Rocker

Berlin prüft Verbot der Hells Angels

Eine der jüngsten Episoden im Berliner Rockerkrieg: Ein Hells-Angel-Mitglied schießt, auf einem Fahrrad fahrend, auf das Geschäft eines verfeindeten Rockers. Wie sich nun herausstellt, hatte der als Intensivtäter geführte Mann zuvor Haftverschonung bekommen. Nun arbeiten Berlins Sicherheitsbehörden an einem Rocker-Verbot.

Foto: Steffen Pletl

Marcel K. steht unter Verdacht: Er soll auf ein Bekleidungsgeschäft und ein Tätowierstudio geschossen haben – K. ist Mitglied der Rockergruppe Hells Angels und feuerte, während er auf einem Fahrrad an den Geschäften vorbeifuhr. Eines davon gehört dem Präsidenten der mit den Hells Angels verfeindeten Rockergruppe Bandidos.

Als es zu der Tat kam, war K. auf freiem Fuß: Haftverschonung. Dabei wird K. bei der Polizeidirektion 3 offiziell als Intensivtäter geführt, er ist wegen brutaler Raubüberfälle und Körperverletzungen einschlägig polizeibekannt und auch verurteilt worden. Und ihm wird ein bewaffneter Raubüberfall im Januar dieses Jahres in Wedding zur Last gelegt wird. Deshalb kam K. kurz in Untersuchungshaft, erhielt dann aber Haftverschonung.

Behörden bereiten Verbotsantrag vor

K. wird vorgeworfen, mit einem Komplizen am 13. Januar in das Juweliergeschäft Goldhaus Nord an der Müllerstraße in Wedding überfallen zu haben. Die beiden Täter flüchteten zunächst mit einem Mercedes M-Klasse und später zu Fuß. Marcel K. wurde an der Swinemünder Brücke schließlich nahe den Bahngleisen durch einen Schuss ins Bein gestoppt.

Dass der Intensivtäter K. nach dem Überfall nur kurzzeitig in Untersuchungshaft und er dann entlassen wurde, wird innerhalb der Polizei kritisiert. Nun kommt die Frage auf, ob der mutmaßliche Schütze K. zu seiner Attacke in der Lage gewesen wäre, wenn er nach dem Überfall länger im Gefängnis hätte bleiben müssen. Die Staatsanwaltschaft wollte sich auf Anfrage am Wochenende nicht zu den Umständen äußern.

Um die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Rockerclubs Hells Angels und Bandidos nicht weiter eskalieren zu lassen, arbeiten die Berliner Sicherheitsbehörden nach Informationen von Morgenpost Online an einem Verbotsantrag für die Hells Angels in Berlin. Vorbild könnte dabei das Vorgehen Hessens in Sachen Rocker sein. Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) hatte Ende September zwei Ableger der Hells Angels in Frankfurt/Main verboten, die sogenannten Charter „Westend“ und „Frankfurt“. Diese Rockergruppen haben nach Auffassung des Ministers den Zweck, in einem bestimmten Gebiet kriminelle Macht zu entfalten und diese Gebiets- und Machtansprüche durchzusetzen. Und das trifft nach Einschätzung von Mitarbeitern des Berliner Landeskriminalamtes auch auf die Hells Angels Berlin City zu.

Rockerkrieg war zuletzt eskaliert

Der Rockerkrieg zwischen den verfeindeten Bandidos und den Hells Angels war zuletzt erneut eskaliert. Das Hells-Angels-Mitglied Christopher H. hatte am Donnerstag einige Bandidos in der Nähe ihres Clubheimes an der Provinzstraße in Wedding provoziert – und war niedergestochen worden.

Anscheinend als Vergeltung kam es dann zu dem Fahrrad-Feuerüberfall auf die beiden Geschäfte an der Provinzstraße. Ein zunächst Unbekannter auf einem Mountainbike schoss auf das Bekleidungsgeschäft des Bandido-Präsidenten Micky Sch. und ein wenige Meter daneben liegendes Tätowier-Studio, dass dem Vize-Präsidenten der „United Rocker“ gehört, einer den Bandidos nahe stehenden Gruppierung. Verletzt wurde niemand.

Ein Großaufgebot der Polizei durchsuchte wenig später mehrere Rocker-Clubräume und nahm schließlich Marcel K. fest. Der 24-Jährige war in der Vergangenheit immer wieder bei Kontrollen in Gegenwart von Mitgliedern der Hells Angels Berlin City angetroffen worden. „Es gibt Hinweise darauf, dass er immer dann gerufen wird, wenn es gilt, schmutzige Aufträge für diese Rocker auszuüben“, sagt ein Polizeibeamter. „Es ist unglaublich, dass der Polizei bekannte Gewaltverbrecher auf freiem Fuß sind und eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen, in dem sie am helllichten Tag Schüsse im öffentlichen Straßenland abgeben.“

Gefolgsmann des berüchtigten Rocker-Chefs

Marcel K. gilt als Gefolgsmann von Kadir P. Der türkischstämmigen Präsident der Hells Angels Berlin City war spektakulär mit 80 Gefolgsleuten in einer bislang weltweit einzigartigen Aktion von den Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen. Kadir P. soll einen Türsteher mit einem Messer bedroht haben und wollte den Mann angeblich in den Hals stechen. Das war vor drei Jahren – bislang ist kein Prozesstermin festgelegt.

Das Landeskriminalamt prüft derzeit, ob die Hells Angels Berlin City um Kadir P. vergangenen Freitag an einem Überfall auf ein Bordell an der Hochstädter Straße in Wedding beteiligt waren. Dabei war eine Frau durch einen Hieb mit einer Machete verletzt worden.

Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder) hat nach Informationen Morgenpost Online inzwischen Haftbefehl gegen Christopher H. erlassen. Er soll vor mehreren Jahren – damals war er noch bei den Bandidos – einem Hells Angel im brandenburgischen Finowfurt fast ein Bein abgetrennt haben. Das Verfahren schwebt zwar noch. Doch als die Ermittler feststellten, dass der Beschuldigte keine Meldeanschrift in Deutschland hat und viel Zeit auf Mallorca verbringt, erging der Haftbefehl wegen Fluchtgefahr.