Mindestlohn-Debatte

Berlin ist Hauptstadt der prekären Beschäftigung

100.000 Berliner würden von der neuen Lohnuntergrenze profitieren - vor allem in der wachsenden Dienstleistungsbranche.

Foto: dpa/Arno Burgi

Verkäuferin Gülcans Schicht beginnt um fünf in der Früh. Dann schiebt sie frische Sesamkringel und Baklava in die Vitrinen, schmiert Baguettes und Schrippen im Akkord. Gülcan ist eine zierliche Frau in weißer Kittelschürze, die kleine Bäckerei gehört entfernten Verwandten. „Ich mag meinen Job, hier ist immer was los, sogar schon morgens um sechs“, sagt sie. Es kommen Schichtarbeiter oder Klubgänger, die nach durchzechter Nacht dem Duft von frischen Croissants folgen.

Wenn Gülcan gefragt wird, was sie von der Mindestlohndebatte hält, von fairer Bezahlung für harte Arbeit, die auch an Wochenenden nicht endet, lächelt sie verlegen. Eigentlich darf sie nicht darüber reden, sagt aber, dass der Stundensatz unter sechs Euro liege. Selbst sonntags – und Gülcan arbeitet jeden zweiten Sonntag – gibt es keine Zuschläge.

Sie gehört zum Heer der Berliner Arbeitnehmer, die acht Stunden oder mehr pro Tag arbeiten, für ihre Tätigkeit jedoch kaum mehr als den Hartz-IV-Satz erhalten. Etwa 100.000 Vollzeitbeschäftigte würden sich mit einem Mindestlohn, der sich an der niedrigsten Lohngruppe des Tarifvertrags für Zeitarbeiter in Ostdeutschland orientiert, verbessern. Diese Grenze liegt ab 1. November bei 7,01 Euro pro Stunde. Bei acht Stunden am Tag und 22 Arbeitstagen im Monat haben sie 1233 Euro brutto auf dem Konto.

In der Hauptstadt ist dieser Wert nicht nur für die vielen Minijobber oder die Teilzeitbeschäftigten kaum zu erreichen. 58.000 Vollzeitarbeitnehmer mit sozialversicherungspflichtigen Jobs gehen laut Bundesagentur für Arbeit in Berlin mit weniger als 1000 Euro brutto Monatslohn nach Hause. Experten gehen davon aus, dass weitere 40.000 Menschen unter der nun bundesweit diskutierten untersten Lohngrenze von rund 1200 Euro liegen.

Vor allem für Ausländer und junge Leute sind die Löhne knapp. Jeder vierte Ausländer verdient für Vollzeitarbeit unter 1000 Euro. Und jeder fünfte Arbeitnehmer unter 25 muss sich mit einem solchen Niedrigsalär bescheiden, trotz eines regulären Arbeitsvertrags. Dabei schützt auch eine Berufsausbildung nicht vor einem Armutslohn. Mehr als 15.000 Berliner nehmen weniger als 1000 Euro brutto mit nach Hause, obgleich sie einen Hochschulabschluss erworben oder einen Beruf erlernt haben.

Frauen sind stärker betroffen

Besonders verbreitet sind arme Arbeitnehmer in Innenstadtbezirken mit junger Bevölkerung und hohem Migrantenanteil. Rund um das Kottbusser Tor gibt es viele, die sich längst mit solchen Stundenlöhnen eingerichtet haben. Meist sind es Menschen mit Migrationshintergrund, arabischen oder türkischen Wurzeln. Da ist die Blumenverkäuferin, die froh ist, überhaupt Beschäftigung gefunden zu haben, und unter sieben Euro pro Stunde verdient. Ihr Chef sagt ihr, dass sie keine gelernte Floristin sei und deshalb zufrieden sein müsse. Noch schlechter geht es den Vietnamesinnen, die für eine große Asia-Kette unzählige Portionen Nudeln mit Hühnerfleisch in Pappschachteln füllen, um Kreuzberger Mägen zu füllen. Da ist der Döner-Händler, der meint, dass der Besitzer nicht mehr zahlen könne, da die Preise für Fleischtaschen immer weiter sinken würden. Da sind die Friseurinnen, ebenfalls unterbezahlt, die angeben, in der Freizeit noch Freunden die Haare zu schneiden, um „aufzustocken“.

