Neun Monate vor Schließung

Manche werden Tegel-Fluglärm sogar vermissen

Wenn in neun Monaten der Flughafen Tegel dicht macht, wird es rund um die Einflugsschneise des belebten Airports ruhig werden. Ein Wanderung um die Flughafen-Peripherie zwischen Planespottern und Kleingärtnern.

Foto: Sven Lambert

Häfen sind Orte der Sehnsucht, des Ankommens und Abschieds. Aber wie fühlt es sich an, wenn der Hafen selbst einfach verschwindet? Wo steht man dann, wohin schaut man? "Otto Lilienthal", der Flughafen Tegel, wird sich im kommenden Juni davonmachen. In nur einer Nacht wird er umziehen nach Schönefeld, mit Sack und Pack. Kaum vorstellbar. Was wird aus dem einstigen Symbol West-Berlins? Und was aus den meistüberflogenen Orten der Stadt?

Vielleicht erfährt man mehr, wenn man den Flughafen selbst umrundet. Zu Fuß. Einen offiziellen Wanderweg gibt es nicht, obwohl die Umgebung spannend klingt: riesige Kleingartenkolonien, ein Wald mit dem poetischen Namen Jungfernheide und ein See. Welcher Flughafen hat schon einen eigenen See? Als Kontrast liegt dahinter die JVA Tegel, Europas größter Knast. Google Maps erstellt mir im Internet eine "Fußgängerroute mit dem Ziel 'Unbekannte Straße' und vorausberechneter Laufzeit: 16,8 Kilometer, ca. 3 Stunden, 26 Minuten". Ich ahne, dass ich länger brauchen werde.

Start ist die Bushaltestelle "Luftfracht". Ein rot-gelbes Wartehäuschen im 70er-Jahre-Stil, "Autobus" steht daran. Die Ampel davor bittet: "Fußgänger bitte drücken", doch der Knopf wird offenbar selten gedrückt. Mein letzter Blick zurück, bevor ich loslaufe: Ein Flugzeug rollt durchs Bild, würdevoll und riesengroß, als wollte es, wie ich, zu Fuß weiter. Das Hauptterminal, eröffnet 1974, eine geniale geometrische Komposition, sechseckig und bunt vom Check-in bis zur Klokachel. Nach der Wende hieß es: Tegel sei piefig. Ein Spielzeugflughafen, in dem man sich nicht mal verlaufen könne. Heute ist Geometrie wieder angesagt. Und selbst Szenemenschen bekennen sich zu Heimatgefühlen.

"Det stinkt uns"

Ein bisschen wehmütig laufe ich los, am Zoll entlang. Die Gebäude sind leuchtend orange. Oder ist es Rost? An den Bürofenstern wuchern Yuccapalmen, als ob sie rauswollen ans Licht. Es ist unglaublich leise. Kein Mensch, kein Flugzeug, nichts, denke ich, bis mich plötzlich ein stechender Geruch trifft. Süß, fast tropisch, widerlich. Ich schaue böse auf Goldruten und Dahlien in den Kleingärten gegenüber, bis ich verstehe: Der Parfumgestank kommt vom Flughafen. Ich weiche aus in die Kleingärten.

Endlich, Menschen! Eine ältere Dame erklärt mir den betäubenden Geruch. Hinter dem Zaun würden die Flugzeugtoiletten gereinigt. "Det stinkt uns!", sagt sie, fügt aber hinzu: Ansonsten sei die Welt hier in Ordnung. Gut, einige Nachbarn könnten die Hecken mal wieder schneiden. Aber der Fluglärm? Sie macht eine ernste Miene. "Der stört uns nicht, im Gegenteil." Auf die Idee, gegen den Lärm zu demonstrieren wie momentan die Flugroutengegner im Süden der Stadt, würde sie nie kommen, sagt sie. Im Gegenteil. Trotz Lärm mache sie die Vorstellung traurig, dass es mit dem Flughafen bald vorbei sein soll.

