Frauenquote

Die Schwierigkeiten der Piraten mit Piratinnen

Leena Simon wollte in der Piratenpartei ein Netzwerk für Frauen gründen – und wurde verwarnt. Der Vorfall befeuert die bereits bestehende Debatte über den Umgang mit weiblichen Mitgliedern im Berliner Landesverband.

Foto: Massimo Rodari

Als Leena Simon (27) versuchte, ein Piratinnen-Netzwerk zu gründen, das weiblichen Mitgliedern einen Ort zum Austausch bieten sollte, kassierte sie vom Landesverband Berlin dafür eine Verwarnung. Wegen parteischädigenden Verhaltens. Das war im vergangenen Jahr. „Die Reaktion ist völlig übertrieben gewesen“, sagt die 27 Jahre alte Berlinerin noch heute. Mit dem Netzwerk wollte Leena Simon die Diskussion um das Verhältnis von Männern und Frauen vorantreiben. Und sorgte damit für Ärger in der Partei. Auch wenn der Konflikt mittlerweile beigelegt ist, zeigt sich an der Geschichte von Simon: Das Geschlechterverhältnis innerhalb der jungen Partei ist ein Reizthema.

Als Frau in der von Männern dominierten Internetpartei fühlte sich die Philosophie- und Politikstudentin Simon häufig missverstanden und nicht wirklich ernst genommen. „Einige Frauen, die das nicht ertragen haben, sind deshalb gegangen“, sagt Leena Simon. Ein Jahr lang zog sich auch die Studentin aus den Diskussionen der Partei zurück. Und sie spielte ebenfalls mit dem Gedanken auszutreten. Sie entschied sich dann doch, im Wahlkampf auf die Straße zu gehen und den Piraten nicht den Rücken zu kehren: „Wenn man etwas an den Geschlechterrollen in der Partei ändern will, dann denke ich, ist es am effektivsten, das von innen zu tun.“ Auf ihrem Weg musste die 27-Jährige immer wieder mit heftigem Gegenwind kämpfen. Ihre größten Kritiker in der Partei waren ausgerechnet – die Frauen selbst. Denn gegen die Gründung des Netzwerks wurde ein offener Brief geschrieben, den vor allem Frauen unterzeichnet hatten.

Verhältnisse fallen auseinander

Die Politologin Regina Frey, die sich schon vor dem überraschenden Wahlerfolg der Piraten mit der Partei beschäftigte, warnt vor voreiligen Schlüssen. Die Piratenpartei auf einen Haufen von Machos zu reduzieren, das greife zu kurz, sagt sie. „Es wäre viel zu einfach, die Piraten als frauenfeindlich zu bezeichnen, nur weil wenige Frauen in der Partei aktiv sind“, mahnt Frey. Die Geschlechterforscherin hat beobachtet, dass „die progressive Genderrhetorik der Piraten und die tatsächlichen Geschlechterverhältnisse in der Partei auseinanderfallen“. Kurz: Das, was die Piraten sagen oder denken, passt nicht zu dem, was sie wirklich tun.

Der Fall der Studentin Simon zeige außerdem: Die oft beschworene Transparenz – eines der politischen Hauptanliegen der Partei – kann schnell an ihre Grenzen stoßen.

„Eine richtige Diskussion über das Verhältnis von Frauen und Männern konnte gar nicht aufkommen“, sagt Studentin Simon. Schuld daran sei auch „ein gewisser Dogmatismus“, der beim Thema Transparenz in den Parteireihen herrsche. Es brauche auch Schutzräume, in denen privat diskutiert werden könne, fordert Simon. Ihr Piratinnen-Netzwerk sollte so ein Ort sein.

Simon gründete daraufhin eine Mailingliste. Das ist ein digitales Rundschreiben, das nur bestimmte Abonnenten lesen können und über das sie kommunizieren. Von Diskriminierungen war in ihnen zu lesen. Im Netz wurden die Piratinnen daraufhin von ihren Parteikollegen als „Häkelgruppen“ diffamiert. Die Diskussion verstummte. Heute sagt Susanne Graf, die einzige Frau, die für die Piraten in das Abgeordnetenhaus einzieht: „Eine Mailingliste, auf die nur Frauen dürfen – das ist eine Benachteiligung der Männer und auch unfair.“ Außerdem, sagt die 19-jährige Abgeordnete, gebe es auch „schüchterne Männer, die sich nicht in großen Gruppen durchsetzen können – auch die brauchen ein Netzwerk“. Sie hofft, dass ihre Partei dem Thema in Zukunft neutraler gegenübersteht.

Noch eine Zukunftsvision

Die Genderforscherin Regina Frey erklärt: „Die Idee von Postgender will tradierte Geschlechtermuster hinterfragen, das soziale Geschlecht soll überwunden werden. Letztlich ist das aber eine Zukunftsvision.“ Wer Postgender jedoch als Realität ausrufe, ignoriere, dass es auch in der heutigen Gesellschaft noch Unterschiede in den Lebensverhältnissen von Männern und Frauen gibt. „Man kann Geschlecht als soziale Kategorie nicht einfach wegdenken“, kritisiert Frey. Auf den Antragsunterlagen für neue Mitglieder aber existiert die Kategorie „Geschlecht“ nicht.

Allerdings bemerkt die Expertin Frey auch: „Bei den Piraten gibt es durchaus eine kontroverse Debatte und viele unterschiedliche Haltungen zum Thema.“ Trotzdem sei es ein Problem innerhalb der Partei, „wenn so getan werde, als spiele das Geschlecht in der Welt des Internets keine Rolle mehr“.

Auch Leena Simon findet die Argumentation der Parteilinie wohlfeil und zu einfach. „Diese Gedanken vom Postfeminismus sind sehr bequem, weil man nicht weiter drüber nachdenken muss und erst gar keine Diskussion aufkommt.“ Damit machten es sich einige Mitglieder auch sehr einfach: „Manchmal sind Piraten, wie man das von Nerds kennt, etwas unerfahren im Umgang mit dem anderen Geschlecht.“ Als radikale Feministin will sie sich aber nicht sehen: „Ich lasse mir auch gern mal die Tür aufhalten und in den Mantel helfen“, sagt Simon.

Dass Genderfragen auch in Zukunft eine große Rolle in der Partei spielen, davon ist Regina Frey überzeugt: „Die Kultur einer Partei ist mit davon bestimmt, welche Geschlechterbilder sie anbietet." Und die suchen die Piraten offenbar noch.