Verkehrschaos

Das sind Berlins größte Straßenbaustellen

Autos und Busse kommen zurzeit so schlecht wie selten durch die Stadt. Schuld daran sind die vielen Straßenbaustellen. Allein in Mitte wird an Hunderten Stellen gleichzeitig gearbeitet. Der ADAC kritisiert die mangelnde Koordinierung der Projekte.

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Am Montag wird das erste Teilstück der sanierten Avus wieder für den Verkehr freigegeben – und das vier Monate früher als geplant. Ursprünglich sollte die stadteinwärts führende Autobahn zwischen Spanischer Allee und Hüttenweg erst im Frühjahr 2012 wieder in Betrieb gehen. Das ging nun deutlich schneller, dank bestem Bauwetter und einer offenbar anspornenden Zielprämie für die Baufirma.

Das Rekordtempo auf der Avus lässt all diejenigen Autofahrer vor Neid erblassen, die sich tagtäglich durch die Berliner Innenstadt quälen. Eine rekordverdächtige Anzahl von 550 Baustellen an Straßen behindert allein im Bezirk Mitte den Verkehrsfluss. „Der Großteil der Bauprojekte sind Maßnahmen der Leitungsverwaltungen wie Vattenfall und Gasag sowie anderer privater Bauherren“, sagt Baustadtrat Carsten Spallek (CDU). Dem stünden lediglich 13 Baustellen des Bezirks gegenüber, von denen derzeit noch sechs im Bau sind. „Aufgrund der in den letzten Jahren nicht auskömmlichen Mittelzuweisung für die Straßenunterhaltung hat sich der Zustand vieler Fahrwege deutlich verschlechtert“, sagt Spallek.

Sanierungsstau: 50 Millionen Euro

Seine Verwaltung hat allein für Mitte einen Sanierungsstau von rund 50 Millionen Euro errechnet. „Dieser Umstand bedingt, dass es zu vielen kleineren Baumaßnahmen zur Sicherstellung der Verkehrssicherheit kommt“, so der Stadtrat. Darüber hinaus müssten nun – unter anderem finanziert aus dem 25 Millionen Euro umfassenden Sonderprogramm des Senats zur Schlaglochbeseitigung – viele Straßen gleichzeitig saniert werden. „Da das Geld zwingend im Kalenderjahr ausgegeben werden muss, finden viele Baumaßnahmen noch im Herbst statt. Ein Verschieben ins Folgejahr ist nicht möglich“, sagt Spallek. Beides zusammen sorge für eine Häufung von Baustellen.

Derzeit wird aus dem Schlagloch-Sonderprogramm etwa die Asphaltdecke der Potsdamer Straße in Tiergarten erneuert. Deshalb steht dort bis zum 30. November zwischen Schöneberger Ufer und Lützowstraße jeweils nur eine Spur pro Fahrrichtung zur Verfügung. Weil es für diese wichtige Verbindungsstraße keine Umleitung gibt, empfiehlt die Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) lapidar, eine „deutlich längere Passierzeit“ einzuplanen.

Leidtragende sind vor allem diejenigen, die beruflich aufs Auto angewiesen sind. „In der City gibt es kaum noch ein Durchkommen, überall wird gebuddelt“, klagt etwa Peter Schiller, der mit seinem Taxi in Berlin unterwegs ist – und regelmäßig nun auch an der Potsdamer Straße im Stau steht. Dabei sei in Mitte schon seit Anfang des Jahres kein Durchkommen mehr.

Unter den Linden laufen seit Monaten die Vorarbeiten für die Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 vom Alex bis zum Brandenburger Tor. Dort verlegen die Wasserbetriebe neue Leitungen, die Fahrbahnen sind eingeengt. Zugleich sind die Behrenstraße und die Dorotheenstraße aufgerissen, auch die Leipziger Straße ist seit Monaten eine Dauerbaustelle.

Ähnlich langwierige Baustellen gibt es in der City West. An der Tauentzienstraße direkt vor dem KaDeWe baut die BVG bereits seit 2009 und nun voraussichtlich noch bis zum Jahresende, obwohl sie eigentlich längst fertig sein sollte. Die Schäden an der Tunnelabdeckung hatten sich als weit gravierender herausgestellt als zunächst angenommen. Auch im Verlauf des Kurfürstendamms sorgt die Tunnelsanierung für enorme Verkehrsbehinderungen. Am Hohenzollerndamm ist die BVG ebenfalls mit der Sanierung der U-Bahn-Strecke beschäftigt, dort werden die Arbeiten voraussichtlich bis 2012 dauern.

