Jüdische Gemeinde zu Berlin

Vorsitzender Joffe zieht Ärger auf sich

Die Empörung über den neuen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde wächst. Mit Joffes Entscheidung, den Antisemitismus-Beauftragten von seinen Aufgaben zu entbinden, ist auch der Zentralrat der Juden nicht einverstanden - nach der Aufdeckung der Neonazi-Morde sei das "ein falsches Signal".

Foto: Amin Akhtar

Wenige Tage nach seinem Amtsantritt schafft der neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe (39), Tatsachen. Erst hat er den Beauftragten der Jüdischen Gemeinde für die Bekämpfung des Antisemitismus seiner Aufgaben entbunden, jetzt soll er drei Mitarbeitern Aufhebungsverträge angeboten haben: dem Fahrer, der seit 18 Jahren die Vorsitzenden fährt, der Öffentlichkeitsmitarbeiterin und einer Beschäftigten, die die Webseite betreut. Das sorgt für Ärger und Unruhe in der Gemeinde.

Vier Jahre lang hat sich der Antisemitismusbeauftragte Levi Salomon (53) unentgeltlich für die Aufgabe engagiert. Er hat mit Bundes- und Landesbehörden, mit Polizei und Verfassungsschutz zusammengearbeitet und ein internationales Netzwerk geschaffen. „Meine Aufgabe ist überparteilich und stärkt die Demokratie“, betont er. Zudem leisten er und sein Team bei antisemitischen Vorfällen Hilfe unter einer 24 Stunden lang erreichbaren Hotline. Auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde wurde dieser Service am Donnerstag noch angeboten.

Viele hätten ihn zwar gewarnt, dass es unter dem neuen Vorstand schwer werden könnte, sagte Levi Salomon am Donnerstag auf einer Pressekonferenz, zu der Lala Süsskind und er in ein Café neben der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße eingeladen hatten, übrigens nur wenige Hundert Meter von seinem und dem Büro des Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde entfernt. Doch in seinen schlimmsten Träumen habe er sich nicht vorgestellt, dass ihn der neue Vorsitzende so einfach vor die Tür setzen würde: „Wir waren Mitglied eines großen weltweiten Netzwerkes, nicht um uns zu bereichern, sondern um die Demokratie zu stärken“, sagt Salomon. Bis vergangenen Freitag, als Joffe ihm mitgeteilt habe, dass er mit seinem Team das Büro zu verlassen habe und ihm kein anderer Raum innerhalb der Gemeinde mehr zur Verfügung stünde, habe er gearbeitet. Unterstützung erhält Salomon nicht nur von Joffes Vorgängerin Lala Süsskind, sondern auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland. „Es ist wenig klug, dieser Einrichtung den Sauerstoff zu nehmen. Das jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus hat sich etabliert und leistet gute Arbeit. Deswegen bieten wir Herrn Salomon Asyl an“, sagte Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats. Er will auch mit Gideon Joffe noch sprechen. Gerade vor dem Hintergrund wachsender Bedrohung durch rechte Terrorgruppen wie der NSU sei es das falsche Signal, den Antisemitismusbeauftragten seiner Aufgaben zu entbinden. Kramer stuft den Streit als „Schlachtfeld kleinkarierter Grabenkämpfe“ ein.

Für Julius Schoeps, dem Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums für Europäisch-Jüdische Studien an der Universität Potsdam, ist klar, „dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin schon lange dabei ist, sich zu fragmentieren“. Außerdem scheine es so zu sein, dass der neue Vorstand dabei sei, „die Ära Lala Süsskinds zu entsorgen“. „Das ist schrecklich“, sagte Schoeps. Er sei bereits bei der ersten Amtszeit Joffes aus der Gemeinde ausgetreten. Ihn erinnere die aktuelle Vorgehensweise an eine „gelenkte Demokratie à la Putin“.

Lala Süsskind kündigte unterdessen an, dass sie sich die Arbeit des neuen Vorstands ein halbes Jahr anschauen werde. Und wenn nichts Gutes dabei herauskomme, werde sie austreten. „Dann müssen wir eben einen jüdischen Kulturkreis bilden. So können wir wenigstens selbst bestimmen, welche Projekte wir mit unserem Geld unterstützen. Wenn wir es beispielsweise lieber in Kitas und nicht nur in Renten stecken.“ Wie berichtet hat die Jüdische Gemeinde ein großes finanzielles Problem wegen überhöhter Betriebsrenten. Süsskind und ihr Team hatten zusammen mit dem Senat einen Sanierungsplan entwickelt, den Gideon Joffe jedoch abgelehnt hatte. Er war auch am Donnerstag nicht zu sprechen.