37 Prozent mehr Einbrüche in Berlin

Viele Einbruchsopfer bleiben traumatisiert

Trauriger Zwischenstand: Über 5000 Mal wurde in diesem Jahr in Berliner Wohnung eingebrochen - Im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von über 37 Prozent. Bei den Opfern bleibt oft mehr als ein kurzer Schock.

Als Christoph und Manuela Kärcher im Juni dieses Jahres nach einem zweiwöchigen Urlaub im Süden wieder in Tegel landeten, hatten beide nur einen Gedanken: Endlich wieder zu Hause. Der Urlaub war eine Katastrophe gewesen, das Hotel hatte mehr einer Müllkippe, als einer Vier-Sterne-Unterkunft geglichen. „Da freut man sich direkt wieder auf die eigenen vier Wände“, befand Christoph Kärcher noch am Flughafen. Als er und seine Frau eine Stunde später ihr Reihenhaus in Hakenfelde erreichten, war es mit der Freude schlagartig vorbei. Das Innere des gar nicht mehr trauten Heims unterschied sich auch nicht wesentlich von einer Müllkippe. Einbrecher hatten die Abwesenheit des Ehepaares genutzt und bei ihrer Suche nach lohnender Beute ganze Arbeit geleistet, in sämtlichen Räumen.

Was den Eheleuten Kärcher passierte, haben in diesem Jahr bereits mehr als 5000 Berliner erlebt. Die Kriminalität boomt momentan in der Hauptstadt. In den ersten sieben Monaten 2011 stieg die Zahl der Straftaten gegenüber dem gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres um 8,4 Prozent. Einen deutlichen Anstieg gab es unter anderem bei Tötungsdelikten (17,6 Prozent), bei Brandstiftungen (11,7 Prozent) und bei Trickdiebstählen (28 Prozent). Nirgendwo allerdings war die Entwicklung so dramatisch wie beim Einbruch. Hier verzeichnete die Polizei einen Anstieg um 37,3 Prozent auf 5204 Delikte in den ersten sieben Monaten 2011.

Einbruch ist offenbar eine lukrative Kriminalitätssparte. 70.000 Euro betrug der Schaden bei Ehepaar Kärcher. Die Täter erbeuteten unter anderem einen Flachbildschirm-Fernseher mit dazugehöriger Heimkino-Ausstattung, zwei Laptops mit Daten, die Christoph Kärcher als Planungsingenieur benötigt, hochwertige Markenkleidung, Schmuck und ein 24-teiliges Besteckservice aus Sterlingsilber, das nicht nur teuer war, sondern auch ein geschätztes Erbstück.

Nutzlose Sicherungssysteme

Doch es ist nicht nur der materielle Schaden, der schmerzt, nicht nur der lästige Papierkram und auch nicht nur der unwiederbringliche Verlust von Dingen, die den Geschädigten aus persönlichen Gründen lieb und teuer sind. Nahezu jeder Einbruch hat auch psychische Folgen. „Viele Betroffene haben ein Problem damit, dass Fremde mit Gewalt in ihren privaten und besonders geschützten Lebensbereich eingedrungen sind, häufig ist die Wohnung oder das Haus nicht mehr, was es mal war“, sagt Anwalt Dietmar Frieling, der häufig für Opferverbände tätig ist. Hinzu, so Frieling, komme die Angst, was einmal passierte, kann jederzeit wieder passieren. „Die Menschen können sich für lange Zeit nicht mehr frei und ungezwungen in den eigenen vier Wänden bewegen“, beschreibt der Opferhelfer eine häufig auftretende Folge. „Ich schrecke noch immer bei jedem Geräusch zusammen“, sagt Manuela Kärcher. Ihr Mann erinnert sich nur zu gut an den schweren Schock seiner Ehefrau, als sie sah, was passiert war. „Ich habe überlegt, soll ich sofort die Polizei alarmieren oder erst mit meiner Frau ins Krankenhaus fahren“, erinnert sich Christoph Kärcher.

