Web-Branche

Warum Berlin das neue Silicon Valley ist

Noch vor einigen Jahren war Berlin für Web-Investoren ein ödes Pflaster. Mit unzähligen erfolgreichen Start-Ups ist die Hauptstadt inzwischen zur Metropole für Internet-Innovationen geworden. Spurensuche in einer Szene, die solider ist als die New Economy der 90er-Jahre.

Foto: Reto Klar

Es summt. Ein leichter Druck, das Tor ist offen. Dahinter liegt ein Weg, der zu Reichtum führt, wenn nur der richtige Bewerber ihn beschreitet. Links und rechts an gepflegtem Rasen vorbei, hoch zu einem Anwesen mit Treppenaufgang und Säulen. Hier, am Griebnitzsee in Potsdam, liegt die Welt von Hasso Plattner, der vor 40 Jahren SAP gründete und Milliarden mit Software verdiente. Die Anlage, die aussieht wie die Kulisse einer US-Fernsehserie, ist sein Technologie-Institut.

Das SAP-Quartier am Griebnitzsee ist Anfang und Ende einer Geschichte über Erfolg, wie sie sich mehr Internettalente denn je in Berlin erträumen: eine Firma zu starten, deren Gewinne in die Höhe schießen wie eine Rakete. Mit der Luftschlösser zu Stein werden.

Heute investiert Hasso Plattner auch in neue Unternehmen. Seine Firma HP Ventures ist spezialisiert auf Risikokapital. Manager ist Eran Davidson. Er trägt ein offenes Hemd und lächelt wie ein Jetpilot, der sich auf den Start freut. "Von dem Geld, das wir manchmal in einem Monat verbrennen, könnte man zwei Luxus-Apartments in Mitte kaufen", sagt der 52-Jährige. Er kann so reden, weil es trotzdem gut für ihn läuft.

Viel hat sich geändert in Berlin, seit Eran Davidson vor sieben Jahren aus Tel Aviv in die Hauptstadtregion kam. Damals sei diese aus unternehmerischer Sicht "eine Wüste" gewesen. Die Deutschen bräuchten eben länger, sagt Davidson. Inzwischen wetteifern internationale Investoren um die besten Start-ups in Berlin. 150 Millionen Euro Risikokapital, darüber verfügt allein HP Ventures. Sie haben in 25 Firmen investiert und hoffen, dass es einige von ihnen schaffen, sich zu behaupten. Start-ups sind keine mittelständischen Unternehmen. Sie kosten Millionen Euro in der Gründung und bringen Cash – oder sie krepieren.

Ashton Kutcher gibt Geld

Zurzeit, so scheint es, warten die Gründer darauf, dass ein Berliner Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet wird. Das wäre der Durchbruch in eine Liga, die von Facebook und Google angeführt wird. In Zeiten der Schuldenkrise melden Berliner Start-ups nahezu wöchentlich Millionen-Investitionen, dahinter stehen Geldgeber wie der US-Schauspieler Ashton Kutcher. Im Jahr 2011 registrierte die Industrie- und Handelskammer in Berlin 509 neue Firmen im Computerbereich. Das britische Magazin "The Economist" schrieb: "Berlin ist die Zukunft."

Warum jetzt? Und warum Berlin? Wer sich umschaut, findet eine andere Start-up-Szene als jene Ende der 90er-Jahre, als die Spekulation mit Technologiewerten ins Grenzenlose schoss, bis die sogenannte Dotcom-Blase platzte. Aktuell erinnert die Verhaftung von Kim Schmitz alias Kim Dotcom in Neuseeland an jene Akteure der New Economy, die teils kriminell, teils im rechtsfreien Raum ihre Milliardengeschäfte machten. Im Gegensatz dazu ist die Gründerszene heute beinahe solide, ihre Geschäfte sind kontrolliert. Es ist ein Netzwerk aus gut ausgebildeten, jungen Menschen, von denen viele bereits vor Jahren in die Stadt kamen. Angezogen von Berlins Vorzügen, weniger von Profitgier.

Eran Davidson berichtet stolz, dass HP Venture allein im vergangenen Jahr 136 Millionen Euro durch seine Beteiligungen eingenommen hat. "Tendenz steigend." Sie haben drei von ihnen geförderte Firmen gewinnbringend verkauft, andere wachsen schnell. Das sind zwar keine Dimensionen wie im amerikanischen Silicon Valley. Aber die Szene in Berlin sei natürlich gewachsen. "Es ist ein großes, schönes Spiel", sagt Davidson.