Ingrid und Alfred Thurow haben ihren Garten in der Kleingartenanlage seit 43 Jahren. "Vor den Toren" heißt sie, gemeint sind die Tore der Stadt. "Als wir kamen, war hier unten nur ein Schießplatz. Und Wald", sagt Alfred Thurow und deutet auf den Tower, hinter dem jetzt eine Maschine in den Himmel steigt. Seine Frau ruft: "Eine Idylle ist das hier!" Wenn die Thurows nicht im Garten sind, wohnen sie in Reinickendorf auf der anderen Seite des Flughafens, direkt in der Einflugschneise. "Da fliegen sie uns direkt ins Wohnzimmer", sagt er, rückt einen Solar-Gartenzwerg auf dem gepflegten Rasen zurecht und brummelt: "Ick gloob' nich', dass die Tegel wirklich schließen." Er ist nicht der Einzige, der so denkt.

Im Weitergehen bewundere ich blaue Meereswellen an einer Laubenwand. Die Gartenkolonien waren das Mallorca der eingeschlossenen Berliner. An die Ostsee konnten sie nicht, fliegen war teuer. Wie die Thurows haben viele ihr Leben hier verbracht, gefeiert, Freunde gefunden. Es gibt eine Kirche, eine Schule stand dort, wo jetzt der Seniorentreff ist. Eine Stadt in der Stadt, mit eigenen Straßen und Gesetzen. In Aushängen wird dazu aufgefordert, die Mittagsruhe einzuhalten. Flughafen hin oder her: Die Gärten werden bleiben. Sie haben Bestandsschutz.

Um die Ecke schallt jetzt Gelächter. Eine Schulklasse? Nein, es sind grauhaarige Menschen in Funktionsjacken und Turnschuhen und viel Berliner Geschichte im Gepäck. Auf die Frage nach dem Woher nennen sie erst alle möglichen West-Berliner Bezirke, dann: "Ostpreußen! Schlesien! Westdeutschland! Korea!" Auch sie hängen an Tegel, sagen sie. Einer erinnert sich an seinen ersten Flug "mit einer Propellermaschine aus Berlin nach Hannover", andere an ihre Kindheit zu Luftbrückenzeiten in Spandau. "Wir Kinder fanden es aufregend, wenn die Maschinen im Tiefflug über den Hafenplatz dröhnten."

Die Luftbrücke während der sowjetischen Blockade: Die Flughäfen in Tempelhof und Gatow reichten nicht aus, um die Stadt aus der Luft zu versorgen. 19000 Berliner schippten in Tegel Sand und Steine für neue Rollbahnen. In nur 90 Tagen wurden sie fertig. Die erste Maschine landete am 5.November 1948. Sie brachte 20000 Pfund Käse. Ab da kam die Hilfe im Minutentakt. Lärm bedeutete Leben, Stille das Ende – so muss man die Trauer um Tegel wohl verstehen. "Flugzeuge gehören eben auch zu einer Stadt wie Berlin", sagt eine Frau.

Die Seniorengruppe zieht weiter, ich bleibe stehen und schließe die Augen. Die Sonne brennt, Grillen zirpen. Aus dem nahen Wald dringt der sommersüße Duft trockener Kiefern herüber. Als ich die Augen wieder öffne, schaue ich auf ein Schild: STANDORTHALLENSCHIESSANLAGE. Ein Wort, so sperrig wie der doppelte Zaun, an dem es hängt. "Betreten verboten", steht darunter. Ich frage einen Mann über den Zaun hinweg. Einst hätten die französischen Alliierten hier mit ihren Panzern schießen geübt, erfahre ich, heute sei es die Bundeswehr. Irgendwie bin ich vom Weg abgekommen.

Ich nehme einen der Trampelpfade quer durch den Wald. Alle Wege scheinen nur ein Ziel zu haben: die Gestade des Hafens, den Maschendrahtzaun mit dem Blick übers Meer. Am Horizont kündigt gleißendes Licht die Maschinen an, bevor sie sich donnernd erheben. Der Blick folgt Lichtmastenreihen, der Wind treibt Wellen über die Gräser. Ich setze mich auf einen Baumstumpf. Jemand hat einen Babyschnuller in den Zaun geklemmt. Strandgut, wie am Meer eben. Wie weit bin ich weg von der Stadt?

