Anti-Gewalt-Programm

Mobbing steht in Berlin auf dem Stundenplan

Zehn bis zwölf Prozent aller Schüler fühlen sich gemobbt. Im Rahmen des bundesweiten Anti-Gewalt-Programms "fairplayer" lernen junge Berliner, sich zu wehren. Die Ergebnisse sind überraschend positiv.

Foto: Marion Hunger

„Ich fühl mich ganz schön gelb“, sagte die 12-jährige Stella, als sie am Freitag gemeinsam mit dem Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bundesweit das Anti-Gewalt-Programm „fairplayer“ gestartet hat. Die Mitschüler aus der 8a vom Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium kicherten bei der Bemerkung. Sie wissen genau, was gemeint ist. Die Gefühle in Ampelfarben auszudrücken war eine Übung von vielen, die sie während der Unterrichtsstunden gegen Mobbing und Gewalt gelernt haben.

Etwa zehn bis zwölf Prozent aller Schüler seien von Mobbing betroffen, sagt Professor Herbert Scheithauer von der Freien Universität (FU), der das Programm entwickelt hat. Das Gymnasium in Prenzlauer Berg hat das Modell bereits vorab getestet. Schüler der siebten bis neunten Klassen haben in Rollenspielen gelernt, was Mobbing anrichten kann, wie sie sich in andere Menschen hineinversetzen können und wie sie sich verhalten können, wenn sie Zeuge von Gewalt werden. Im Unterschied zu zahlreichen Workshops oder Projekttagen zur Gewaltprävention ist „fairplayer“ ein dauerhaft angelegtes Programm. Soziales Verhalten zu ändern brauche Zeit, sagt Scheithauer.

Der Erfolg ist messbar

Fünf Monate lang haben die Schüler jede Woche eine Doppelstunde, in der sie sich mit dem Thema Gewalt und Konfliktlösung beschäftigen. Wie ein Unterrichtsfach steht „fairplayer“ ein halbes Schuljahr auf dem Stundenplan. Ziel ist es, dass die Schulen das Programm eigenständig weiter fortführen. „Wir können belegen, dass das soziale Verhalten der Schüler in einer Klasse nach dem Programm besser ist als vorher“, sagt Scheithauer von der FU. Das hätten Befragungen der Schüler im Anschluss an das Projekt ergeben.

„Vor dem Programm waren wir die schlimmste Klasse der Schule“, erzählt der 14-jährige Leonard aus der 8a. Für die Lehrer sei es ein Horror gewesen, in dieser Klasse zu unterrichten. Nun würden sich die Lehrer freuen, wenn sie wieder einmal in die Klasse kommen. Nun seien sie ein echtes, zusammengeschweißtes Team.

„Wir hatten wirklich große Probleme“, sagt auch die 14-jährige Felina. In der siebten Klasse kamen alle aus verschiedenen Grundschulen zusammen. Viele hatten eigentlich eine andere Wunschschule.

Es hätten sich gleich mehrere Grüppchen gebildet, und jeder dachte über den anderen, der sei doof. „Wir sind eben alle sehr verschieden, wahrscheinlich hätten wir uns nie kennengelernt, wenn wir nicht zufällig in eine Klasse gekommen wären“, sagt Felina. Und wenn Anton nicht gekommen wäre, wäre es früher oder später zu offener Gewalt in der Klasse gekommen, glaubt Leonard.

Der Psychologe Anton Walcher wurde von der FU zu einem der Projektleiter für „fairplayer“ ausgebildet. Künftig sollen die Teamer in einem viertägigen Seminar Sozialpädagogen und Lehrer als Multiplikatoren an den Schulen ausbilden. „Die Gründe, warum es in einer Gruppe zu Mobbing kommt, können sehr verschieden sein“, sagt Walcher. Manchmal ist es einfach die Zusammensetzung, die in einer Klasse weniger harmonisch ist als in einer anderen Klasse, manchmal werden die Probleme von außen hereingetragen, und manchmal könne sich Mobbing auch aus einem Scherz oder einem Versehen entwickeln. Wichtig sei, dass immer die ganze Klasse beteiligt ist. Es gebe nicht nur Täter und Opfer, sondern auch Assistenten oder Verteidiger.

Leonard wurde in seiner Grundschule selbst lange Zeit gemobbt, erzählt er. Damals habe er versucht, die Bemerkungen der anderen zu ignorieren. Unternommen habe er nichts. Nun würde er anders reagieren. „Erst jetzt weiß ich, was Mobbing für seelische Schäden anrichten kann“, sagt der Schüler. Das dürfe niemand riskieren. Und Felina ergänzt: „Wenn man sich niemandem anvertraut, wird sich auch nichts ändern.“ Wenn man nicht darüber spricht, könnten einen die Probleme von innen auffressen.

Die Schüler der 8a vom Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium hören sich nun anders zu, und sie sind auch nicht mehr so schnell aufgebracht wegen jeder Kleinigkeit, sagen sie selbst. Wenn es nach Professor Scheithauer ginge, wäre die 8a nun so weit, um einen Klassenrat zu bilden.

Soziales Klima schaffen

Der Erziehungswissenschaftler will künftig das „fairplayer“-Programm mit dem Demokratieprojekt verknüpfen. Im ersten Schritt wird ein soziales Klima hergestellt, das den regelmäßigen Austausch im Klassenrat über bestimmte Probleme erst möglich macht. In wöchentlichen Sitzungen entschieden die Schüler selbst über Verhaltensregeln, Klassenfahrten oder Gestaltung des Klassenraums. Die Klasse 8a hat im Dezember ihre eigene Weihnachtsfeier geplant, und Anton Walcher ist herzlich eingeladen, obwohl ihr Fair-Play-Unterricht längst vorbei ist.

Bundesinnenminister Friedrich unterstützt das Programm und hofft, dass bundesweit möglichst viele Schulen davon Gebrauch machen. Als Innenminister sei die Konfliktvermeidung und -lösung eine seiner wichtigsten Aufgaben, erklärte Friedrich am Freitag bei der Vorstellung von „fairplayer“. Die Deutsche Bahn AG unterstützt die Umsetzung mit einem siebenstelligen Betrag.