Verspätungen und Ausfälle

Bahn stellt Geduld der Berliner auf harte Probe

Bauarbeiten, Weichenstörungen, und ein ICE-Unfall: Am Montagmorgen mussten viele Berliner Bahnfahrer langen Wartezeiten in Kauf nehmen. Einige Züge fielen ganz aus. Der Ersatzverkehr zwischen Wannsee und Charlottenburg funktionierte aber.

Foto: Christian Hahn

S-Bahnhof Ostkreuz, Montagmorgen. Der Zug aus Erkner rollt surrend an den baufälligen Bahnsteig. Als sich die Türen öffnen, ist er binnen Sekunden restlos überfüllt. Im Gewühl steht ein rundlicher Mann mit roter Dienstmütze, die ihn als Servicekraft der Bahn ausweist. Geduldig weist er den Weg, beantwortet Fragen.

„Das ist schon heftig heute“, sagt er. Vor den Treppen, die hinüberführen zum Nachbarbahnsteig, bilden sich Menschentrauben. Über den provisorischen Fußgängersteg schieben sich die Fahrgäste dicht an dicht. Wer weiter will in die Innenstadt muss wohl oder übel zum Umsteigen durch diesen Engpass – und Geduld haben. Für die S 3 ist wegen Bauarbeiten jetzt Endstation am Ostkreuz – und das vier Jahre lang. „Was da an Zeitverlust zusammenkommt, summiert sich auf mehrere Tage", sagt Jeanette Hayer, die täglich mehrfach auf die S 3 angewiesen ist. „Da sollte die S-Bahn für ihre Stammkunden aus dem Südosten schon mal über eine Entschädigung nachdenken.“ Gleich neben ihr schleppt ein Mann sein Fahrrad die Stufen hinauf. Aufzüge gibt es nicht am Ostkreuz. Wer Glück hat, erwischt am Nachbarbahnsteig wenigstens ohne lange Wartezeit einen Anschlusszug der Linien S 5, S 7 oder S 75 in die City. Henriette Saalbach hat kein Glück. Tutend schließen sich die Türen genau vor ihrer Nase. Ein böses Schimpfwort entfährt der jungen Frau. Dann zuckt sie mit den Schultern. „Hilft ja nichts. Da muss man ruhig bleiben.“

ICE rast in Reh-Rudel

Ruhig zu bleiben, ist schwer an diesem Montag. Umsteigen, Schlange stehen, Warten und Bibbern. Es ist kein guter Wochenstart für die Fahrgäste der Bahn. Zu den geplanten Streckensperrungen bei der S 3 und im Regionalverkehr zwischen Wannsee und Charlottenburg kommen gleich mehrere Pannen und Unfälle.

Eine Weichenstörung am Grünauer Kreuz legt mitten im Berufsverkehr die S-Bahn zwischen Schöneweide und Grünau etwa eine Stunde lang lahm. Kurz darauf, gegen 8.25 Uhr, rammt ein Bus in Lichtenrade eine Gaslaterne. Weil Gas ausströmt, muss die benachbarte S-Bahnlinie S 2 bis 9.50 Uhr unterbrochen werden.

Im Fernverkehr trifft es bereits am frühen Morgen etwa 300 Fahrgäste eines ICE nach Hamburg. Bei Bad Wilsnack (Prignitz) kollidiert der Zug mit mehreren Rehen und wird so stark beschädigt, dass die Bergungsarbeiten bis zum Nachmittag dauern. Reisende werden mit einem Ersatzzug weiterbefördert, nachfolgende Züge teilweise über Stendal umgeleitet. Die Folge sind nicht nur dort erhebliche Verspätungen. Auch die Regionallinie RE 2 (Wismar-Cottbus), die seit Sonntag dank Streckensanierung eigentlich deutlich schneller unterwegs sein sollte, fährt nur einen Tag nach dem Fahrplanwechsel nach Angaben des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) Verspätungen von bis zu 40 Minuten ein. Die Gleissperrung nach dem ICE-Unfall sei dafür zum Teil verantwortlich, sagt ein Bahnsprecher, aber auch Probleme bei der Software-Anpassung, die umgehend in den nächsten Tagen behoben würden.

Beschauliche Ruhe am Potsdamer Hauptbahnhof

Im Vergleich dazu herrscht am Potsdamer Hauptbahnhof fast beschauliche Ruhe, obwohl die Landeshauptstadt faktisch vom Regionalverkehr in Richtung Berliner Innenstadt abgehängt ist. Ein Jahr lang können wegen Bauarbeiten an maroden Brücken und Gleisen keine Regionalzüge zwischen Berlin-Wannsee und Charlottenburg fahren . 25.000 Fahrgäste täglich müssen sich nun einen anderen Weg suchen. Immerhin: Das geplante Ersatzkonzept läuft am ersten Tag der Arbeitswoche weitgehend reibungslos an, wie die Bahn bestätigt.

Aus Osten kommende Züge werden umgeleitet oder enden bereits an den Bahnhöfen Zoologischer Garten und Charlottenburg. Dort informieren Plakate, Transparente und auf den Boden geklebte Hinweise die Fahrgäste. „Zwischen Potsdam und Berlin müssen wir gemeinsam einiges stemmen“, ist zu lesen. Auch Servicekräfte sind vor Ort. Lautsprecherdurchsagen, wie es in Richtung Potsdam weitergeht, sind hingegen rar in den Zügen und auf den Bahnsteigen. Die Bahn will prüfen, ob die Information verbessert werden kann.

Die wichtigen Regionalexpresslinien RE 1 und RE 7 aus Richtung Westen werden ebenfalls teilweise umgeleitet, teilweise auch unterbrochen. Auf direktem Weg von Potsdam in die Berliner City und zurück geht es deshalb nur noch mit der S-Bahnlinie S 7. Entsprechend gut gefüllt sind die Züge im morgendlichen Berufsverkehr. Die gute Nachricht: Die S-Bahn schafft es am Morgen mehr als 490 fahrbereite Doppelwagen in den Einsatz zu schicken – so viele wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Verspätungen gibt es nur vereinzelt, heißt es von der S-Bahn. „Das befürchtete Chaos ist ausgeblieben“, sagt ein Sprecher am Nachmittag.

Wenn die Bahn nicht kommt

Die meisten Fahrgäste in Charlottenburg und Potsdam nehmen die Einschränkungen tatsächlich gelassen. „Ich habe Verständnis für die Bauarbeiten, aber dass sie ein ganzes Jahr dauern sollen, kann ich nicht verstehen“, sagt Sabine Rink. Die junge Frau ist an diesem Morgen gut informiert, findet sich nur auf dem Bahnhof nicht gleich zurecht. Ein möglicher Grund: Spezielle Wegweiser in Richtung S-Bahn fehlen in Charlottenburg. Und auch die Umleitungen funktionieren nicht in jedem Fall.

„Eigentlich wollte ich mit der S-Bahn von Adlershof nach Schönefeld und von dort mit der Regionalbahn nach Golm“, sagt Ricarda Scheiner. Aus ihr nicht erklärbaren Gründen sei die Bahn aber nicht gekommen. „Ich wusste nichts von den Bauarbeiten“, sagt die Biologin. „Wenn es alles noch länger dauert, brauche ich gar nicht mehr zur Uni fahren. Das lohnt sich dann auch nicht mehr.“