Aus Sicht der Gewerkschaften ist Berlin schon lange die Hauptstadt der prekären Beschäftigung. Selbst ein gültiger Tarifvertrag schützt nicht davor, zu der in Amerika „working poor“ (arbeitende Arme) genannten Gruppe zu gehören. 125.000 Menschen stocken ihren Arbeitslohn mit Hartz IV auf. Davon sind mehr als 20.000 Selbstständige. Vor vier Jahren waren es erst 98.000.

6,5 Prozent der Tarifgruppen in den Betrieben der Hauptstadt sind mit weniger als 7,50 Euro pro Stunde vergütet. Und Tarifverträge gelten nicht viel in Berlin. Nur jedes vierte Unternehmen ist tarifgebunden. Tarifverträge gelten in Berlin nur für 55 Prozent aller Beschäftigten.

Vor allem in der in Berlin starken Dienstleistungsbranche verdienen die Menschen wenig. In Handel und im Gastgewerbe bleibt jeder zehnte Beschäftigte unter der 1000-Euro-Grenze. Weil in diesen Gewerben überproportional viele Frauen tätig sind, sind sie von besonders niedrigen Löhnen stärker betroffen als Männer.

„Berlin steht damit auch schlechter da als andere ostdeutsche Städte“, sagte die Landeschefin des deutschen Gewerkschaftsbundes, Doro Zinke. Denn neben den vollzeitbeschäftigten Armen arbeiten auch viele weitere Arbeitnehmer in prekären Verhältnissen, oft mit sehr niedrigen Löhnen.

Die Zahl der geringfügig Beschäftigten in Berlin hat sich laut Senatsverwaltung für Arbeit von 2006 bis 2010 von 192.000 auf 215.000 erhöht. Die Zahl der Personen mit Minijob stieg zeitgleich von 141.000 auf 150.000. Ein großer Teil des Berliner „Beschäftigungswunders“ geht aus Sicht der DGB-Chefin Doro Zinke auf den Ausbau des Niedriglohnsektors zurück.

In Berlin und in ganz Ostdeutschland zeigt sich die Tendenz besonders stark, sie ist aber ein gesamtdeutsches Phänomen. „Die Bedeutung des Niedriglohnbereichs hat seit 1999 merklich zugenommen“, stellt die Bundesagentur für Arbeit fest.

Jedoch darf man die als Mindestlohn diskutierte absolute Lohnuntergrenze nicht mit dem Niedriglohn verwechseln. Als Niedriglohnschwelle gilt ein Einkommen, das zwei Drittel des jeweiligen Medianeinkommens beträgt. Für den Median werden zunächst alle Einkommen herangezogen, dann jedoch anders als beim Durchschnitt die extrem hohen und extrem niedrigen Ausreißer in den Gehältern weggelassen. Das Medianeinkommen in Berlin liegt bei 2555 Euro brutto im Monat. Folglich ergibt sich für die Hauptstadt eine Niedriglohnschwelle von 1686 Euro brutto. Berlin rangiert damit zwischen dem westdeutschen Niveau, wo wegen der generell höheren Einkommen Niedriglöhne bei 1890 Euro beginnen, und den Verhältnissen in Ostdeutschland, wo statistisch 1379 Euro als Schwelle zum Niedriglohn gelten.

Auch wenn Berliner knapp über dem möglichen Mindestlohn liegen, können sie sich große Sprünge nicht erlauben. Eine Strickerin aus Pankow verdient 960 Euro netto im Monat. „Ich spare am meisten an Essen und Kleidung“, sagt die 50 Jahre alte Frau. Deshalb kaufe sie ausschließlich im Sozialkaufhaus ein.

400 Euro bleiben zum Leben

Ihrer zwölf Jahre alten Tochter gibt sie 20 Euro Taschengeld im Monat. „Ihre Klassenkameraden haben alle iPods und Markenkleidung, aber das kann ich mir nicht leisten“, sagt die alleinerziehende Mutter. Nach ihrer Scheidung wollte sie ihrer Tochter nicht auch noch einen Umzug zumuten, also ist sie in der alten Wohnung geblieben und bezahlt dafür 580 Euro Miete. Knapp 400 Euro bleiben der Strickerin und ihrer Tochter jeden Monat zum Leben. 80 Euro Wohngeld bekommt sie zusätzlich. Der Gedanke an die Zukunft macht ihr Angst. „Es wird bei mir wohl auf Altersarmut hinauslaufen, das ist eine Katastrophe“, sagt sie. „Ich wünsche mir einfach, dass nach 40 Jahren Arbeit noch genug zum Leben bleibt.“