Tatort Berlin

Wenn Täter nach Einbrüchen Angst zurücklassen

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Hans H. Nibbrig

Foto: Amin Akhtar

Tatort Berlin: Für viele Opfer wird der Einbruch zum Trauma. Den Schaden zahlt zwar teilweise die Versicherung – mit den psychischen Folgen ist das Opfer jedoch allein.

„Wir waren nur kurz einkaufen“ – mit diesem Satz beginnt Bärbel Ziemer immer die Geschichte ihres schlimmsten Erlebnisses der vergangenen Jahre. Sie erzählt sie oft, der Schrecken lässt sie einfach nicht los. Im August vergangenen Jahres nutzten Unbekannte die knapp 20-minütige Abwesenheit von Familie Ziemer – Vater Klaus, Mutter Bärbel und drei Kinder –, um in deren Einfamilienhaus in Spandau einzubrechen und dort offensichtlich sehr gezielt nach wertvoller Beute zu suchen. Und die Täter wurden fündig, stahlen zwei Laptops, einen teuren TV-Flachbildschirm, ein Handy, Schmuck und Bargeld. Auch den Inhalt der gut gefüllten Spardosen der drei, vier und sieben Jahre alten Kinder nahmen sie mit.

Was Familie Ziemer passierte, haben im vergangenen Jahr knapp 11.000 Berliner erlebt. Die kommissarische Polizeichefin Margarete Koppers spricht von einem „besorgniserregenden Aufwärtstrend“ bei der Kriminalität. Einen deutlichen Anstieg gab es unter anderem bei Tötungsdelikten, Brandstiftungen und Trickdiebstählen. Und bei Einbrüchen. Etwa 1900 Einbrüche in Wohnhäuser und ungefähr 9000 Wohnungseinbrüche bedeuten einen Anstieg von 25 Prozent gegenüber 2010.

Bei den Ziemers kamen die Täter offenbar durch den Garten. Die Haustüren waren versperrt, an den Fenstern zur Straße trotz der nur kurzen Abwesenheit gar die Rollläden heruntergelassen. Sicher ist sicher. Nur ein Toilettenfenster an der Rückfront des Hauses stand auf Kippstellung, das reichte den Einbrechern völlig. „Ich hätte nie gedacht, dass durch dieses kleine Fenster überhaupt ein Mensch passt“, erzählt Klaus Ziemer. Für ihn war das eine schmerzhafte Lehre. Die Familie hat gar nicht erst versucht, das offene Fenster vor der Versicherung zu vertuschen und musste akzeptieren, dass die Gesellschaft nur einen Teil des Schadens bezahlte. „Obliegenheitsverletzung“ heißt das im Versicherungsrecht, wenn ein Versicherter durch eigene Fahrlässigkeit einen Schadensfall begünstigt oder überhaupt erst ermöglicht.

Viele Einbruchsopfer erleben unangenehme Überraschungen im Umgang mit der Versicherung – für die sie allerdings selbst verantwortlich sind. Rainer W. aus Mitte ist solch ein Betroffener. Die ganze Angelegenheit ist ihm sehr peinlich, deshalb möchte er auch seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen. Bei einem Wohnungseinbruch bekam er nur die Hälfte des entstandenen Schadens in Höhe von 25.000 Euro erstattet. „Ich wusste zwar, dass ich beim Hausrat mit 30.000 Euro absolut unterversichert war. Aber ich dachte, ein Schaden, der über dieser Summe liegt, ist doch eher unwahrscheinlich“, sagt der Ingenieur. Die Statistik gibt dem 37-Jährigen recht, aber die allgemeinen Geschäftsbedingungen sagen etwas anderes. Nach diesen Bedingungen bekommt ein Geschädigter, der beispielsweise um 50 Prozent unterversichert ist, auch nur 50 Prozent des Schadens ersetzt, ganz gleich, wie hoch der ist.

Hausrat oft unterversichert

Solche mitunter teure Unkenntnis ist weit verbreitet. „Viele Leute glauben, sie schließen einmal einen Vertrag ab und haben damit ihre Pflicht getan“, sagt Christian Lübke, Sachversicherungsspezialist beim Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV). Dass im Laufe der Zeit zusätzliche Werte angeschafft würden und bereits der allgemeine Preisanstieg zu einer veränderten Taxierung des persönlichen Besitzes führe, werde häufig vergessen, so der GDV-Experte. Lübke rät Versicherten dringend, sogenannte Unterversicherungsklauseln zu vereinbaren. Damit sei ein ausreichender Hausratschutz gewährleistet, ohne dass ständig die Verträge überprüft werden müssten.