Wie ein Bild von Liebermann

Zurück in den Wald. Hundegebell, von allen Seiten. Ich eile, schließlich bin ich ohne Hund hier. Dann stoppt mich ein Grab. Sieben französische Soldaten sind hier 1953 bei einem Flugzeugabsturz gestorben. Vor dem Stein stehen frische Blumen. Wenige Schritte weiter leuchten grüne Birken, lila Heide und blaues Wasser. Ein liebermannsches Gemälde, bewacht von einer Umwelteule. In den 80er-Jahren haben Naturschützer diesen Teil des Seeufers besetzt. Das war im alten, wilden Vorwende-Berlin. Heute ist es ein offizielles Schutzgebiet.Am Ufer besteige ich einen Aussichtsturm aus Stahl. Eine Art Wehrturm – aber wogegen? In der Ferne steigen leise Flugzeuge aus dem Wald. Hinter mir erheben sich Sandhügel wie auf einem Truppenübungsplatz. Unter mir steht eine Blockhütte, über und über besprüht. Daneben sitzen drei junge Männer um einen Tisch mit Bierflaschen und Zigaretten. Einer trägt eine Kapuzenjacke mit dem Schriftzug "Berlin", als wäre er Tourist. Der zweite trägt einen Sommerhut, der dritte ergreift das Wort. Sie wohnen gleich um die Ecke, sagt er, "ich hab frei". "Urlaub", sagt der zweite und der Dritte: "zurzeit keene Arbeit". Und der Flughafen? "Den würden wir gern behalten." Dann schwärmen sie von ihren Sommern am See, schön sei es hier. Auch wenn sich die Rocker ebenfalls hier träfen.

Die Robinsons vom Flughafensee

Der Flughafensee ist kein Schongebiet. Er ist seit jeher Treffpunkt der Nordberliner Jugend. Hier werden schon mal Messer gezückt, Kinder haben sich fast zu Tode getrunken. Es gibt auffallend viele Rettungsringe am Strand. Jetzt, da der Sommer vorbei ist, liegt die Badebucht still da. Nur ganz am Ende weht über einer Sandburg eine Totenkopfflagge. Drumherum stehen drei Robinsons mit gegerbter Haut und zerzausten Haaren. "Wir zelten nicht, campen ist hier verboten", belehrt mich einer mit Blick auf die selbst gebauten Hütten und stellt den Hauptmieter vor: "Das ist Uwe, der ist harmlos."

Ich betrachte eine Weile nachdenklich drei Bierflaschen auf einem provisorischen Tisch neben einer offenen Chappidose. Ein Löffel steckt darin. Ein Radio spielt. Irgendwie handelt es sich tatsächlich um Schiffbrüchige, wenn auch mitten in der Stadt. Auch Uwe trägt die Berlin-Kapuzenjacke. Als solle das heißen: Berlin ist eine Stadt auch für Robinsons wie ihn. Noch, möchte man anfügen. Der Flughafensee, sagen die drei Jungs, sei neuerdings kein Geheimtipp mehr. Inzwischen kämen immer mehr Fremde. "Sogar aus dem Wedding."

Daran, dass mich ab jetzt ein unheimlicher Mann durch den Wald begleitet, bin ich selbst schuld. Ich habe ihn gefragt, was die Baracke hinter der Badestelle sei, und er hat geantwortet: "das Quartier der Angler". Früher hätten darin die Arbeiter der Kiesgrube ihre Räume gehabt. Der Flughafensee ist kein echter See, sondern ein Loch. Eine Kiesgrube.

