Hetzjagd am Kaiserdamm

Verdächtiger im Fall Giuseppe M. freigelassen

Weil der dringende Tatverdacht gegen einen der beiden Verdächtigen im Fall der tödlichen Hetzjagd am Berliner U-Bahnhof Kaiserdamm nicht aufrecht erhalten werden kann, wurde der 22-jährige Baris B. aus der U-Haft entlassen.

Im Fall der Hetzjagd am Kaiserdamm, bei dem der 23-jährige Giuseppe M. tödlich verunglückte, kommt einer der beiden in Untersuchungshaft sitzenden Verdächtigen wieder auf freien Fuß. Wie die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mitteilte, konnte der dringende Tatverdacht nicht mehr aufrechterhalten werden. Der 22-jährige Baris B. wird nun auf Antrag der Staatsanwaltschaft aus der Untersuchungshaft entlassen. „Gegen ihn wird aber weiterhin wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Der zweite Verdächtige, der 21-Jährige Ali T., bleibt weiterhin in U-Haft. Die beiden sind bereits wegen Diebstahls, gefährlicher Körperverletzung und mehrerer Raubüberfälle bei der Polizei bekannt.

Am Mittwoch hatte die Polizei den tödlichen Unfall vom 17.September am Kaiserdamm nachgestellt. Dazu wurde der Kaiserdamm kurzzeitig abgesperrt. Mittels Zeugen versuchten die Ermittler, Aufschluss darüber zu erhalten, was tatsächlich passiert war. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft habe die Rekonstruktion unter anderem ergeben, dass Baris B. nicht nachgewiesen werden könne, an der Hetzjagd beteiligt gewesen zu sein. Da Baris B. einen Haftbefehl wegen Verdachts auf Körperverletzung mit Todesfolge erhalten hatte und der Vorwurf nicht mehr aufrecht zu erhalten sei, müsse er freigelassen werden.

Ali T. noch in U-Haft

Baris B. und Ali T. hatten bereits einen Tag nach dem tödlichen Unfall den Haftbefehl erhalten und kamen in Untersuchungshaft. Die beiden jungen Männer aus Neukölln hatten in der Nacht zum 17.September im U-Bahnhof Kaiserdamm Giuseppe M. und seinen Freund Raoul S. aggressiv nach Zigaretten gefragt. Dann soll es zu verbalen und körperlichen Attacken gekommen sein. Giuseppe M. und Raoul S. flüchteten. Während sich Raoul S. in Sicherheit bringen konnte, rannte Giuseppe M. in Panik auf den Kaiserdamm, wurde von einem VW erfasst und prallte gegen einen Ampelmast. Giuseppe M. starb trotz Wiederbelebungsversuchen von seinem Freund noch am Unfallort an seinen schweren Verletzungen. Der Fahrer des VW erlitt einen schweren Schock. Ali T. und Baris B. stellten sich noch am Abend des Tattages der Polizei. Einen Tag später erließ ein Haftrichter Haftbefehl gegen die beiden. Seitdem saßen sie in Untersuchungshaft.

Anwalt bezweifelt Verfolgung

Dass Baris B. nun freikommt, begrüßte sein Anwalt Nicolas Becker, da die Rekonstruktion des Vorfalls nichts ergeben habe. „Die Entlassung war deshalb notwendig geworden, weil meinem Mandanten nicht nachgewiesen werden konnte, dass er an der Hetzjagd beteiligt war“, so Becker.

Aus Sicht des Anwalts sei der Fall sehr undurchsichtig, die Aussagen der Beteiligten deshalb mit Vorsicht zu genießen. „Nach meinem Dafürhalten hat die Verfolgung gar nicht stattgefunden“, sagte er. Baris B. sei zum Tatzeitpunkt wie sein Freund Ali T. betrunken gewesen. Die beiden sollen von einer Feier mit mehreren Freunden gekommen sein und an dem Abend Wodka getrunken haben. Baris B. behauptet darüber hinaus, von Raoul S. im U-Bahnhof geschlagen worden zu sein. Sein Mandant habe dadurch ein blaues Auge und eine Einblutung in der Augenhöhle davongetragen. Raoul S. wiederum habe behauptet, dass Baris B. zuerst zugeschlagen habe.

Das Unglück vom Kaiserdamm hatte in Berlin Entsetzen und große Anteilnahme ausgelöst. Zwei Tage nach dem tragischen Tod des gelernten Kochs, fanden sich knapp 1000 Menschen, darunter viele Bekannte, Angehörige und die Familie von Giuseppe M. zu einer Mahnwache am Kaiserdamm ein. Sie legten Blumen und Abschiedsbriefe nieder, zündeten Kerzen an und gedachten des jungen Mannes. Auch knapp zwei Wochen nach der Tragödie brennen auf der Mittelinsel am Kaiserdamm noch immer Kerzen.