Piratenpartei

Wie sich Berlins jüngste Abgeordnete durchsetzt

Das ist Deutschlands neuester Politikstar: Susanne Graf ist Berlins jüngste Abgeordnete – und die einzige Frau der Piraten-Fraktion. Ebenso wie für ihre Partei hat sich für die 19-Jährige im vergangenen Jahr viel verändert.

Eigentlich habe „Suse“ ja am Donnerstagabend auch im Fernsehstudio bei Maybrit Illner sein sollen, aber der Papst war dann doch wichtiger, und es gab eine Sendung zu dessen Deutschlandreise. Christopher Lang hat seine Suse fest im Blick, als er vom Medienrummel um seine Freundin erzählt. Er strahlt dabei über ein von einem schmalen Bartstreifen eingerahmtes Gesicht. „Sie macht das alles ganz gut, finde ich“, sagt Lang. Der 25-Jährige ist Pressesprecher vom Bundesverband der Piraten. Seit der Berlin-Wahl ist er faktisch jedoch nur noch Sprecher seiner Freundin, geht für sie ans Handy, koordiniert ihre Verabredungen, erinnert sie an Interviewtermine.

Susanne Graf ist Deutschlands neuester Politikstar. 19 Jahre alt, seit einer Woche gewählte Volksvertreterin Berlins. Als einzige Frau von 15 Abgeordneten. Der Wahlerfolg der Piratenpartei allein war schon eine Sensation. Doch Grafs Alter und ihr Status „allein unter Männern“ machen die Studentin noch interessanter für die Öffentlichkeit als ihre Fraktionskollegen.

Auf dem Teppich bleiben via Twitter

„An alle, die mich besser kennen: Wenn ich mich negativ entwickle, dann sagt mir das bitte sofort und so lange, bis ich es einsehe!“, schrieb Graf Mittwoch bei Twitter. Acht Stunden lang hat sie allein an diesem Tag Interviews gegeben. Nicht nur Morgenpost Online und dem „Tagesspiegel“, auch „Super Illu“, Quest France und SWR 3. Gerade beginne die Welle der internationalen Presseanfragen, sagt ihr Freund.

Zwei Tage später unterzeichnet Graf ihre ersten Autogrammkarten. Postkarten der Piraten aus dem Wahlkampf, in der auch ein Foto von ihr die Kampagne zierte. „Suse“ hat sie nun mit Edding darauf geschrieben und ein Herz daneben gemalt. So, wie Teenager das halt machen.

Autogramme als Scherz

Das mit den Autogrammen sollte eigentlich nur Quatsch sein, ein selbstironischer Scherz unter Piraten. „Hier Fotos und Autogramme von Piraten-Stars“ hat jemand auf ein Schild gekritzelt, das am Info-Stand der „Jungen Piraten“ bei der Jugendmesse You hängt, die derzeit auf dem Berliner Messegelände stattfindet. Susanne Graf ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Jugendorganisation. Mit schwarzem Piraten-Shirt zur Jeans und rötlich gefärbtem Pferdeschwanz hockt sie auf einem Stuhl zwischen orangefarbenen Flaggen, Flyern und Postern, an einem Tisch neben ihr basteln zwei Jungpolitiker kleine Piraten-Buttons.

Hinter Graf an der Wand hängt das Poster mit ihrem Konterfei in Überlebensgröße. Es sieht ihr kaum ähnlich. Auf dem Bild schaut sie schüchtern schräg von unten in die Kamera. Die junge Frau auf dem Stuhl davor dagegen lächelt selbstbewusst und hat vom vielen Reden mit den jugendlichen Messebesuchern gerötete Wangen. „Das Bild ist ja auch schon alt“, sagt Graf. „Alt“ heißt für sie in diesem Fall ein gutes Jahr. Kurz nach ihrer Wahl zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden sei es entstanden. Seither sei sie viel souveräner geworden, sagt Graf. „Früher habe ich Schweigeanfälle bekommen, wenn mich jemand angesprochen hat. Jetzt traue ich mich, meine Meinung auch laut zu sagen.“

Am Donnerstag hat Graf diese Errungenschaft ihres Erwachsenwerdens zuletzt anschaulich bewiesen. Bei der ersten, live online übertragenen Fraktionssitzung wollten ihre Parteifreunde Andreas Baum und Christopher Lauer sich zu Fraktionsvorsitzenden wählen lassen . Kaum 24 Stunden zuvor hatten sie das ihren Kollegen am Telefon mitgeteilt – zu plötzlich, zu intransparent, fand Graf und warf ihnen indirekt Hinterzimmermauschelei vor, wie sie etablierte Parteien betrieben. Am Ende wurde die Wahl vertagt.