Der Mann scheint den See zu kennen, er beschreibt, wo die Baggerschiffe den Kies umluden, als der Flughafen gebaut wurde. Der Mann ist groß und hat einen gruseligen Husten. Vielleicht ist es ungerecht, aber etwas in mir findet: Er ist zu freundlich. Einsame Männer und solche mit schlechten Absichten sind schwer auseinanderzuhalten. "Da drüben die Türme, das war der Geheimdienst der Franzosen, da durfte man nicht hin", er deutet auf zwei Stahlgerüsttürme über den Wipfeln. Wir passieren eine Fußgängerbrücke übers Wasser, dann eine Weggabelung. Er wendet sich nach links, sagt, rechts sei nur die Bundesnetzagentur. – "Oh, wie interessant", sage ich und versuche, nicht übertrieben schnell nach rechts zu laufen.

Die Agentur empfängt mich mit einschüchterndem Bundesadler und Eisentor. Sackgasse. Und jetzt? Doch dann entdecke ich im Zaun ein kleines Tor. "Durchgang verboten", steht daran. Ich schlüpfe erleichtert hindurch. Und tauche in Frankreich wieder auf. Genauer gesagt: Auf einer Straße mit dem andeutungsvollen Namen Allée St. Exupéry. Gediegene Villen, gepflegte Gärten, unglaubliche Mengen an Garagen. Hier wohnten einst Offiziere der französischen Alliierten. An den Flachbauten vor der Flughafeneinfahrt kleben immer noch die Schilder "Economat de l'armée" des Armee-Supermarkts. Gegenüber liegt ein verwaister Bouleplatz. Dies ist die Zufahrtsstraße zum historischen, militärischen Teil des Flughafens. Sie liegt grasüberwachsen und verlassen da.

Ein seltsamer Ort, um Gäste zu empfangen, denke ich. Denn hier sind die Hubschrauber der Flugbereitschaft stationiert, mit denen Angela Merkel oder auch Staatsgäste unterwegs sind. Wenn sie kommt, wird an der Seidelstraße die Ampel auf Rot gestellt, motorisierte Polizei steht Spalier. Das wird auch nach der Flughafenschließung so bleiben. Jetzt aber laufe ich durch eine Stille, die klingt wie Berlin im Jahr 1994. Als die Alliierten verabschiedet waren und man nicht wusste: Was kommt? Was wird aus Berlin?

Eine Antwort darauf sind Halit und Anja Mimaroglu. Das Ehepaar, beide 45 Jahre alt, gehört zu den Neusiedlern am Hafenrand. Hier, in den "Französischen Gärten", entstehen 44 Doppelhaushälften nach ökologischen Maßstäben. "Mitten in Berlin, mit Wald und See in Fußnähe", schwärmen die beiden. Sie kommen aus Schöneberg, ihre Kinder sind 12 und 15. "Reinickendorf klingt so weit weg, aber dieses Viertel liegt mitten in Berlin, die Kinder können ihre Schulen in Tiergarten weiter besuchen." Ende des Jahres will die Familie einziehen. Sie sind die Ersten. Ich finde sie mutig. Diese Stille!

Mein Wiedereintritt in die Zivilisation erfolgt über eine Brücke an der Scharnweberstraße. Sie zittert unter Lastwagen, ein Stockwerk tiefer rauscht die Autobahn, links rattert die U-Bahn nach Tegel. Oben grollen Flugzeuge. Mehr Großstadt geht nicht. Eine Ecke weiter hat eine Cocktailbar neu eröffnet, "Gate 51" heißt sie und liegt auf einer Verkehrsinsel nahe der Einflugschneise.

