800 Millionen für den Ku'damm

Investoren entdecken Berliner City West wieder

Der Mief des alten West-Berlin ist Geschichte: Durch viele große Bauvorhaben hat sich das Gesicht der City West in nur fünf Jahren stark verändert – und es wird weiter gebaut. Seinen Charme wird das Viertel trotzdem behalten.

Foto: Amin Akhtar

Wer den viel beschworenen Mief des alten West-Berlins erleben will, muss sich beeilen, denn der wird jetzt endgültig ausgekehrt. Am Breitscheidplatz ist von der Agonie, in die das geschäftige Herz der Mauerstadt nach der Wiedervereinigung fiel, schon heute nur noch an der Ecke zur Kantstraße etwas zu spüren. Dort stehen noch die Überreste des bereits zur Hälfte abgerissenen Schimmelpfeng-Hauses mit der ramschigen Ein-Euro-Shop-und-Asia-Imbiss-Mischung im Erdgeschoss, die den Niedergang des einstmals so stolzen „Schaufensters der Freiheit“ trefflich veranschaulichen. Doch im kommenden Jahr wird auch dieses Relikt des Verfalls verschwinden.

Der Kölner Projektentwickler Strabag Real Estate (SRE) hat das Areal gekauft und will bereits im nächsten Jahr mit dem Bau des 120 Meter hohen Atlas-Towers beginnen. Der 33 Stockwerke hohe, gläserne Zwillingsturm, den der Architekt Christoph Langhof entworfen hat, soll 250 Millionen Euro kosten. Damit vollendet sich ein Umgestaltungsprozess, der erst vor fünf Jahren seinen unscheinbaren Anfang genommen hat.

Früher gefährlich, jetzt angesagt

Im Jahr 2006 wurde das größte städtebauliche Manko, das den Platz auf seiner Nordseite zu einer unwirtlichen Gegend gemacht hatte, beseitigt. Der Autotunnel an der Budapester Straße wurde zugeschüttet, das düstere Gestrüpp abgeholzt. Touristen, die sich vom KaDeWe über den Tauentzien kommend, gerade noch bis zur Gedächtniskirche vorgewagt hatten, drehten bis zur Umgestaltung meist hier wieder ab. Noch vor wenigen Jahren führte die Polizeistatistik den Platz als „gefährlichen Ort“, die Drogenszene hatte die gesamte Nordseite des Platzes fest im Griff und machte einen der zentralsten Orte der Stadt nachts zur No-go-Area.

Im Übrigen gab es auf der anderen Straßenseite der Budapester Straße sowieso kaum etwas, das einen Besuch gelohnt hätte: Die Ladenzeile im abgewirtschafteten Bikini-Haus, dem lang gezogenen, denkmalgeschützten Flachbau aus den 50er-Jahren, bot Restpostenartikel und großflächigen Leerstand hinter staubigen Fensterscheiben.

Im März 2002 hatte die Bayerische Immobilien AG das marode Gebäude gekauft, dann jedoch offenbar Zweifel bekommen, ob sich die geplante 100-Millionen-Euro-Investition an diesem deprimierenden Ort wirklich lohnen würde. Erst Ende 2010 begannen die geplanten Umbauarbeiten zu einem Hotel- und Einkaufskomplex nach den Entwürfen des belgischen Künstlers Arne Quinze. Die sehen eine Rekonstruktion des Luftgeschosses in seinen ursprünglichen Zustand vor sowie den Bau von untereinander verbundenen Dachterrassen, die einen grandiosen Panoramablick über den Zoologischen Garten bieten werden.

Die neu gewonnene Zuversicht der bayerischen Projektentwickler stützte sich im Wesentlichen auf das unübersehbar in die Höhe gewachsene Zoofenster an der Ecke Hardenberg- und Joachimstaler Straße. Auch für diesen 118 Meter hohen Turm hatten die vorbereitenden Arbeiten bereits 2002 begonnen. Dann jedoch sprang der Hauptpächter, die Hotelkette Hilton, ab, die Arbeiten wurden gestoppt. Zurück blieb eine Baugrube, jahrelang notdürftig von Riesenpostern verhüllt.

Erst 2007 fand sich ein Investmentfonds mit Sitz in Abu Dhabi, der das Haus nach den bereits vorhandenen Plänen des Architekten Christoph Mäckler errichten wollte. Wieso ausgerechnet die Anleger aus den Vereinten Arabischen Emiraten dieser Gegend Potenzial einräumten, bleibt ihr Geheimnis. Durch ihre Zuversicht wurden 2008 endlich die Poster abgehängt, ein Jahr später wurde der Grundstein für das 230-Millionen-Euro-Projekt gelegt. Zur Erweiterung des Baugrundstücks wurde von April 2009 an der Brückentrakt des angrenzenden Schimmelpfeng-Hauses abgerissen. Damit war auch der lange Zeit verstellte Blick von der Kantstraße zum Breitscheidplatz wieder frei – und eine der berüchtigtsten Pinkelecken der Stadt verschwunden.

Seit Oktober 2010 ist das 32 Stockwerke hohe Zoofenster im Rohbau fertiggestellt, Anfang kommenden Jahres wird dort das zur Hilton-Kette gehörende, noble „Waldorf Astoria“ eröffnen. Im Erdgeschoss sind Luxusboutiquen, Restaurants und vor allem die Wiedergeburt des legendären „Romanischen Cafés“ geplant. Der Breitscheidplatz hat damit bereits heute an seiner Nordwestseite eine neue Fassung und Funktion bekommen, die weit ausstrahlen wird über die noch verbliebene Schmuddelecke an der Joachimstaler Straße mit ihren trostlosen Wettbüros, dem Erotik-Museum und dem schäbigen Billighostel. Es ist wohl nur eine Frage von Monaten, bis die Besitzer dieser Immobilien angesichts der Wertsteigerung der gesamten Gegend dem Erneuerungsdruck folgen werden.

Befürchtungen, dass der so plötzliche Bauboom nicht nur die Stagnation der vergangenen zwei Jahrzehnte, sondern mit seinen schicken Hochhäusern und Shoppingmalls auch gleich die Identität der City West hinwegfegt, sind unberechtigt. Die Gefahr, dass hier ein auswechselbares Stadtzentrum entsteht, das genauso gut auch irgendwo in Asien oder Amerika stehen könnte, besteht nicht.

West-Berlin ist Vergangenheit

Denn wo sonst gibt es eine Stadt, die innerhalb eines 500-Meter-Radius so viele Facetten zu bieten hat, wie es hier der Fall ist. Vom eindrücklichsten Mahnmal gegen die Zerstörungen des Krieges, der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz, bis zu den Einkaufswelten an Tauentzienstraße und Kurfürstendamm sind es nur wenige Meter. Der Zoo liegt gleich hinter der nächsten Häuserzeile, und Europas größte innerstädtische Parkanlage, der Große Tiergarten, ist genauso bequem zu Fuß erreichbar wie der Campus der Technischen Universität und die großbürgerlichen Wohnquartiere in den Seitenstraßen des Kurfürstendamms mit ihren prächtigen Gründerzeitbauten.

Die Austreibung des alten West-Berlins war überfällig, dieses Image hatte sich mit dem Mauerfall überlebt. Lange hat es gedauert, bis die City West aus ihrem Schattendasein heraustrat. Jetzt ist der Weg frei geworden, um wieder das zu werden, was der geografische Westen schon vor dem Zweiten Weltkrieg war: eine moderne Erweiterung der zu eng gewordenen Stadtmitte, die Platz bot für ein reges Geschäftsleben, ein selbstbewusstes Bürgertum und neue Ideen.