Sie hat gelernt, sich Gehör zu verschaffen, bissig ist Susanne Graf aber nicht. Sie spricht in eher sanftem, bravem Ton, lächelt viel, formuliert sorgfältig. Man merkt ihr den Bildungshintergrund an. Ihr Vater ist promovierter Physiker, die Mutter promovierte Agraringenieurin. Susanne ist das jüngste von fünf Kindern. Sie spielt Geige, wuchs mit Elektronik- und Optikbaukästen als Geburtstagsgeschenken auf und konnte schon früh einen Computer aus Einzelteilen zusammensetzen. Im Oktober beginnt sie Wirtschaftsmathematik zu studieren. Das Studium werde in Anbetracht der Mandatsausübung wohl erst ein bisschen leiden, sagt Graf.


Ihr großer Bruder war es, der die Kettenreaktion in Gang setzte, die aus dem Teenager am Ende eine Politikerin machte. Weil die damals 16-Jährige sich viel mit ihrem PC beschäftigte, schenkte er ihr eine Eintrittskarte zum Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC). Kurz darauf wurde sie Mitglied im CCC. Die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung weckte ihr Interesse an Politik. „Ich sah die Bürgerrechte in Gefahr“, sagt sie. Die FDP setzte sich ihrer Meinung nach nicht genügend ein. „Da hatte ich keine politische Heimat.“ 2009 trat sie den Piraten bei. Damals lebte sie in der thüringischen Kleinstadt Mühlhausen. Geboren ist sie aber in Mahlsdorf, wo sie nun wieder wohnt, zusammen mit ihrem Freund.

Graf möchte ein Jugendparlament etablieren und Teenager mehr an den Themen mitwirken lassen, die sie betreffen. „Dann interessieren die sich auch wieder mehr für Politik.“ Nicht als Internet-, sondern als Bürgerrechtspartei sieht sie die Piraten. Im Abgeordnetenhaus wünscht sie sich, in den Ausschüssen für Wirtschaft, Technologie und Frauen sowie Jugend, Familie und Bildung zu arbeiten.

Neuer Lebensabschnitt mit Büro und Angestellten

Dass sie die einzige Frau der Fraktion ist, stört Graf nicht. „Die anderen Frauen wollten lieber im Hintergrund arbeiten“, sagt sie. „Die machen aber auch viel wichtige Arbeit. Wir sind keine Männerpartei.“ Ihr Alter dagegen habe zwar den Vorteil, dass sie nah dran ist an den Bedürfnissen der Jugend, aber Nachteile sieht sie auch: „Mir fehlt einfach Wissen. Ich hatte noch nicht so viel Zeit, mir mehr anzueignen.“ Außerdem habe sie ein bisschen Sorge, von ihren Mitarbeitern akzeptiert zu werden. Als Abgeordnete hat Graf nämlich bald ein Büro und Angestellte.

Es ist laut auf der Jugendmesse in Halle 20. Die Musik von zwei rappenden Bäckern, die für ihren Ausbildungsberuf werben, dröhnt herüber. Kaum jemand hört ihnen zu. Auch beim Bibelmobil gegenüber bleiben die Teenagergrüppchen nicht stehen, die an diesem Nachmittag durch die Halle streifen. Bei den Jungen Piraten ist Trubel. Den meisten davon machen die Piraten zwar selbst, sie drängeln sich zeitweise zu siebt an ihren Stand. Doch immer wieder bleiben andere Jugendliche stehen, lassen sich Flyer geben und scharen sich um den Tisch, auf dem die vielen runden Buttons mit Piratenlogo und bunten Comicgesichtern liegen. Fast jeder nimmt einen Anstecker mit. Sogar die Autogramme finden Interessenten.

Die Jugendlichen finden die Piraten irgendwie cool – was noch lange nicht heißt, dass sie gut über sie Bescheid wüssten. „Vorhin hat mir eine 16-Jährige gesagt, sie hätte uns gewählt, nun soll ich ihr doch mal erklären, wofür wir eigentlich stehen“, sagt Susanne Graf. So herum habe das ja eigentlich nicht laufen sollen. Aber das werde sich hoffentlich bald ändern.

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