Im Bezirk Pankow sieht es nicht viel besser aus. Rund 250 Straßenbaustellen hat Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) aufgelistet. In Pankow ist die Schlaglochbeseitigung dabei nur ein kleiner Posten: „Mit den knapp drei Millionen Euro aus dem Schlaglochprogramm konnten wir 42 Straßen sanieren, davon sind noch fünf im Bau“, sagt Kirchner. Diese fünf würden noch in diesem Monat fertig, versichert der Baustadtrat. „Dass aber ganze Ortsteile wie etwa Blankenburg eine einzige Baustelle sind, liegt an den Leitungsarbeiten, in diesem Fall der Wasserbetriebe.“ Die Investitionen in die Infrastruktur seien allerdings dringend notwendig. „Ich würde mir nur wünschen, dass die VMZ endlich ein Computerprogramm anschafft, das eine echte Übersicht über alle Verkehrsstörungen bietet“, so Kirchner. Ein Bau-Chaos im Herbst ist indes kein sonderlich neues Phänomen in Berlin. Alle Jahre wieder versuchen die Bezirke, vor Wintereinbruch noch möglichst viel Geld zu verbauen. Müssen doch nicht verbrauchte Mittel nach Jahresende zumeist an den Senat zurückgegeben werden. Und ist erst einmal der Frost da, kommt der Straßenbau rasch zum Erliegen. Dann behindern offene Baugruben oft monatelang den Verkehr, ohne dass Fortschritte erkennbar sind.

Jörg Becker vom ADAC Berlin-Brandenburg sieht das Baufieber im November „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Es sei gut, dass die Bezirke sich mühen, die Mittel für die Straßensanierung auch zu verbauen, sagt er. Alles, was noch vor dem Frosteinbruch geschafft werde, sei nach dem Winter ein Problem weniger. Dass jetzt an so vielen Stellen gleichzeitig gearbeitet werde, sei aber auch ein Beleg für die jahrelange Vernachlässigung der Straßenunterhaltung im Land Berlin. Der ADAC-Verkehrsexperte moniert zugleich, dass die vielen Bauprojekte nicht gut genug miteinander koordiniert sind. „Etwa in Mitte gibt es derzeit keine wichtige Ost-West-Verbindung mehr, die noch halbwegs flüssig und störungsfrei befahrbar ist“, kritisiert Becker. Er fordert erneut eine bessere Abstimmung zwischen dem Senat und den Bezirken. Ein weiteres Problem sei, dass Bau-Einschränkungen oft genehmigt würden, ohne dass die Auswirkungen auf den Verkehr bedacht werden. Oftmals würden schon kleine Einengungen für kilometerlange Staus sorgen. „Ich kann das nicht verstehen: Einerseits will der Senat den Straßenlärm und die Feinstaubbelastungen reduzieren, anderseits lässt er wieder derartige Staufallen zu“, so Becker. Der ADAC-Verkehrsexperte wünscht sich, dass bei Straßensperrungen für Autos wieder Behelfsspuren auf Gehwegen oder Mittelstreifen angelegt werden. „In der 90er-Jahren wurde das mit Erfolg praktiziert, etwa bei Bauarbeiten an der Frankfurter Allee“, so Becker.

Senat will Vollsperrungen vermeiden

Mathias Gille von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verteidigt den aktuellen Bauboom. „Gerade auch der ADAC fordert ja, dass der Straßenzustand in Berlin verbessert wird.“ Gerade vor dem Winter müsse alles getan werden, dass noch möglichst viele Straßenabschnitte saniert werden. Erfahrungsgemäß seien diese dann auch kaum von Schlaglöchern nach dem Frost betroffen.

Auch für die oft sehr langen Bauzeiten hat Gille eine Erklärung. So verfolge der Senat das Prinzip, dass bei Bauarbeiten möglichst alle Straßen auch weiterhin zumindest teilweise befahrbar bleiben. „Schneller geht es beim Bauen nur mit Vollsperrungen von Straßen. Dies hätte aber weitaus schlimmere Auswirkungen auf den Verkehrsfluss“, sagt Gille.

Neben den geplanten Baustellen kommt es immer wieder auch zu Havarien an den Leitungsnetzen, deren Beseitigung zusätzlich an den Nerven der Autofahrer zerrt. So wird seit dieser Woche auf dem Kurt-Schumacher-Damm in Reinickendorf ein Wasserrohr repariert. Die Arbeiten an der Schadstelle haben zur Folge, dass die Fahrbahn in Fahrtrichtung Saatwinkler Damm vor der Einfahrt Kurt-Schumacher-Damm auf einen Fahrstreifen verengt ist. Die Arbeiten sollen noch drei bis vier Wochen andauern. Auch dazu hat die VMZ nur eine Empfehlung: „Den Verkehrsteilnehmern wird empfohlen, die Engstelle weiträumig zu umfahren.“