Thema Integration

Merkel geht in Berlin noch einmal zur Schule

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Florentine Anders

Wie ein Popstar wurde Angela Merkel bei ihrem Besuch an der Erika-Mann-Schule in Berlin-Wedding gefeiert. Hintergrund ihres Besuchs war die Kultusminister-Konferenz. Die Bundeskanzlerin wollte sich in der Vorzeigeschule über Integration informieren.

Die neunjährige Melissa hat strahlende Augen: „Sie hat mir die Hand gegeben, die ganze Hand, nicht nur so berührt“, sagt die Schülerin der Erika-Mann-Schule. Sie ist stolz, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Schule besucht und dass sie zu den Schülern gehört, die sie begrüßen dürfen. Enttäuscht ist sie nur, dass sie ihr Handy im Klassenraum vergessen hat. Die CDU-Chefin schaute sich dort unter anderem ein Labor, die Schulbücherei und eine Theaterprobe an. Begleitet wurde sie vom Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK), Bernd Althusmann, und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Maria Böhmer (beide CDU).

Hintergrund war die Kultusminister-Konferenz am Donnerstagnachmittag, an der auch die Bundeskanzlerin teilnehmen wollte. Schwerpunkt der Konferenz sollte Integration sein. Unabhängig von Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern wollte Merkel die Situation vor Ort erleben. Die Kinder mit ihren besonderen Potenzialen werden der Kanzlerin sicher lange im Gedächtnis bleiben, sagte Schulleiterin Karin Babbe. Sie ist beeindruckt, mit wie viel Geduld und Interesse die Kanzlerin auf die Schüler zugegangen sei.

An der Erika-Mann-Schule in Wedding wollte sich die Kanzlerin ein Bild davon machen, wie Integration funktionieren kann.

Noten gibt es hier nicht

Die Schule mitten im sozialen Brennpunkt unweit des Leopoldplatzes gilt als Vorzeigeschule. An der Erika-Mann-Grundschule kommen mehr als 80 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Sprachförderung wird vor allem über den Theaterschwerpunkt erreicht. Noten gibt es nicht, dafür erhalten die Kinder ausführliche Beurteilungen. Mit den Eltern werden regelmäßig Lernberatungsgespräche geführt. Im Unterricht wird jeder Schüler mit auf ihn zugeschnittenen Aufgaben so gefördert, wie er es gerade braucht. Die Schüler arbeiten häufig in kleinen Gruppen an gemeinsamen Projekten.

Die Bundeskanzlerin verschaffte sich einen Einblick in den Unterricht im naturwissenschaftlichen Labor und beobachtete eine Theaterprobe.

Jede Klasse erarbeitet jedes Jahr in eigenes Theaterstück. Die neunjährige Melissa schreibt gerade an einem Stück zum Thema „Grusel“, darauf hat sich die vierte Klasse geeinigt. Sie freut sich schon auf die Kostüme. Ob die Schüler wissen, warum die Bundeskanzlerin gerade diese Schule sehen wollte? Die Fünft- und Sechstklässler ahnen es. „Wenn jemand die Sprache noch nicht so gut kann, dann bringen wir Mitschüler es ihm bei“, sagt der zehnjährige Lirim. Überhaupt – das meiste, was sie hier lernen, würden sich die Schüler gegenseitig beibringen. Das, so glaubt er, ist wohl das Besondere an dieser Schule. Sein Mitschüler Mohammed stimmt ihm zu. Der Zehnjährige war bis zur vierten Klasse an einer anderen Schule im Kiez. Da sei viel geprügelt worden. Hier sei das ganz anders. „Die Schüler helfen sich und halten zusammen“, sagt er. Es sei fast wie in einer Familie. Der Fünftklässler Mert erzählt von einem Projekt, das er gemeinsam mit drei Mitschülern gerade zum Thema Steinzeit erarbeitet. Und Can aus der sechsten Klasse berichtet stolz, dass er im Nawi-Labor in der nächsten Woche einen Fisch aufschneiden und die inneren Organe untersuchen wird.

Friedliches Miteinander

Die Gesamtelternvertreterin Annett Dettmer hat einen Sohn in der ersten Klasse an der Erika-Mann-Schule. Es war die erste Wunschschule für ihren Sohn, sagt sie. Der hohe Anteil von Kindern nichtdeutscher Herkunft hat sie nicht abgeschreckt. Sie ist begeistert von dem Engagement der Lehrer und von dem Konzept, das viele Elemente der Montessori-Pädagogik beinhaltet. Die verschiedenen Nationen würden hier ganz friedlich miteinander leben. „Es gibt klare Regeln, an die sich alle halten“, sagt die Mutter.

Die Bundeskanzlerin zeigte sich denn auch beeindruckt nach der Visite in den Klassen. „Es kann viel geschafft werden“, sagte sie. Auch wenn die Kinder zu mehr als 80 Prozent nichtdeutscher Herkunft seien. Sie habe erlebt, wie Kinder bei den Theaterproben die Sprache spielend lernen. Und auch das ständige Einbeziehen der Eltern bei der Lernentwicklung sei beispielhaft.

Melissa hätte gern noch ein Autogramm gehabt, doch dafür blieb der Kanzlerin keine Zeit. Die Schulleiterin Karin Babbe war nicht erstaunt, dass ihre Schüler die Kanzlerin wie einen Popstar feierten. „Es ist eine sehr wichtige Wertschätzung für die Kinder in diesem Kiez“, sagt sie. Schließlich würden die sozialen Brennpunkte häufig nur als Kostenfaktor oder Schmuddelecken wahrgenommen. Die Integrationsleistung werde selten anerkannt.

Chance auf Ausbildungsplatz

„Ich wünsche mir, dass es bei den Ressourcen für die Integration viel mehr Synergieeffekte zwischen den unterschiedlichen Bereichen gibt“, sagt sie. Beispielsweise müssten Jugendhilfe und Schule noch enger vernetzt werden und auch finanziell sollten Bund und Länder enger zusammenarbeiten, so Karin Babbe.

Die Botschaft scheint angekommen. „Wir wollen Hand in Hand arbeiten, damit jedes Kind in Deutschland einen Ausbildungsplatz bekommt“, sagte Angela Merkel abschließend, auch wenn die Zuständigkeit für Schulen bei den Ländern liege. Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, fordert, der Bund müsse sich stärker bei den Bildungsaufgaben engagieren. „Sonntagsreden helfen uns nicht weiter, jetzt sind Taten gefragt“, so Mutlu.

Die anschließende Teilnahme an der Kultusminister-Konferenz hatte die Bundeskanzlerin am Donnerstag dann aber überraschend und ohne Angaben von Gründen abgesagt. Drängendere Fragen zur Euro-Rettung standen auf dem Programm.