Umfassenden Schutz gibt es natürlich nur für den, der überhaupt versichert ist. Ein ehemaliger Gastwirt aus Moabit, der anonym bleiben möchte, war es nicht. „Bei mir ist sowieso nichts zu holen, da kommt auch keiner auf die Idee, einzubrechen – habe ich zumindest immer gedacht“, berichtet der 56-Jährige. Er selbst meinte, sich unter diesen Umständen die Versicherung sparen zu können. Nach dem dritten Einbruch innerhalb von zwei Jahren musste er seine Kneipe schließen, die Taten hatten ihn finanziell nahezu ruiniert. Hätte sich der Ex-Wirt rechtzeitig informiert, hätte er erfahren, dass die häufig nur unvollständig gesicherten Lokale und Kioske vor allem bei Einzeltätern beliebt sind, die mit der Beute aus Einbrüchen ihre Drogensucht finanzieren. Zigaretten und Spirituosen lassen sich leicht illegal verkaufen.

Opfer benötigen Hilfe

Doch die Opfer von Einbrüchen schmerzt nicht nur der materielle Schaden, der lästige Briefverkehr mit Behörden und Versicherungen sowie der unwiederbringliche Verlust von Erinnerungsstücken, die den Geschädigten aus persönlichen Gründen lieb und teuer sind. Nahezu jeder Einbruch hat auch psychische Folgen. „Viele Betroffene haben ein Problem damit, dass Fremde mit Gewalt in ihren privaten und besonders geschützten Lebensbereich eingedrungen sind. Oft ist die Wohnung oder das Haus dann einfach nicht mehr, was es mal war“, sagt Anwalt Dietmar Frieling, der häufig für Opferverbände tätig ist. Hinzu komme, so Frieling, die Angst, dass jederzeit wieder passieren kann, was einmal passiert ist. „Die Menschen können sich für lange Zeit nicht mehr frei in den eigenen vier Wänden bewegen“, beschreibt der Opferhelfer eine häufig auftretende Folge. Auch bei Familie Ziemer dauerte es Monate, bis sie sich in ihrem Haus wieder einigermaßen ungezwungen bewegen konnte. Und „gut“ ist es längst nicht: „Ich schrecke noch immer bei jedem Geräusch zusammen“, sagt Bärbel Ziemer. Auch die Kinder leiden heute noch unter den Folgen, wollen in ihren Zimmern nicht allein sein oder schrecken bei einem Geräusch an der Tür auf.

Gabriele Dermietzel aus Buckow hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Bei ihr kam noch hinzu, dass der Täter in ihre Erdgeschosswohnung eindrang, während sie zu Hause war. Die unerwartete Konfrontation mit dem Eindringling versetzte der 49-Jährigen einen zusätzlichen Schock, der bis heute noch nicht ganz überwunden ist. Das Opfer war mitten in der Nacht auf dem Weg zur Toilette, als Geräusche aus dem Zimmer des 17 Jahre alten Sohnes Kevin drangen. Gabriele Dermietzel wollte nachschauen und öffnete die Tür zu Kevins Zimmer. Dort stand ihr plötzlich ein fremder Mann gegenüber, der offenbar durch das Fenster in die Wohnung gelangt war. Der überraschte Einbrecher zog sofort ein Messer und stach zu. Dann flüchtete er. Seine Beute: etwas Bargeld und ein Computer. Die schwer verletzte Frau stand so unter Schock, dass ihr nicht einmal die Notrufnummer der Polizei einfiel. Sie konnte nur noch ihren Schwager anrufen, der sofort kam und Polizei und Feuerwehr alarmierte. Dann wurde sie ohnmächtig, wachte erst im Krankenhaus wieder auf.