Am Tresen steht Kiki, sie ist 22, gelernte Restaurantfachfrau und an der Scharnweberstraße aufgewachsen. Sie sagt, natürlich: Sie sei gegen die Schließung von Tegel. "Schönefeld sei zu weit weg und schlecht angebunden. Und Flugzeuge, sagt Kiki, gehören einfach zu ihrem Leben. 36 Mal war sie schon in Spanien, sie hat das genau gezählt, "das erste Mal als Baby". Das "Gate51" ist jedoch keine Hommage an Tegel, sondern an den einstigen Postzustellbezirk Reinickendorf-Ost. Die "51" steht, ähnlich wie "Kreuzberg36" für das Lebensgefühl des echten, rauen West-Berlin. Nur dass es das in Kreuzberg schon lange nicht mehr gibt. Hier jedoch gibt es noch Eckkneipen mit Namen wie "Daggis Einflug" oder "Oldiebar". In fast allen darf man rauchen. Reinickendorfer Woche: Montag Futschitag (1 Euro), Dienstag Gletschertag (1 Euro), Mittwoch Whiskytag (1,50 Euro), Donnerstag Biertag (1 Euro). Es gibt einen Briefmarkenladen und ein Sonnenstudio, das mutmaßlich dieselbe Kundschaft hat wie die Kampfsportschulen und die vielen Friseure.

Dann stürzen die Flugzeuge aus den Dächern. Am Kurt-Schumacher-Platz schrecken selbst die Bedienungen der Straßencafés zusammen, wenn die Maschinen plötzlich den Himmel verdunkeln, so nahe ist die Landebahn. Ich fliehe in eine Bäckerei, starre auf Sahnetorten, eine klimatisierte Raucherlounge und ein ungleiches Paar, das in der Ecke ins Gespräch vertieft ist. Die füllige Dame mit Locken, der Mann in Anzug, Krawatte, gestreiftem Hemd und Kippa. Sie sprechen englisch, das Thema ist angesichts des Höllenlärms draußen erstaunlich – Chorgesang. "Singen Sie Alt?", fragt der Herr, und sie erwidert lachend: "Aber nein, wo denken Sie hin – Sopran!" Wo haben die beiden sich getroffen? Wird diese Begegnung ihr Leben verändern? Was hat das mit Tegel zu tun? Ich verlasse diesen Romananfang und kehre zurück ins Gebrüll.

"Kutschi" nennen die Berliner liebevoll diesen traurigen Platz. Man hat ihn mit Arkaden und Brunnen "aufgewertet", doch die Wahrheit wird in Tüten aus Ein-Euro-Shops getragen, sie sitzt einsam im Anzug beim Bier vorm Dönerladen und steht zwischen den Zeilen der zahlreichen Schilder: "Zu vermieten". Die Wahrheit ist: Auch die Schließung des Flughafens wird hier nicht viel helfen. Im Untergeschoss des Clou, des Einkaufszentrums am Platz, werden weiterhin grauhaarige Menschen um einen orangefarbenen Springbrunnen sitzen, der aussieht wie ein Ufo. Draußen werden die Leute weiterhin blicklos an der gigantischen Ruine vorbeilaufen, die einmal ein französisches Kaufhaus war und jetzt aussieht wie ein Zitat aus Nachwende-Ostberlin.

Irgendwo dahinter muss der Flughafenrand sein. Ich irre durch ein galaktisches Viertel: über mir Flugzeuge, um mich herum Straßen mit Sternennamen. Im Zeichen von Jupiter, Mars und Venus werden Autos repariert und Handtücher gewaschen. Irgendwo hat jemand einen kompletten Jahrmarkt abgestellt und vergessen. Dann stehe ich an der Berliner Mauer. In Reinickendorf! Doch die bunt bemalten Elemente sind echt, man kann sie mieten oder kaufen, erfahre ich, oder zerkleinert als Souvenir erwerben. Über mir tobt es, es wird Abend, alle wollen nach Hause, auch die da oben am Himmel.

Dann, endlich, stoße ich auf Leute mit verklärtem Blick und Kameras in den Händen. Planespotter! Flugzeugfans. An der Autobahn sitzen Nils und Thomas aus Steglitz auf einem Mäuerchen. Sie seien eher am Fotografieren als an Flugzeugtypen interessiert, sagen die 19-Jährigen und schauen in die untergehende Sonne. Der zertrampelte Platz gilt unter Tegel-Fans als romantisch. Die Mauer ist über und über mit Liebeserklärungen bekritzelt. "Tegel, wir werden dich vermissen", hat ein Pärchen geschrieben. "Tegel gets the Blues", steht etwas weiter.

