SPD-CDU-Pläne

Wie Jugendliche das Alkohol-Verbot umgehen

Die neue rot-schwarze Koalition will ein generelles Verkaufsverbot von Alkohol an Minderjährige. Ein Ortstermin bei Händlern und Schülern in Berlin-Kreuzberg.

Foto: Christian Schroth

Aslan Celebi führt seit drei Jahren einen kleinen Kiosk in Berlin-Kreuzberg. Wenn die Jugend in eine der vielen Klubs an der Oberbaumbrücke drängt, kommen viele in seinem Laden vorbei. Seine Regale füllt der Händler fast ausschließlich mit Alkoholika. „Das Geschäft läuft sehr, sehr gut“, sagt er. Wodka, Wein, Sekt, Mischgetränke, Bier. Davon gehen mehrere Hundert Flaschen pro Woche über die Ladentheke. „Ich lebe vom Bierverkauf“, sagt Aslan Celebi. Viele kaufen bei ihm ein „Wartebier“, wenn die Schlange vor den Klubs wieder lang ist. „Ich kann heute kaum mehr erkennen, in welchem Alter die Leute sind.“ Und er gesteht: Ganze zwei Mal hat er sich in den letzten Wochen den Ausweis zeigen lassen.

Wenn die CDU sich mit ihrem Vorschlag durchsetzt, müssten sich Minderjährige schon bald an striktere Kontrollen gewöhnen. In den rot-schwarzen Koalitionsverhandlungen einigte man sich darauf, eine landesrechtliche Lösung zu prüfen. „Kein Alkohol unter 18, auch kein Wein oder Bier“, sagte Mario Czaja, der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende.

Kreuzberger Nächte – mit viel Bier

In Kreuzberger Nächten gehört die Bierflasche zum Lifestyle. Am späten Mittwochabend haben sich Schüler des Oberstufenzentrums am Schlesischen Tor versammelt. Die Parkbank wurde zum Tresen umfunktioniert, die Jungs möchten „vorglühen“, weil die Getränke im Klub später nur bedingt erschwinglich sind. Die Kiste Becks ist fast leer, jetzt werden Club-Mate-Flaschen abgetrunken, um Wodka aus dem Flachmann nachzufüllen. „Ich fange mit Bier an, und dann kommt Höherprozentiges, dann halte ich länger durch“, glaubt Jonas (17). Probleme, alkoholische Getränke herbeizuschaffen, haben die Schüler offenbar nicht. „In Supermärkten gucken sie eher nach Ausweisen, wir kaufen oft in Spätis, da fragt selten einer nach“, sagt Kai (15).

Bei den Koalitionsverhandlungen hegten die Sozialdemokraten – abgesehen von Gegenargumenten, dass Verbote den Reiz erhöhen und dass Jugendliche lernen müssen, mit dem Konsum von Wein oder Bier umzugehen – rechtliche Bedenken bei der Umsetzung. Bislang ist es nach dem Jugendschutzgesetz erlaubt, dass in Handel und Gaststätten solche Alkoholika ab 16 Jahren ausgeschenkt werden dürfen.

SPD stimmte trotz Bedenken zu

In einer Phase, in der die künftige Regierung auch Kompromisse eingehen muss, hat die SPD dem Prüfantrag aber nun trotzdem zugestimmt. Bereits im Sommer stritten die Parteien über Alkoholverbot, damals hatte CDU-Landeschef Frank Henkel gefordert, Alkohol im öffentlichen Verkehr und auf Bahnhöfen zu verbieten, was die BVG und ihr Aufsichtsratschef Ulrich Nußbaum strikt abgelehnt hatten. Dass Berliner Teenager sich allerdings schon sehr früh an regelmäßigen Konsum von Bier und Wein gewöhnen, zeigt nicht nur ein Streifzug durch Kreuzberg, Friedrichshain oder Neukölln. Auch eine jüngst veröffentlichte Studie, mit der der Kriminologe Christian Pfeiffer vom Senat beauftragt wurde, belegt das. 3000 Berliner Schüler wurden zu ihrem Alkoholkonsum befragt. Die Umfrage ergab, dass jeder zehnte Jugendliche zwischen 13 und 15 Jahren mindestens ein Mal pro Woche Bier trinkt und jeder dritte bereits Erfahrungen mit Rauschtrinken gemacht hat. Insgesamt greift der Nachwuchs allgemein gern zu Wein, Sekt und Mischgetränken. Was bei übermäßigem Konsum dieses Jahr überdurchschnittlich oft im Krankenhaus endete. Laut Polizei wurden bis Ende Juni über 700 Jugendliche gezählt, die Beamten zur Ausnüchterung in Kliniken bringen mussten, 53 von ihnen waren nicht mal 13 Jahre alt.

Berliner Kioskbetreiber, Händler und Barbesitzer zeigen trotzdem nur verhaltenes Verständnis für striktere Kontrollen, erfreut sind die wenigsten. Die Regelungen, welche alkoholischen Getränke Jugendliche kaufen dürfen und welche nicht, seien wegen der vielen unterschiedlichen Alkoholmischgetränke ohnehin schon durcheinander und kaum mehr nachvollziehbar, heißt es.

Kriminologe Christian Pfeiffer mahnte bereits im Sommer stärkere Kontrollen bei Händlern an, um den Verkauf von Alkohol an Jugendliche zu verhindern. Testkäufe von Jugendlichen und konsequente Bußgelder hätten in einem Modellversuch in Niedersachsen große Erfolge gebracht. „So etwas spricht sich unter den Händlern schnell rum“, betonte er.

Anders als sein Kollege findet Kiosk-Betreiber Kesgin Yildiray, dass strengere Regeln und Kontrollen längst überfällig sind. Der Kreuzberger hat gleich mehrere Warnhinweise angebracht, auch einen Auszug aus dem Jugendschutzgesetz. „Egal ob bei Tabak, Bier oder Schnaps, ich frage jedes Mal“, sagt er. An Wochenenden werde er des Öfteren beschimpft, weil er an Minderjährige grundsätzlich keinen Alkohol verkaufe. „Manchmal kommen sie später triumphierend mit einem Sixpack vorbei, was zeigt, dass anderswo nicht so genau hingeschaut wird“, sagt er. Trinkfreudige Jugendliche, ja, damit könne er mehr Umsatz machen. Aber: „Solch ein Publikum möchte ich hier nicht vor meinem Laden, das macht nur Ärger“, sagt er.