Als Gabriele Dermietzel aus der Klinik entlassen wurde, verkroch sie sich wochenlang in ihrer Wohnung. Sie wollte niemanden sehen, wollte die Wohnung nicht verlassen, konnte nur fernsehen. „Nachts konnte ich nicht einschlafen und wenn doch, hatte ich Albträume. Mein Herz raste, und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen“, erzählt die 49-Jährige. Wirklich sicher fühlt sie sich in ihrer Wohnung nicht mehr. Immerhin hat die 49-Jährige bei der Konfrontation mit dem Einbrecher das Richtige getan, nämlich gar nichts. Niemals den Helden spielen, den Täter keinesfalls provozieren, dann sucht der zumeist von allein das Weite, rät für solche Fälle die Polizei eindringlich.

Weißer Ring kümmert sich

Welche Folgen die Taten für Betroffene wie Gabriele Dermietzel oder Familie Ziemer auch haben, Rat und Hilfe bieten in Berlin gleich mehrere Beratungsstellen. Die größte deutsche Opferhilfe-Organisation ist der Weiße Ring, für den auch in der Hauptstadt zahlreiche Experten und ehrenamtliche Helfer tätig sind. Der Verein unterhält ein Landesbüro und darüber hinaus 15 Außenstellen mit Ansprechpartnern in allen Bezirken. Die Namen und Telefonnummern sind auf der Internetseite https://www.weisser-ring.de/internet/landesverbaende/berlin/index.html aufgeführt.

Das Hilfsangebot reicht von menschlichem Beistand unmittelbar nach der Tat über Hilfestellung beim Umgang mit Behörden bis zur Begleitung zu Gerichtsterminen. Gerade Letzteres ist für die Betroffenen oft sehr schwer, treffen sie dort doch auf die Täter, wissen die Experten der Hilfsorganisationen. Der Weiße Ring vermittelt bei Bedarf auch psychologische Betreuung und schafft Kontakte zu Rechtsanwälten, die sich speziell für die Interessen von Verbrechensopfern einsetzen.

Ein umfassendes Beratungsangebot hält auch der Verein Opferhilfe Berlin e. V. bereit. Neben persönlicher Betreuung und Begleitung zu Terminen vermittelt der Verein ebenfalls Kontakte zu Therapeuten, Ärzten und Rechtsanwälten und ist zudem im Bereich Täter-Opfer-Ausgleich aktiv. Ferner unterhält die Opferhilfe Berlin in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Justiz eine Zeugenbetreuungsstelle im Kriminalgericht Moabit. Ausführliche Informationen über die Hilfsangebote des Vereins finden sich auf dessen Internetseite www.opferhilfe-berlin.de .

Morgenpost-Aktion: Experten ab 10 Uhr am Leser-Telefon

Die Berliner Morgenpost veranstaltet am heutigen Sonntag exklusiv für ihre Leser eine Telefonaktion zum Thema Einbrüche. Experten der Berliner Polizei beantworten von 10 bis 12.30 Uhr Ihre Fragen zur Kriminalitätslage und speziell zu Wohnungseinbrüchen.

Polizeirat Volker-Alexander Tönnies (Tel: 251 08 42) und Kriminalhauptkommissar Bernd Bories (Tel: 251 08 43) vom Präventionsschutz geben unter anderem Tipps, wie Sie Ihr Eigentum sinnvoll schützen können und was bei einer längeren Abwesenheit beachtet werden sollte.

Außerdem steht mit Stephan Gelhausen (Tel: 251 08 44) ein Experte des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) Rede und Antwort. Der Schadensspezialist gibt Auskunft zu allen Fragen rund um den Versicherungsschutz. Gerade bei der Hausratversicherung ist einiges zu beachten, wenn man keine böse Überraschung erleben will. Das betrifft insbesondere das häufig auftretende Problem der Unterversicherung und der Pflichten, die Versicherte selbst haben, um das Risiko eines Einbruchs so gering wie möglich zu halten.

Darüber hinaus will die Morgenpost Betroffenen auch die Gelegenheit geben, sich den Ratschlag eines spezialisierten Experten einzuholen. Norbert Kröger (Tel: 251 08 45) ist Psychologe und betreibt eine Praxis speziell für Kriminalitäts- und Gewaltopfer. Der Psychologe ist auch für die Opferhilfeorganisation Weißer Ring tätig. Er weiß aus Erfahrung, wie Opfer von Wohnungseinbrüchen unter solchen traumatischen Erlebnissen leiden und wie ihnen geholfen werden kann, diese zu verarbeiten.