pro Woche lässt der Bezirk reinigen - der Stadtrat hat sich mit dem Wetter verschätzt.

Foto: Glanze

Kaffeebecher, Pizzaschachteln, Wein-, Wasser- und Bierflaschen, Eisbecher, Papp- und Plastikkartons jeder Größe, Essensreste – in der Grünanlage am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg quellen die Mülleimer über, der Abfall liegt auf den Wegen und am Ufer verstreut. Und das schon seit Tagen.

„Ich kenne das nicht anders und lebe damit“, sagt eine 34-jährige Mutter, die dort fast jeden Tag ihr fünf Monate altes Töchterchen im Kinderwagen spazieren fährt. Würde das Kind schon laufen, sähe sie den Zustand sicherlich kritischer, gibt die junge Mutter zu. Aber so sei sie daran gewöhnt, seit zwölf Jahren lebe sie in Kreuzberg.

Schon seit Jahren beschäftigt Friedrichshain-Kreuzberg keine eigenen Mitarbeiter mehr, die für den Müll in den Grünanlagen zuständig sind. Nur Gärtner gibt es noch. Die Müllentsorgung erledigen Privatfirmen.

Sie reinigen außerhalb der Saison einmal in der Woche die Grünanlagen wie den Görlitzer Park, den Oranienplatz, der am Mittwoch ebenfalls vermüllt war, und auch den Streifen am Landwehrkanal parallel zum Paul-Lincke-Ufer.

Im Gegensatz zur Straßenseite gegenüber der Grünanlage, deren orangefarbene Müllbehälter von der BSR regelmäßig geleert werden, herrscht in der Grünanlage Chaos.

Extra-Reinigung im Görlitzer Park

„Kreuzberg hat nur wenige Grünflächen, und die sind bei schönem Wetter völlig übernutzt“, sagt der zuständige Stadtrat Hans Panhoff (Grüne). Er gibt aber zu, dass er sich mit dem Wetter verschätzt habe. „Ich bin mit der Situation auch nicht zufrieden“, sagt er. Aber es sei überraschend und mit aller Macht so warm geworden, so der Stadtrat.

Außerdem sei die öffentliche Hand bei der Auftragsvergabe starken Regeln unterworfen, die „uns unflexibel machen“. Die Grünanlagen würden beispielsweise europaweit mit einem langen Vorlauf ausgeschrieben, so Panhoff.

Trotzdem habe er Anfang der Woche nach dem schönen Wochenende für den Görlitzer Park entschieden, dass der außerhalb der Reihe gereinigt werden sollte. „Der Zustand war nicht haltbar“, sagt Panhoff.

Allerdings koste ihn die Extrareinigung Geld, das der Bezirk eigentlich nicht habe. „Wir bräuchten mehr Geld für den Unterhalt der Grünflächen, dazu gehört auch die Reinigung und Pflege der Spielplätze. Aber auch in diesem Jahr werden uns wie schon im Vorjahr wieder nur 1,45 Millionen Euro zur Verfügung stehen“, bilanziert Panhoff.

Mehr Flexibilität angestrebt

Von der nächsten Woche an werden Kreuzbergs Grünanlagen zweimal in der Woche gesäubert, immer montags und donnerstags. Außerdem überlegt der Bezirk, ob er mehr oder größere Abfalleimer aufstellen sollte.

Gleichzeitig arbeitet man an einem neuen Reinigungssystem, das auch das Schnell-Leeren von vollen Papierkörben im Bedarfsfall leisten soll. Seine Gärtner darf Panhoff dafür aber nicht einsetzen, sie arbeiten in einer höheren Tarifgruppe. Wer die Arbeit machen soll, weiß Panhoff deshalb noch nicht.

Das alles wird den schlechten Eindruck, den Eva Krieg (48) und Urs Humbel (55) am Mittwoch bei ihrem Spaziergang am Paul-Lincke-Ufer bekamen, aber nicht mehr wettmachen können. Das Paar, das aus einem Ort zwischen Basel und Schaffhausen angereist ist, hat bei seinem Berlin-Besuch einen Tipp der Freundin befolgt und ist entsetzt.

„Der Zustand ist echt erschreckend“, so die Frau. „Einfach katastrophal“, ergänzt Urs Humbel. Ansonsten sei Berlin beeindruckend, eine geschichtsträchtige, interessante Stadt. Verwundert beobachtet das Paar allerdings, dass sich die Menschen am Paul-Lincke-Ufer neben all diesen Müllhaufen auf die Bänke und ins Gras setzen.

Berliner können Dreckecken melden

Einer von ihnen ist Tischler-Azubi Viaceslav Timosenko (24). „Ich will einfach nur die Sonne genießen, habe eine halbe Stunde Mittagspause und schließe ganz einfach meine Augen dabei“, sagt er.

Und es gibt ja auch Anlass zur Hoffnung. Am heutigen Donnerstag ist wieder Reinigungstag am Paul-Lincke-Ufer, dessen Sonnenseite auch gern von den Menschen am gegenüberliegenden Ufer, dem Maybachufer, genutzt wird.

Dort ist das Ufer in weiten Flächen mit einem Zaun abgesperrt, aber die orangefarbenen BSR-Mülleimer sind ordentlich geleert. Die BSR plant übrigens vom 10. bis 20. April nach einer Information des Bezirksamts Lichtenberg wieder eine Hotline zu schalten.

Unter Tel: 75 92 58 88 sollen Berliner dann wieder Dreckecken melden können.