Rocker

Polizei stürmt Berliner Clubhaus der Hells Angels

Ein Großaufgebot der Berliner Polizei hat in Reinickendorf das Clubhaus der Rockergruppe Hells Angels durchsucht. Ihre Mitglieder sorgen immer wieder für gefährliche Konfrontationen mit den verfeindeten Bandidos.

Foto: BMO

Ein Großaufgebot der Polizei, darunter auch Spezialkräfte, hat am Dienstag das Clubhaus der Hells Angels an der Residenzstraße in Berlin-Reinickendorf gestürmt und zahlreiche Anwesende überprüft. Anders als bei vergleichbaren Polizeiaktionen galt dieser Einsatz nicht nur der Bekämpfung des wieder aufkeimenden Rockerkriegs zwischen den Höllenengeln und den Bandidos, sondern vor allem dem Schutz der Bevölkerung. Denn in jüngster Vergangenheit hatten die Hells Angels „Berlin City“ unter Führung ihres Präsidenten Kadir P. (27) das öffentliche Leben gefährdet und wiederholt in Schöneberg die Polizei auf den Plan gerufen. P. soll mehrfach im Gebiet um den Winterfeldtplatz absichtlich die Konfrontation mit den verfeindeten Bandidos gesucht haben, die dort seit geraumer Zeit ein Lokal als Stammtreff aufsuchen.

Um 19.20 Uhr drangen Angehörige des Spezialeinsatzkommandos (SEK) unterstützt von Einsatzhundertschaften in das Clubhaus ein. Nennenswerten Widerstand gab es nicht, die Rocker waren chancenlos gegen die Polizeiübermacht. Bis in die Nachtstunden wurden die Räume durchsucht. Ob Kadir P. festgenommen wurde, blieb zunächst offen. Zahlreiche Hieb- und Stichwaffen wurden sichergestellt, eine genaue Zahl der beschlagnahmten Gegenstände will die Polizei am Mttwoch verkünden. Dabei soll es auch um Details wie Festnahmen gehen.

Von Anfang an Krieg erwartet

Die Gruppierung der Hells Angels „Berlin City“ ist der Polizei seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Der Präsident und türkische Staatsbürger Kadir P. war mit etwa 80 Gefolgsleuten von den Bandidos zu den „Angels“ übergelaufen – ein weltweit einzigartiger Vorgang. Ermittler hatten bereits damals befürchtet, dass sich der Krieg zwischen den „Bruderschaften“ durch das hitzige Temperament des Ex-Boxers und seiner aus Landsleuten bestehenden Gefolgschaft verschärfen könnte. Und genau dazu kam es. Während die Führungsriegen der beiden Rockerclubs medienwirksam Frieden schlossen, drohte dieser Pakt in Berlin von Anfang an zu scheitern. Einzelne Scharmützel – laut Polizei von Kadir P. und seinen Leuten angezettelt – gefährdeten immer wieder den angestrebten Prozess. Denn innerhalb der Rockerszene ist man sich der Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden bewusst, wenn sich körperliche Auseinandersetzungen öffentlich abspielen. Die Bandidos besuchen regelmäßig eine Bar am Schöneberger Winterfeldtplatz. Nur etwa 150 Meter entfernt eröffnete kürzlich eine Lounge, die Hells Angels-Chef Kadir P. mit Gefolge zum neuen Stammlokal erkor. Der Ärger war programmiert, an zwei September-Wochenenden waren massive Polizeiauftritte nötig, um die beiden Parteien auseinanderzuhalten.

Viele Anwohner fürchten, zwischen die Fronten zu geraten. „Der Winterfeldtplatz hatte sich zu einer angenehmen Anlaufstelle für das Nachtleben entwickelt, wie früher in der Pariser Straße“, so ein 53-Jähriger. „Heute muss man sich fürchten, einen Rocker versehentlich falsch anzuschauen und zusammengeschlagen zu werden.“ Geschäftsleute wollten sich aus Angst nicht äußern, eine alte Dame spricht von einer unerträglichen Lärmkulisse. „Die Motorräder sind zu laut. Und auch die Polizeieinsätze stören nachts, obwohl wir froh sind, dass die Polizei da ist“.

Immenses Machtstreben

Trotz des Einsatzes am Dienstagabend scheint der Konflikt nicht beendet, denn nach Informationen von Morgenpost Online ist das Machtstreben von Kadir P. immens. „Nicht alle Hells Angels waren froh darüber, dass ehemalige Kontrahenten plötzlich als Brüder geachtet werden müssen, weil Kadir P. und seine Leute die Seiten wechselten. Denn noch als Bandido soll P. einem Hells Angel fast den Arm abgeschlagen haben“, so ein Kriminalbeamter.

Das Problem mit dem Rockerchef ist offenbar zum Teil hausgemacht. Seit mehr als drei Jahren wartet das LKA auf einen Prozesstermin gegen P. So wird dem 27-Jährigen vorgeworfen, am 11. August 2007 noch als Bandido-Rocker einen Türsteher der Diskothek „2 Be Club“ an der Ziegelstraße in Mitte mit einem Messer angegriffen und gezielt in Richtung dessen Halses gestochen zu haben. Nur ein reflexartiges Zurückziehen seines Kopfes rettete dem Mann das Leben. Zwar erging am 17. März 2008 Haftbefehl (Aktenzeichen „1 Kap Js 557 / 08“) gegen den damals wegen anderer Vorwürfe in U-Haft sitzenden P., doch auch nach mehr als drei Jahren ist kein Prozesstermin festgelegt worden, obwohl Anklage erhoben worden ist. Ein anderes Verfahren – Kadir P. soll als Bandido einen Hells Angel vor den Augen von dessen Frau und seiner 13-jährigen Tochter niedergestochen haben – wurde eingestellt. Es soll Erkenntnisse geben, dass der 27-Jährige nach der Tat mit der erbeuteten Kutte seines Opfers nach Gelsenkirchen zum Bandido-Deutschland-Chef fuhr und die Trophäe präsentierte.