Das Büro der 6 Wunderkinder liegt an der Wöhlertstraße in Mitte. Längst nicht alle Start-ups können sich dort ein schickes Büro leisten, aber sie gehören dazu, mit Designerstühlen und Graffiti an der Wand. Als das Team im November eine 4,2-Millionen-Euro-Investition erlangte, wurde zwar gefeiert, aber mit Pizza, nicht mit Kaviar. Etwas Champagner gab es auch, aber am nächsten Morgen fing die Arbeit wieder früh an.

"Wenn das Unternehmen wächst, ist das wie Beschleunigen auf der Autobahn", sagt Christian Reber. Mit Baseballcap und Jeans wirkt der 25 Jahre alte Geschäftsführer eher wie ein Kumpel vom Skateboardfahren als wie ein Chief Executive Officer. CEO, so heißen auch die Bosse der Dax-Unternehmen. Mit Tempo 100, sagt er, steuere es sich noch einfach. Mit Tempo 200 aber müssten Entscheidungen schnell getroffen werden. Und die Wunderkinder haben beschleunigt, 29 Mitarbeiter sitzen dort vor ihren Computern. Wunderkit, so heißt die Anwendung, die weltweit Millionen junger Menschen am Computer begeistern soll. Es ist eine Plattform, mit der sich das gesamte Leben des Großstädters organisieren lässt: Es gibt einen Terminkalender und Projektgruppen, die an soziale Netzwerke angeschlossen sind. Vom Urlaub bis zur Bandprobe, alles soll seinen Platz haben.

Es ist eine Idee, die mit der Attitüde einer ganzen Generation kokettiert: chaotische Genies zu sein, denen die Welt offensteht, wenn sie ihre Projekte nur besser organisieren. Schriftstellerin Sybille Berg twitterte ironisch: "Aufstehen, arbeiten, aus dem Fenster schauen, onanieren, arbeiten, essen, schlafen. Benötige dringend Wunderkit, um dieses Leben zu planen!" Aber dass sich die Schriftstellerin überhaupt zu dem Projekt äußert, das ist schon bemerkenswert. Gerade haben die Wunderkinder eine Testversion an ausgewählte Nutzer geschickt. Erste Besprechungen sind positiv.

"Schlafen ist alles, was ich mache, wenn ich nicht arbeite", sagt Christian Reber. Das wäre aber ein besseres Gefühl als vorher. Da war er Dienstleister für große Kunden, mit einer eigenen Agentur. "Das war die Hölle", sagt Reber. Er hat Informatik studiert und versteht dazu noch etwas von Design. Wie die meisten Gründer hat er an einer privaten Hochschule gelernt, wie Unternehmen aufgebaut werden. Trotzdem glaubt er an das "Nerd-Prinzip": Dass es nicht Betriebswirte seien, die Firmen am besten steuern, sondern "Freaks" vom Fach. So wie damals Bill Gates bei Microsoft oder Steve Jobs bei Apple.

Die Zutaten für den Erfolg der 6 Wunderkinder sind beispielhaft für die jüngste Gründergeneration. Die Mitglieder haben zuvor Erfahrung gesammelt – und konnten sich treffen, weil sie längst in Berlin waren, bevor alles anfing. Die günstigen Wohnungen hatten sie angezogen, die Gleichgesinnten und die Partys. Und als ihre Firma wuchs, fanden sie weitere Technikexperten ebenfalls vor Ort. Programmierer können von überall aus arbeiten, sie brauchen nur Laptop und Internet. Man findet sie also in Städten, wo es sich gut leben lässt. Auch deshalb ist Berlin so etwas wie der Regierungssitz der Start-ups und hat Standorte wie Hamburg, Köln und München überholt.

Während sich die Chefs selber eher niedrige Gehälter auszahlen, oft weniger als 2000 Euro im Monat, um einen redlichen Eindruck beim Investor zu machen, verdienen junge Programmierer mitunter 100.000 Euro und mehr im Jahr – oder sie erhalten Firmenanteile. Aber wichtiger ist noch, dass es in Berlin überhaupt Entwickler gibt. In süddeutschen Städten etwa ziehen Branchenriesen die guten Techniker vom Markt ab.

Unternehmen mit subkultureller Attitüde, "Hipster-Start-ups", sind das neue Berliner Aushängeschild. Allen voran SoundCloud, eine Plattform zum Teilen von Musik, die gerade die sagenhafte Investition von 50 Millionen US-Dollar erhielt, wie das Portal Deutsche-startups.de berichtet.

Dabei haben die Ursprünge der Berliner Gründerszene ein weniger lässiges Image. Der Klingeltonanbieter Jamba!, gegründet im Jahr 2000, war ein Millionengeschäft, wurde aber kritisiert, weil die Klingeltöne vor allem an Minderjährige verkauft wurden und einige von ihnen in die Schuldenfalle trieben. Erfinder Oliver Samwer, längst selbst Investor, sorgte kürzlich mit einer E-Mail für Schlagzeilen, in der er Mitarbeiter zum "Blitzkrieg" aufrief: Nach Kleidung und Schuhen wie bei Zalando sei im Internet jetzt noch Geld mit dem Versand von Möbeln zu machen.