Amanda und Christian Müller-Praefcke sind gerade hergezogen, aus Freiburg, mit Söhnchen Johan. Sie haben eine Wohnung in der ehemaligen Cité Pasteur, wo einst französische Soldaten lebten. Noch lassen hinter dem Bretterzaun die Flugzeuge ihre Triebwerke aufheulen, bevor sie starten. Noch. "Das ist ein Geheimtipp hier", sagt Christian. Er hat Arbeit in Reinickendorf und fährt mit dem Rad dorthin, Amanda und Johan haben den Spielplatz hinterm Haus entdeckt. Und die Kaninchen, die hier überall hoppeln. In ihrem Haus hört man die Flugzeuge kaum. Sie hoffen, dass Tegel ein großer Park wird. "Bald werden uns alle um dieses Wohnviertel beneiden", sagt sie.

Ein Leben mit Flugzeugen

Was bleibt, wenn der Flughafen weg ist? Wer noch einmal Hand auflegen will, sich an Kerosin berauschen, einmal selbst im Cockpit sitzen, der sollte die Ausstellung am Kurt-Schumacher-Damm besuchen. Für drei Euro Eintritt lernt man am historischen Platz alles über Alliierte und Luftbrücke, kann Panzer, Militärfahrzeuge, Flugzeuge bestaunen und selbst hineinklettern. Das Museum wird von einem Verein betrieben, Sprecher ist Joachim Szymanski. Er ist 1948 geboren, im Jahr der Luftbrücke, und in Tempelhof aufgewachsen. Ein Leben mit Flugzeugen: Auch er sagt, Berlin brauche einen Innenstadtflughafen. Und die komplette Schließung? "Schwer vorstellbar." Aber selbst wenn – die Ausstellung des Vereins wird noch einige Jahre hier bleiben. Die Umgestaltung des Flughafens wird hier erst spät beginnen.

Was wird aus Tegel? Der Flughafen soll Forschungs- und Industriepark werden, aber man hört wenig davon. Manche befürchten ein Ende wie auf dem ehemaligen Flughafen in Tempelhof. Eine zweite städtebauliche Leerstelle in Flughafengröße kann Berlin sich nicht leisten. Anfang des Jahres hatte die Beuth-Hochschule für Technik angeboten, ins Terminal zu ziehen. Die Architekten machten Vorschläge, um ihr Sechseck der 70er-Jahre ins Heute zu transponieren. Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU) sagt: Auch weitere Firmen hätten angefragt, sie suchen Flächen für produzierendes Gewerbe. Doch er warte, ebenso wie die Investoren, bisher vergeblich auf konkrete Ansprechpartner beim Senat. Dieser hat die Planung an sich gezogen.

Das macht nachdenklich. Auf dem Rückweg überquere ich einen gigantischen Parkplatz mit dem Wegwerf-Namen "McParking". Er wird umziehen nach Schönefeld. Ich widerstehe dem Shuttleservice zum Flughafen, obwohl laut Karte hier die "Unbekannte Straße" beginnt und es anfängt zu regnen. Stattdessen pilgere ich durch sehr viele Hundeschulen. Manche sehen aus wie Kinderspielplätze, andere wie Militärübungsplätze. Hunde sind offenbar lärmresistent, ebenso wie ihre Herrchen, die den oft gehörten Satz wiederholen: Sie würden Tegel gern behalten. Terrierfreunde geben mir den Tipp: "Da hinten gibt's ein Tor im Zaun." Und wirklich, über einem grünen Hügel leuchtet wieder die Tafel mit den Landezeiten des Flughafens. Ich fühle mich tatsächlich, als sei ich gerade gelandet. Aus einer sehr fremden Welt. Es gießt jetzt in Strömen.

Das rot-gelbe Buswartehäuschen nimmt mich auf wie eine schützende Berghütte. Ich sehe den X-Bus nahen. Doch der rauscht einfach vorbei, als sei der letzte Fahrgast am Flughafen längst abgereist.

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