Von der Polizei weiß das Ehepaar, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit Profis waren, die in ihr Haus eingebrochen sind. Einfamilienhäuser, aber auch Reihenhäuser in den gutbürgerlichen Wohngegenden am Stadtrand sind das bevorzugte Ziel organisierter, zum Teil international vernetzter Banden , die kein Problem haben, auch hochwertige Sicherheitsanlagen auszutricksen. Dort vermuten die Täter reiche Beute, die das Risiko eines Einbruchs auch am Tage Wert sind. Auch bei Familie Kärcher stellten die vorhandenen Sicherungen kein Hindernis dar. Die Täter gelangten durch ein zum Garten hin liegendes kleines Badezimmerfenster ins Haus, obwohl dies verschlossen war. Bei einer anderen, ebenfalls von einem Einbruch betroffenen Familie ganz in der Nähe der Kärchers war das etwas anders. Haustür und Fenster waren dort mit teuren Anlagen gesichert, aber das Badezimmerfenster stand auf Kippstellung, als die Einbrecher kamen und das Geschenk dankend annahmen. Andere Betroffene hingegen hatten im vergangenen Jahr noch mal Glück. Bei etwa 30 Prozent aller 2010 gemeldeten Einbrüche in Häuser blieb es beim Versuch, so eine Lageeinschätzung des Landeskriminalamtes.

Bei Gabriele Dermietzel aus Buckow blieb es nicht beim Versuch. Schlimmer noch. Der Einbrecher kam, als sie zuhause war. Die 49-Jährige wollte mitten in der Nacht nur kurz auf die Toilette, als sie Geräusche aus dem Zimmer ihres Sohnes Kevin hörte. Der 17-Jährige hatte häufiger Übernachtungsgäste, obwohl seine Mutter es ihm mehrfach verboten hatte. Entsprechend verärgert riss Gabriele Dermietzel die Tür zum Zimmer ihres Sohnes auf und stand einem wildfremden Mann gegenüber, der durch das Fenster zum Zimmer des Sohnes in die Erdgeschosswohnung eingedrungen war. Der überraschte Einbrecher fackelte nicht lange, er zückte ein Messer und stach zu, bevor er flüchtete. Der schwer verletzten und unter Schock stehenden Frau fiel in diesem Moment nicht einmal die Notrufnummer ein. Sie konnte nur noch ihren Schwager anrufen, der sofort kam und dann Polizei und Feuerwehr alarmierte. Das bekam die 49-Jährige nicht mehr mit, sie wachte erst im Krankenhaus wieder auf. Der Täter entwendete Bargeld und einen Computer.

Nachdem Gabriele Dermiezel wieder nach Hause konnte, verzog sie sich wochenlang mit Hund Alia vor den Fernseher, wollte niemanden sehen und weigerte sich, die Wohnung zu verlassen. „Nachts konnte ich nicht einschlafen und wenn doch, hatte ich Albträume. Mein Herz raste und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen“, erzählt die 49-Jährige. Wirklich sicher fühlt sie sich in ihrer Wohnung nicht mehr.

Metier von Gelegenheitskriminellen

Nach Einschätzung der zuständigen Ermittler gehört der Täter vermutlich keiner professionellen Bande an. In vielen Innenstadtbezirken lassen sich die organisierten Spezialisten eher selten blicken. Zu viele mögliche Zeugen, zu geringe Aussicht auf wirklich lohnende Beute. Wohnungseinbrüche sind deshalb eher das Metier von Gelegenheits- und Kleinkriminellen, oft auch von Drogenabhängigen, die ihre Sucht finanzieren müssen. Die häufig mangelhaften, veralteten oder mitunter gar nicht vorhandenen Sicherungen in vielen Wohnungen geben auch ihnen eine Chance. Gabriele Dermiezel ist nicht das einzige Opfer, bei dem eingebrochen wurde, während sie in der Wohnung war. So etwas passiert zunehmend häufiger, die Täter schätzt die Polizei entweder als besonders skrupellos oder wie bei Drogensüchtigen besonders verzweifelt ein

Viele Verbrechensopfer sind überzeugt, Schlimmeres als das, was ihnen widerfahren ist, könne es nicht geben. Wenn das jemand mit voller Berechtigung sagen kann, ist es Waltraut Heile (Name geändert). Die 80-Jährige aus Schöneberg ist schwer krank, bettlägerig und kann sich ohne Hilfe nicht bewegen. Die Frau wird mehrmals am Tag von Mitarbeitern eines Pflegedienstes aufgesucht und betreut. Damit die Pfleger in die Wohnung können, ist die Tür tagsüber häufig zugezogen, aber nicht zusätzlich von innen verschlossen. Das machte es im April zwei Einbrecherinnen leicht, in die Wohnung zu gelangen. Die Frauen waren zunächst zwar überrascht, jemanden in der Wohnung anzutreffen, erkannten aber schnell die Hilflosigkeit der Seniorin. Daraufhin begannen sie in aller Seelenruhe, die Wohnung nach Wertsachen zu durchsuchen. Von den immer schwächer werdenden Hilferufen der verzweifelten Frau ließen sie sich nicht im Mindesten beeindrucken.