Reber und sein Team wollen ebenfalls Geld verdienen, aber dabei als gute Menschen gelten. Kürzlich rief der 25-Jährige zu einer "Revolution" auf, gegen das Kopieren von Konzepten. "Copycat" heißt das. StudiVZ kopierte Facebook, Alandao kopierte Ebay. Rebers Aufruf erntete wiederum Spott im Netz: Der erfolgreiche Gründer Lukasz Gadowski sprach von einer "asozialen Hetzkampagne" und bezeichnete das Wunderkit als "digitale To-do-Liste", die es auch vorher schon gegeben habe. Allerdings ist längst nicht gesagt, dass Copycats erfolgreich sind. Nach dem Vorbild des Kurznachrichtendienstes Twitter schossen in Deutschland zwölf Nachahmer aus dem Boden. Keiner blieb am Markt.

"Vielleicht sprechen wir Gründer zu wenig miteinander", sagt Reber. Der Streit erinnere ihn an den Konflikt zwischen East Coast und West Coast in der amerikanischen Hip-Hop-Szene der 90er-Jahre, wenn auch ohne Schießereien. Beide Szenen waren im selben Geschäft, aber stritten über den wahren Geist der Branche. Eigentlich aber, findet er, sollten alle Berliner Gründer gemeinsam das Image des Standorts verbessern: Je mehr Talente in der Stadt sind, desto besser. "Die Szene könnte offenherziger sein." Im Büro im Hinterhof der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg sind die Wände kahl. Keine Graffiti wie bei den Wunderkindern, auf dem Schreibtisch von Sven Woltmann findet sich auch keine weiße Apple-Tastatur. Gutes Design, das bedeutet für den 36-jährigen Windows-Benutzer vor allem, dass die Technik gut funktioniert. Sein Portal Androidpit.de bewertet und verkauft Anwendungen für Smartphones. Rund 400.000 gibt es. "95 Prozent davon sind Schrott", sagt Woltmann. Der Informatiker trägt einen Kapuzenpullover mit Firmenlogo. Nebenan tippen 40 Mitarbeiter ihre Texte in sechs Sprachen. An einem anderen Standort als Berlin wäre es kaum möglich gewesen, all diese technikinteressierten Muttersprachler anzustellen. Das Geschäft läuft: 4500 Benutzer melden sich täglich an.

Sein Erweckungserlebnis hatte Woltmann 1997, als er für den ABC-Bücherdienst arbeitete. Die Gründer verkauften das Unternehmen an den US-Riesen Amazon und verdienten Millionen. Das will auch Woltmann eines Tages erleben. "Exit" heißt das in der Start-up-Branche. Für seine Firmen gab der Informatiker feste Anstellungen auf, in denen er für weniger Arbeit mehr verdienen würde als jetzt. Leichter sei das Gründen eines Unternehmens nicht geworden. "Damals gaben Investoren gleich eine Million Dollar zum Anfang", sagt er. Heute zahlen sogenannte Business Angels – also jene ersten Investoren, bevor die großen Kapitalgeber kommen – höchstens mal 100.000 Euro für den Start. Und sie informieren sich nahezu täglich bei den Unternehmen, kontrollieren Abläufe und Bilanzen. Manchmal wechseln sie sogar das gesamte Management aus. So viel Kontrolle gab es offenbar nicht immer, erinnert sich Woltmann.

Im Jahr 2000 arbeitete er an einem Projekt, das Restaurants und Pizzadienste in der Nähe der Kunden anzeigen sollte, inklusive Speisekarten. Eine Idee, die inzwischen mit Lieferheld oder Lieferando durchstartet. Vier Millionen US-Dollar habe diese Firma innerhalb eines Jahres verbraucht. Zwar bezahlte sie viele Mitarbeiter, die Speisekarten abtippten. Und die Chefs investierten in teure Server für Online-Speicherplatz, der heute für 20 Euro im Monat zu haben wäre. Dennoch: Wo das ganze Geld wirklich geblieben ist, sei "rätselhaft", so Woltmann.

Weil Start-ups häufiger scheitern, als dass sie Aufstiege hinlegen, müssen Gründer immer wieder Mut aufbringen. Das Café "Peaberries" an der Torstraße in Mitte liegt in einer Gegend, die bereits als "Silicon-Allee" bezeichnet wird, weil so viele Gründer dort herumlaufen. Auch Fabian-Carlos Guhl trinkt in dem Café gerne Tee. Der Berliner hat an der Pariser Sorbonne studiert und erholt sich langsam von dem, was hinter ihm liegt. "Das war ziemlich hart", sagt Guhl, wenn er über das Projekt AllesAnna spricht. Vor zwei Jahren, er hatte erst einige Monate Erfahrung in der Branche gesammelt, ernannte ihn ein Investor zu einem der beiden Geschäftsführer dieser Internetdrogerie, die mit einem Millionenbudget für Fernsehwerbung in den Ring stieg – gegen die damaligen Drogerieriesen Rossmann und Schlecker.

