Kinderbetreuung

Kitaplatzmangel bringt Alleinerziehende in Not

In Berlin fehlen fast überall Einrichtungen für Kinder. Wenn Mütter zurück in den Beruf wollen, finden sie oft keinen Kitaplatz. So wie Jennifer Perna aus Hellersdorf.

Foto: David Heerde

So schwer hatte Jennifer Perna sich das nicht vorgestellt, als sie sich mit 16 Jahren entschied, die Schule für ein Jahr zu unterbrechen, um ein Kind zu bekommen und sich darum zu kümmern. Nicht die inzwischen anderthalbjährige Leonie macht ihr das Leben so schwer. Die Tochter hüpft munter durch die neue Wohnung in Hellersdorf und spricht ihre ersten Worte nach. „Ich habe damals an alle möglichen Schwierigkeiten gedacht, aber nicht daran, dass ich keinen Kitaplatz finden könnte“, sagt die heute 18 Jahre alte Mutter.

Noch bis vor Kurzem galt Berlin deutschlandweit als Vorzeigestadt im Kitabereich. Jeder, der einen Betreuungsplatz suchte, hat auch einen gefunden. Doch die Situation hat sich gedreht. Die Innenstadtbezirke schlugen schon vor zwei Jahren Alarm. Inzwischen ist es fast in allen Bezirken schwierig geworden, einen Platz zu finden. Grund sind die steigende Geburtenrate und der große Mangel an Pädagogen. Aber auch das auf maximal 14 Monate begrenzte Elterngeld trägt dazu bei, dass viele Mütter zurück in den Beruf wollen und für das Kind dringend eine Betreuung benötigt wird. Inzwischen erkennt auch der Senat den Notstand an. Nach neuen Berechnungen der Bildungsverwaltung fehlen bis 2015 in Berlin 23.000 Kitaplätze. In den Koalitionsvereinbarungen von SPD und CDU wurde der Einrichtung neuer Plätze höchste Priorität eingeräumt.

Doch Jennifer Perna kann so lange nicht warten. Für sie war immer klar, dass sie so schnell wie möglich ihren Abschluss nachholen und eine Ausbildung beginnen wird. Jetzt will sie keine Zeit mehr verlieren. Den Kita-Gutschein, der ihren Anspruch auf einen Betreuungsplatz bestätigt, hat sie schon in der Tasche. Seit einem Monat ist sie in dem Projekt „Mütter an den Start“ vom SOS Kinderdorf in Hellersdorf. „Das Jobcenter hat mir jetzt sogar angeboten, noch im Dezember in ein Berufsvorbereitungsjahr mit der Möglichkeit einer anschließenden Ausbildung als Bürokauffrau einzusteigen“, sagt sie. Was fehlt ist eine Betreuung für das Kind.

„Wenn ich diese Chance verstreichen lasse, muss ich wieder mindestens bis September warten“, sagt die Mutter. Doch es müsse schon ein Wunder geschehen, wenn so kurzfristig noch ein Kitaplatz zu finden wäre. Alle Kindertagesstätten, bei denen sie seit Beginn des Jahres angefragt hat, seien bis 2013 ausgebucht. In zehn Einrichtungen stehe sie auf der Warteliste, obwohl ihr die Träger keine Hoffnung auf einen Platz gemacht haben. Etliche weitere habe sie telefonisch angefragt und gleich eine Absage erhalten. „Dabei wäre mir kein Weg zu weit, ich würde auch in einen Nachbarbezirk gehen“, so die Mutter. Aber auch dort ist die Situation angespannt.

Bevorzugt werden Geschwisterkinder und Kinder ab drei Jahren. Denn nach drei Jahren endet die offizielle Elternzeit, dann sind auch Mütter, die arbeitslos gemeldet sind, verpflichtet, sich um Arbeit zu bemühen. Gemessen daran hätte Jennifer Perna noch Zeit. Doch sie will auf keinen Fall so lange ihre Ausbildung aufschieben. „Nach drei Jahren bin ich aus dem Lernen raus, dann wird es immer schwerer, den Schulabschluss nachzuholen“, sagt sie.

