Fusion mit Delbrück-Centrum

Bund will Charité zum Spitzenstandort machen

Zusammen ist man weniger arm: Der Bund will die Forschung von Charité und Max-Delbrück-Centrum unter einem gemeinsamen Dach finanziell unterstützen.

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Wenn Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin künftig genetische Grundlagen für eine seltene Krankheit aufspüren, sollen sie ihre Erkenntnisse schneller als bisher zum Wohle der Patienten anwenden. Zu diesem Zweck werden sie mit den Forschern der Charité unter dem Dach einer gemeinsamen Stiftung oder einer anderen Gesellschaftsform dauerhaft enger zusammenarbeiten.

Eine solche Konstruktion ermöglicht es der Bundesregierung, die Spitzenforschung an Berlins Universitätsklinikum finanziell zu unterstützen. Denn eigentlich ist es dem Bund untersagt, die in Länderhoheit liegenden Hochschulen mitzufinanzieren.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bekräftigte gegenüber Morgenpost Online, die neue Einrichtung ziele auf eine internationale Spitzenstellung Berlins, „sowohl als Forschungsstandort als auch für die Gesundheitswirtschaft.“Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl sagte, dieser „mutige Schritt“ der Ministerin habe „für die Charité und den Wissenschafts- und Gesundheitsstandort Berlin höchste Bedeutung.“

In ihren Koalitionsverhandlungen müssen SPD und CDU in Berlin in dieser Woche ein klares Signal senden, dass sie diesen Weg mitgehen wollen.

Aus Kreisen der künftigen Koalitionäre war jedoch am Dienstag zu hören, dass es grundsätzlich keine Einwände gegen die Unterstützung des Bundes für die medizinische Spitzenforschung gebe. Dem Vernehmen nach hat sich vor allem die CDU-Unterhändlerin für die Wissenschaft, die Bundestagsabgeordnete Monika Grütters, für eine solche Lösung starkgemacht, gemeinsam mit dem scheidenden Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Der wissenschaftliche Direktor des MDC, Professor Walter Rosenthal, sagte, die bisher schon in vielen Forschergruppen bestehende Kooperation zwischen den Grundlagenforschern vom MDC und den anwendungsorientiert arbeitenden Kollegen der Charité lasse sich in einer gemeinsamen Organisation nachhaltig verbessern. „Das MDC hat keine Betten, die Charité hat keine solche Forschung“, sagte Rosenthal. Bisher müssten Wissenschaftler für Kooperationen zeitlich begrenzte Projekte gründen. Dafür müssten sie extra Geld beantragen und seien nur für ein paar Jahre gesichert.

Als Beitrag des Bundes steht nach Informationen dieser Zeitung ein von 2013 bis 2018 auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag ansteigender Zuschuss in Rede. Mit Hilfe des Bundes werde man den Bereich der Translationalen Forschung – so heißt der Übergang vom Labor in die Klinik – massiv ausbauen können, sagte MDC-Direktor Rosenthal. Das Potenzial für Kooperation mit der Uni-Klinik ist enorm: Der Direktor geht davon aus, dass jede dritte oder sogar jede zweite Forschungsaktivität am MDC gemeinsam mit der Charité praktisch weiter entwickelt werden könne.

Für den Gesundheitsstandort Berlin bietet eine solche institutionell unterlegte Kooperation zwischen der Uni-Klinik und dem von der Helmholz-Gesellschaft getragenen und zu 90 Prozent vom Bund finanzierten MDC große Chancen. Das MDC rangiert weltweit in der Spitzengruppe der Institute, wenn es um Molekularbiologie und Genetik geht. Die Charité genießt einen sehr guten Ruf in der klinischen Forschung. Eine Fusion wichtiger Forschungsbereiche mache Berlin aus dem Stand zu einem der interessantesten Standorte für klinische Studien weltweit, so hofft man in der kommenden Koalition aus SPD und CDU. Denn neben den Patienten der Charité sollen in einer Datenbank auch jene von Vivantes und eines privaten Krankenhausträgers zusammengefasst werden, um auch für die Behandlung seltener Leiden eine breite Datenbasis zu haben.

Weil aber der Bund nach Einschätzung der Berliner Landespolitiker nicht gewillt ist, die Landesaufgaben für Sanierung und Grundfinanzierung der Charité zu übernehmen, müsste sich die neue Koalition verpflichten, den Zuschuss an die Charité für die Forschung auch in den kommenden Jahren zu bezahlen. Bisher überweist der Finanzsenator neben den Investitionsmitteln für die Sanierung der maroden Substanz 177 Millionen Euro pro Jahr für Forschung und Lehre. Etwa 95 Millionen davon, so ist zu hören, werden der Forschung zugeschlagen. Der Bund erwartet nun, dass Berlin mindestens diesen Betrag für die nächsten Jahre fest zusagt. Auf Seiten der SPD herrscht noch Skepsis, was diesen Punkt angeht. Man wolle erst einmal ein Konzept für die dauerhafte Kooperation sehen, hieß es.

Für die Forschungsministerin genießt die Berliner Zusammenarbeit jedoch hohe Priorität. Schon im Frühjahr hatte Schavan im Morgenpost-Interview unter dem Stichwort „Bundesuniversität“ die Übernahme exzellenter Forschungseinrichtungen und Universitäten durch den Bund angeregt. „Der Wissenschaftsrat beschäftigt sich in den nächsten Monaten mit der Zeit nach der Exzellenzinitiative, also nach 2017. Die Ergebnisse können auch für die Verhandlungen von Bund und Land Berlin relevant sein“, sagte Schavan am Dienstag. Im Kreis der Länder wachse der Konsens, dass im Grundgesetz auch die Förderung von Institutionen durch den Bund möglich gemacht werden müsse – derzeit dürfen nur Projekte gefördert werden, so die Ministerin: „Für mich ist das ein Punkt, der in den nächsten Koalitionsvertrag auf Bundesebene aufgenommen werden muss.“

Charité-Chef Einhäupl hofft, dass auch die anderen Bundesländer die Chance erkennen, ihren Spitzen-Unis für die Zeit nach der Exzellenzinitiative Bundesmittel zu sichern. „Die Charité kann der Türöffner sein, der anderen den Weg bereitet, diesem Beispiel zu folgen“, so Einhäupl.

Frische Gesichter an den Unis

Generationswechsel: An den Hochschulen in Berlin hat es in den vergangenen fünf Jahren eine deutliche Verjüngung gegeben. Von den 2755 Berliner Professorenstellen wurden seit 2006 1056 neu besetzt.

Frauen: Vor allem der Anteil der Wissenschaftlerinnen ist gestiegen. 37 Prozent der neu Berufenen oder 393 von 1056 neuen Lehrstuhlinhabern waren weiblich. Unter allen Professoren liegt der Frauenanteil bei 28 Prozent, bundesweit sind es nur 18 Prozent. Er sei stolz auf diese Entwicklung, sagte Senator Jürgen Zöllner.

Unterschiede: Am höchsten ist der Frauenanteil unter den Neuen in Sprach- und Kulturwissenschaften mit 51 Prozent, vor Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (38 Prozent) und Mathe, Informatik, Naturwissenschaften mit 25 Prozent.