Konkurrenz um Drogeriekunden

AllesAnna war die Kopie des amerikanischen Unternehmens Soap.com, das Drogerieartikel versendete und später für 550 Millionen Euro verkauft wurde. Anfangs bestand die Logistik der deutschen Version aus Praktikanten, die mit USB-Stick, Computer und Drucker bei Edeka saßen, bestellte Waren einkauften und nebenan zur Post brachten. Das Unternehmen investierte in Logistik, doch die Kunden blieben zögerlich. Vielleicht auch deshalb, weil es in deutschen Städten durchschnittlich alle 200 Meter eine Drogerie gibt. Jedenfalls wurde einer der Geldgeber Anfang 2011 ungeduldig: "Cashburn-Rate senken", weniger Geld verbrennen, hieß die Ansage. Wenige Monate später habe es dann geheißen: "Signifikant senken." Guhl musste Mitarbeiter entlassen, darunter viele, mit denen er sich gut verstand. Von 45 Mitarbeiten blieben erst 25 übrig, später nur noch fünf. "Wenn ein Schiff zu sinken droht, dann besteht Gefahr, dass die Leistungsträger weglaufen", sagt er. Als sich die unbezahlten Rechnungen der Lieferanten türmten, nahm sich Guhl einen Anwalt. Es blieben drei Wochen Insolvenzfrist, bis zum Schluss sei unklar gewesen, ob sich ein neuer Investor finde. Am letzten Tag nachts um halb drei – Guhl verließ gerade das Büro – hieß es noch, die Finanzspritze komme bestimmt. "Dann war alles vorbei." Guhl informierte das Gericht, die Mitarbeiter, dann die Presse. "Ein Tag länger nur, und ich hätte persönlich gehaftet."

Dennoch, das Scheitern hat Fabian-Carlos Guhl nicht den Mut genommen. Auch der Gründer des Internetbezahlservices PayPal war erst im fünften Anlauf erfolgreich, sagt er. Diese Woche hat Guhl eine Jobbörse für die Start-up-Szene gestartet: Gruenderjobs.de. Auf die Idee kam er, weil er nach IT-Experten für sein neues Projekt sucht. Er entwickelt eine mobile App, mit der Kunden beim Einkaufen sparen und an wohltätige Organisationen spenden können.

Vielleicht ist Berlin auch deshalb reizvoll, weil zwischen Renditedruck Platz bleibt für Idealismus. "Herzlich Willkommen" steht am Eingang eines Ladengeschäfts in Neukölln. Dort, wo die Mieten noch günstiger sind als in Mitte, ist das Büro von Wahwah.fm. Philipp Eibach ist der Chef. Einer, der knappe Antworten gibt, um sein Gegenüber anschließend mit neugierigen Augen anzuschauen. Er zeigt einen alten Walkman von Sony: Er hat zwei Anschlüsse für Kopfhörer. "Musik hört man am besten zusammen", sagt Eibach. Wahwah.fm, seine App, die im kommenden Monat erscheint, ist wie eine Radiostation für Smartphones. Benutzer können senden und gleichzeitig mithören, welche Lieder die Menschen in der Umgebung hören. "Der Sound in Wedding wird anders sein als in Prenzlauer Berg." Sollte seine Idee millionenfach benutzt werden und die Musikindustrie darin eine Vermarktungschance erkennen, ließe sich viel Geld damit verdienen. Wenn es nur einige Musikliebhaber nutzen, dann hat das Team viel Arbeit darauf verwendet, einigen Menschen eine Freude zu machen. "Mir ist wichtig, ein schönes Produkt in den Händen zu halten, das wir gemeinsam erschaffen haben."

Auch Eran Davidson, der Manager vom Griebnitzsee, hat in Wahwah.fm investiert. Er glaubt an das Projekt. In Deutschland seien die Gewinnerwartungen nicht so gigantisch wie in den USA. Er malt eine flache Kurve an sein Flipchart und eine steile daneben. Die Steile, das seien Wertsteigerungen erfolgreicher Start-ups in den USA. Die Flache zeige erfolgreiche Wertentwicklungen in Deutschland. Vielleicht sei es finanziell gesehen hierzulande etwas langweiliger. Und da ist es wieder, sein Draufgängerlächeln. "Aber dafür riskiere ich nicht täglich einen Herzinfarkt."

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