Hamburg überholt

Berlin ist Deutschlands neue IT-Hauptstadt

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Bob Geisler

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Günstige Mieten und ein Silicon Valley-Gefühl: Bisher galt Hamburg als wichtigster IT-Standort in Deutschland, doch dank seiner vielen Start-Ups hat sich Berlin mittlerweile als Nummer Eins etabliert. Die jüngsten Zahlen der Handelskammern beider Städte unterstreichen das.

Im Norden der Republik herrscht schlechte Stimmung. Man fürchtet um seinen guten Ruf. E-Commerce-Hochburg, Hauptstadt der Software-Gründungen, Top-Standort für Firmen der Online-Spielebranche: Lange Zeit galt Hamburg als wichtigster Standort für Firmen aus der Informations- und Technologiebranche in Deutschland. Doch nun mehren sich die Anzeichen, dass Berlin der Hansestadt den Rang abläuft.

Mit dem IT-Investor Earlybird ist gerade einer der wichtigsten deutschen Finanziers von Internet-Start-ups dabei, von der Elbe an die Spree zu wechseln. 420 Millionen Euro an Beteiligungskapital verwaltet das Unternehmen, das auch in junge Medizintechnikfirmen investiert. „Wir haben uns zu dem Umzug entschlossen, weil sich Berlin in den vergangenen Jahren zu dem wichtigsten Standort für Start-ups in Europa entwickelt hat“, sagt Christian Nagel, Managing Partner und Mitbegründer des Risikokapitalgebers. „In Hamburg gibt es zwar auch eine lebendige Gründerszene, die aber nicht so schnell wächst wie in der Hauptstadt.“ Drastischer formuliert es der Gründer und Ex-Chef des sozialen Netzwerks Xing, Lars Hinrichs. „Berlin ist sexy, Hamburg nicht“, sagt Hinrichs, der heute mit seiner Firma HackFwd junge IT-Unternehmen unterstützt: Zwar trägt sich der eingefleischte Hanseat derzeit nicht mit dem Gedanken, sein eigenes Unternehmen nach Berlin Mitte zu verlagern, doch wenn er die Chefs der über ganz Europa verstreuten Firmen zum Gedankenaustausch zusammentrommelt, geschieht dies immer an der Spree. „Internationale Top-Leute als Gastredner bekomme ich nur nach Berlin“, meint Hinrichs. Die Hauptstadt sei der einzige Ort in Europa, wo er so etwas wie ein „Silicon Valley-Gefühl“ verspüre.

Den subjektiven Eindruck der Finanzinvestoren bestätigen auch die jüngsten Zahlen der Handelskammern in Berlin und Hamburg. Danach entstanden in der Hauptstadt im vergangenen Jahr 509 neue Firmen, die sich mit Softwareentwicklung, Telekommunikation oder dem Bau neuer Hardware beschäftigten. In der Hansestadt kamen mit 199 IT-Spezialisten deutlich weniger Firmen hinzu, wobei die Statistik hier allerdings nur bis August 2011 reicht und die Kammern die Branchen etwas anders abgrenzen.

Bei Earlybird ist das Verhältnis zwischen den beiden Städten jedenfalls eindeutig. Sieben Firmen betreuen die Risikokapitalgeber in Berlin, null in Hamburg. „Berlin zieht im Augenblick jede Menge junge Firmen an, weil die Mieten günstig sind und auch schon viele potenzielle Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Ländern in der Stadt leben“, sagt Earlybird-Partner Nagel. „Dies macht insbesondere die Gründung von international operierenden Unternehmen einfacher als in jeder anderen europäischen Stadt.“ Selbst Berlin habe London mittlerweile als Start-up-Hochburg den Rang abgelaufen. Daher sei es für Earlybird wichtig, direkt vor Ort zu sein und möglichst enge Verbindungen mit den Firmen aufzubauen.

Mit einer besseren Förderung junger Unternehmen hat die Abwanderung von Earlybird allerdings nichts zu tun. „Die positive Entwicklung in Berlin findet eher trotz als wegen der Politik statt“, sagt Nagel. HackFwd-Chef Hinrichs wird deutlicher: „In Berlin gibt es fünfmal so viel preiswerte Büroflächen als in Hamburg. Was uns an der Elbe fehlt, ist ein Leuchtturmprojekt für junge Internet- und Medienunternehmen.“ Finanzinvestor Earlybird will zumindest von Berlin aus auch weiterhin interessante Neugründungen in Hamburg unterstützen. Nagel: „Mit dem Zug ist die Hansestadt schließlich nur eineinhalb Stunden entfernt.“