Als sie nach der neunten Klasse die Schule unterbrochen hatte, wohnte sie noch in Reinickendorf. Dort wurde sie vom Jugendamt betreut. Ein Krippenplatz war in diesem Bezirk nicht das Problem, dafür aber die Mieten. Mitte des Jahres zog Jennifer Perna deshalb nach Hellerdorf. „Weil hier die Wohnungen gut und bezahlbar sind“, sagt sie. Mit dem Kind sei sie schnell im Grünen, sie habe einen Balkon, eine helle Wohnung mit drei Zimmern und einen weiten Blick.

So wie sie denken offenbar viele. „Der Bezirk wächst, immer mehr Familien ziehen nach Marzahn-Hellersdorf“, bestätigt die neue Jugendstadträtin Julia Witt (Linke). Sowohl die günstigen Wohnungen als auch die Reihenhäuser seien vor allem von Eltern mit Kindern gefragt. Nicht Schritt halten konnten mit diesem Trend jedoch die Betreuungsangebote für Kinder. „Vor einigen Jahren hatten wir noch zu viele Kitaplätze im Bezirk, jetzt haben wir Schwierigkeiten, den Bedarf zu decken“, sagt Witt.

Dabei sei man nicht untätig. Am Montag wird der Grundstein für die neue Kita „Haus an der Wuhle“ gelegt. Am 7. Dezember eröffnet eine neue Kita an der Peter-Huchel-Straße. Doch das Hauptproblem seien nicht die Räume, sondern die fehlenden Erzieher, so die Jugendstadträtin. Mindestens 150 Kinder könnten derzeit nicht aufgenommen werden, weil das Personal für die Betreuung fehle. Und der Fachkräftemangel lasse sich nicht so kurzfristig beseitigen, sagt Stadträtin Witt.

Für Jennifer Perna drängt die Zeit. „Nicht nur für mich“, sagt sie. Auch für Leonie wäre es schöner, mit anderen Kindern zu spielen als nur mit ihrer Mutter. In der Gruppe lernten die Kinder viel schneller, das beobachte sie schon in der Notfallbetreuung, die das SOS-Kinderdorf während der Mütterkurse anbietet. „Jennifer Perna ist kein Einzelfall“, sagt die Projektleiterin Annette Fischer von „Mütter an den Start“. Vor allem Mütter, die schon früher als nach drei Jahren in den Beruf einsteigen wollten, hätten es sehr schwer, im Bezirk Marzahn-Hellersdorf einen Betreuungsplatz für ihr Kind zu finden.

Berlin im Pro-Kopf-Vergleich vorn

Anspruch: Jedes Kind zwischen dem dritten Lebensjahr und dem Schuleintritt hat in Berlin einen Rechtsanspruch auf eine Halbtagsbetreuung in einer Kita. Kinder unter drei Jahren haben dann einen Platzanspruch, wenn ein entsprechender Bedarf – zum Beispiel bei Berufstätigkeit der Eltern – vorliegt. Den Bedarf prüft das Jugendamt.

Kosten: Den größten Teil der Kosten für die Kindertagesbetreuung – insgesamt 751 Millionen Euro im Jahr – trägt das Land Berlin. Kein Bundesland in Deutschland gibt pro Einwohner mehr Geld für Kitas aus. Um möglichst viele Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind in eine Kita zu bringen, hat der Senat die Kostenbeteiligung systematisch reduziert. Seit 2011 sind alle drei Jahre vor der Schulzeit beitragsfrei.

Kitas: Nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung gibt es in Berlin rund 1800 Kindertagesstätten. Sie bieten derzeit rund 120.000 Betreuungsplätze an. Rund zwei Drittel der Plätze werden von freien Trägern, ein Drittel von den fünf Eigenbetrieben des Landes Berlin angeboten. Mehr als 90 Prozent der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren haben einen Kita-Platz. Beitragsfreiheit und Geburtenzuwachs lassen die Nachfrage stark wachsen. Der Senat geht davon aus, dass 12.000 zusätzlich Plätze kurzfristig gebraucht werden. Bis 2015 werden gar 23.000 neue Plätze benötigt.