Nachwuchsmangel

Berliner S-Bahn gehen die Lokführer aus

Die Bahn-Tochter sucht 30 Lehrlinge für den Ausbildungsstart im nächsten Jahr. Gleichzeitig wird Stationspersonal abgebaut – nur 20 der 166 Bahnhöfe sollen künftig noch besetzt sein.

Foto: David Heerde

Den Hebel leicht nach vorn, und schon fährt der tonnenschwere Zug sanft an. Den Hebel nach hinten gezogen, und die Bremsen verlangsamen die Fahrt. Lenken braucht man nicht, denn die Schienen geben die Richtung klar vor. So einfach ist S-Bahn-Fahren, zumindest in der Theorie.

Die Praxis, das beweist eine Probefahrt im Simulator der Berliner S-Bahn in Schöneweide, ist ungeahnt komplizierter. Im nachgebauten Führerstand eines Zuges der Baureihe 481 blinken unzählige Lämpchen, neben dem Tachometer zeigt ein Bildschirm links, ob noch Fahrgäste auf dem Bahnsteig stehen. Ein Monitor auf der rechten Seite spuckt gleichzeitig lange Zahlreihen aus, wichtige Infos für die bevorstehende Fahrt. Und kaum, dass sich der Zug nach dem typischen Dreiklang fürs Türenschließen in Bewegung setzt, warnt eine blecherne Stimme aus dem Off: „Sifa – Sifa!“. Dieses Kürzel steht für Sicherheitsfahrschaltung. Sollte der Lokführer nicht sofort nach Aufleuchten eines weißen Lämpchens vor ihm den linken Fuß vom Pedal nehmen und dann gleich wieder draufsetzen, dann löst die Sifa eine Zwangsbremsung aus. So wird – nicht nur bei der S-Bahn – verhindert, dass ein Zug etwa nach einem Herzinfarkt des Lokführers ungehindert über die Gleise rast.

Panne im Training

Doch kaum hat der Fuß wieder Halt gefunden, taucht der nächste Bahnhof auf. Wer jetzt den Hebel nach hinten zieht, merkt schnell: Ein Zug ist kein Auto, sein Bremsweg ungleich länger und er kommt erst weit nach dem Halte-Schild zu stehen. „Da müssen die Fahrgäste jetzt wohl auf den nächsten Zug warten, um nach Hause zu kommen“, sagt Ausbildungsleiter Mario Gammelin. Bloß gut, dass dies nur ein Training war. Solch eine Panne bei einer realen Fahrt, und der Lokführer-Anwärter wäre durch die Prüfung gerasselt.

Knapp 1000 Triebfahrzeugführer sind bei der Berliner S-Bahn beschäftigt. In ihren Zügen befördern sie im 332 Kilometer langen Netz auf aktuell 13 Linien täglich rund eine Million Fahrgäste. Eine verantwortungsvolle und durchaus gut bezahlte Arbeit. Das Einstiegsgehalt liegt bei 2300 Euro, dazu kommen Zulagen für Schicht- und Nachtarbeit. Lange Zeit hatte die S-Bahn kaum Nachwuchs-Probleme. „Lokführer zu werden, das war ja für viele Generationen von Jungs ein Kindheitstraum“, sagt S-Bahn-Arbeitsdirektor Christoph Wachendorf. Doch die Berufswünsche seien heute oft andere. „Das hängt auch mit den Anforderungen zusammen: Triebfahrzeugführer arbeiten ständig in Schichten, und das 365 Tage im Jahr, das ist nicht jedermanns Geschmack“, sagt Wachendorf. Um die Ausbildung attraktiver zu machen, wird sie von der S-Bahn mit einer zweijährigen Lehre zum Industrieelektriker verbunden. Das ist ein anerkannter IHK-Abschluss, der auch Berufsperspektiven eröffnet, wenn einer etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Lokführer sein kann.

Einsatzgarantie in Berlin

Für einen Ausbildungsstart im nächsten Jahr hat die S-Bahn jetzt 30 Lehrstellen ausgeschrieben, sechs mehr als noch vor zwei Jahren. Allen, die einen guten Abschluss machen, bietet die S-Bahn zudem eine Einsatzgarantie in Berlin. „Das ist in anderen Betrieben bei der Deutschen Bahn längst nicht so“, sagt Wachendorf. Dieses Angebot ist durchaus bemerkenswert. Hatte die S-Bahn doch vor nicht allzu langer Zeit kaum Nachwuchsbedarf. Im Gegenteil: Um höhere Gewinne zu erwirtschaften, baute das Unternehmen hunderte Stellen ab. Für viele Experten eine der Ursachen für die in Deutschland einzigartige Krise, unter der S-Bahn-Fahrgäste seit 2009 leiden.

Einen alten Plan aus der Zeit vor der Krise hat die S-Bahn-Führung jetzt allerdings wieder aus der Schublade gezogen. Im nächsten Jahr will sie ein neues Zugabfertigungssystem einführen. Der Lokführer kontrolliert über einen Bildschirm, ob alle Fahrgäste eingestiegen sind und gibt sich selbst das Abfahrtssignal. Zugabfertiger auf den Bahnsteigen werden dann nicht mehr gebraucht. Lediglich 20 ihrer 166 Bahnhöfe will die S-Bahn noch ständig mit Personal besetzen . Heute sind es 88 Stationen. Als Ausgleich sollen 120 mobile Einsatzkräfte unterwegs sein. „Unterm Strich werden Fahrgäste eher mehr als weniger Personal auf den Bahnsteigen sehen“, versichert ein S-Bahn-Sprecher.

Fahrgastverband und Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus befürchten dann „Geisterbahnhöfe“. Leere Bahnsteige seien schlecht für das Sicherheitsgefühl, warnt Jens Wieseke vom Fahrgastverband. Angesichts der jüngsten Gewaltvorfälle im öffentlichen Nahverkehr sei der Abzug von Aufsichtspersonal „ein vollkommen falsches Signal an die Fahrgäste“, kritisiert der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Oliver Friederici. Und die Grünen-Verkehrsexpertin Claudia Hämmerling spricht von einer „sicherheitspolitischen Geisterfahrt“.