U-Bahnhof Lichtenberg

Bandidos-Rocker rettete zweites Prügel-Opfer

| Lesedauer: 4 Minuten

Bei der brutalen Prügelattacke auf dem Bahnhof Lichtenberg hat das Eingreifen eines Rockers offenbar noch Schlimmeres verhindert. Wie er den Überfall auf den zweiten Handwerker schildert.

Die Prügelattacke auf zwei 30 Jahre alte Maler im U-Bahnhof Lichtenberg könnte die angespannte Situation zwischen den Links- und Rechtsextremen in Berlin weiter anheizen: Nachdem bereits am Mittwochabend knapp 30 vermummte Rechtsextremisten im Bereich des Tatorts demonstriert hatten, zogen am Freitag in den Abendstunden etwa 220 Rechtsextreme und Angehörige der NPD zu einer Mahnwache zum Bahnhof Lichtenberg. Etwa 60 Linke versammelten sich zu einer Gegendemonstration. Beide Veranstaltungen verliefen ohne größere Zwischenfälle.

Die Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast, forderte am Freitag als Konsequenz aus dem Überfall mehr Personal in der BVG-Leitstelle. Wenn der „Idealfall“, alle Bahnhöfe mit Aufsichtspersonal auszustatten, nicht finanzierbar sei, dann solle die BVG prüfen, ob in der Leitstelle mehr Mitarbeiter für die Überwachung der Videobilder eingesetzt werden können. Dadurch könne im Ernstfall schnell Hilfe gerufen werden, sagte Künast. Bei der BVG stieß dieser Vorschlag auf Ablehnung. Um alle 1000 Kameras zu überwachen, fehle Personal, sagte Sprecher Klaus Wazlak. Zudem widerspreche der Vorstoß dem Datenschutz, der bisher nur das Aufzeichnen erlaube, nicht aber das kontinuierliche Beobachten.

Ein anderer Vorschlag kommt von Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen. Er fordert, für mehr Personal auf Bahnsteigen und in Bussen zu sorgen. So könnten etwa die BVG-Fahrer, die bei Fahruntüchtigkeit sonst im Büro beschäftigt würden, für eine Art Streifendienst herangezogen werden. Arbeitsrechtlich sei dies möglich. „Weg vom Schreibtisch, rein in die Bahnhöfe, Busse und Bahnen“, schlug Lux vor. „Es sind bereits 600 Mitarbeiter in der Stadt unterwegs, die für mehr Vor-Ort-Präsenz sorgen“, sagte BVG-Sprecher Wazlak dazu.

Unterdessen hat Michael M., Mitglied des Rockerclubs Bandidos, dementiert, eine Waffe bei sich gehabt zu haben, als er dem Kollegen des schwer verletzten Malers zu Hilfe kam. Der 1,90 Meter große Mann war an dem Abend des Überfalls mit seiner Freundin auf dem Weg zu einem Café an der Siegfriedstraße in Lichtenberg, als er von Weitem auf eine Rangelei außerhalb des Bahnhofs aufmerksam wurde, berichtete der 26-Jährige in der „BZ“. „Vier Jugendliche traten auf den wehrlosen Mann ein, er schleuderte erst gegen ein Auto, dann auf den Bordstein. Als er am Boden lag, trat einer von ihnen immer wieder auf seine Kopf“, schilderte der Rocker die Ereignisse. Dabei soll der 17-jährige Kenianer besonders brutal vorgegangen sein. Als Michael M. dazwischen ging, habe der Jugendliche seine Jacke herunter gerissen und gebrüllt: „Willst Du der nächste sein?“ Der kräftige und durchtrainierte Mann habe den vier Schlägern daraufhin erklärt, dass er bei den Bandidos sei und ein Angriff auf einen Rocker Folgen habe. Daraufhin ließen sie von ihrem Opfer ab und flüchteten. Der 30-Jährige hatte bereits Hämatome im Gesicht und blutete am Hinterkopf. Michael M. half dem Verletzten auf. Dieser habe in Panik immer wieder „Mein Freund auf dem Bahnhof“ gerufen – damit meinte er seinen Kollegen, der da schon bewusstlos auf dem Bahnsteig lag.

Wie sich die Familie des Malers, der noch immer im Koma liegt, fühlt, schrieb dessen Schwester auf ihrer Facebook-Seite: „Ich bin Krankenschwester und habe viel Schlimmes gesehen, aber der Anblick meines eigenen Bruders war das Schlimmste und Erschreckendste, was ich je erlebt und gesehen habe.“ Sie appelliert an Augenzeugen, sich zu melden. Denn auf dem Überwachungsvideo waren weitere Fahrgäste zu erkennen, die sich im U-Bahnbereich aufgehalten und nicht geholfen hatten. Angesichts des Verhaltens einiger Zeugen und Passanten forderte der Opferhilfeverein „Weißer Ring“ stärkere Signale von Politikern. „Bislang hat kein öffentlicher Amtsträger das erschreckende Auftreten der Zeugen kritisiert“, sagte Helmut Rüster vom Weißen Ring.

Medienberichten zufolge hat sich der Vater eines der Verdächtigen inzwischen für die Tat seines Sohnes entschuldigt. „Ich kann nur hoffen, dass der Mann wieder gesund wird und keine bleibenden Schäden erleidet“, sagte er. Inzwischen wurde auch bekannt, dass die Staatsanwaltschaft bereits unmittelbar nach dem Zwischenfall wegen zweifachen versuchten Raubmordes ermittelte. Bislang war mitgeteilt worden, die Anklage bezöge sich auf einen Fall. Die Beschuldigten – drei 17- und ein 14-Jähriger – hätten sowohl den 30 Jahre alten Malergesellen als auch dessen gleichaltrigen Kollegen „ausrauben und verletzen wollen“, so die Staatsanwaltschaft.

( cbr/sco/mb/plet/mtt )