Verschiedenes Alter, gleiche Klasse

Jede vierte Grundschule will Reform abschaffen

Mehr als 80 Berliner Grundschulen wollen das jahrgangsübergreifende Lernen aufgeben. Unklar ist allerdings, wie viele der Anträge von Bildungsverwaltung erlaubt werden. Schließlich steht damit einer der zentralen Punkte der Bildungsreform in Frage.

Foto: Reto Klar

Die Zahl der Grundschulen, die per Antrag vom jahrgangsübergreifenden Lernen (Jül) wieder abrücken wollen, ist auf 81 gestiegen. Fast jede vierte Schule will demnach die entscheidende Reform im Grundschulbereich rückgängig machen. Nach Ablauf der Antragsfrist kurz vor den Sommerferien hieß es zunächst, dass 70 der insgesamt 364 öffentlichen Grundschulen die Erst- und Zweitklässler wieder getrennt unterrichten wollen.

Unklar ist allerdings, wie viele der eingereichten Konzepte tatsächlich von der Bildungsverwaltung erlaubt werden. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) gab auf eine mündliche Anfrage der CDU im Abgeordnetenhaus bekannt, dass nur sechs Konzepte ohne Änderungen bewilligt werden könnten. Bei 35 Anträgen seien kleinere Nachbesserungen nötig. Etwa die Hälfte der Konzepte müssten jedoch so erheblich überarbeitet werden, dass unsicher sei, ob diese schließlich genehmigt werden könnten, so Zöllner. Der Bildungssenator hatte immer betont, dass der Unterricht in Jahrgangsklassen die Ausnahme sein soll. Die Mischung der ersten und zweiten Klassen soll auch künftig der Regelfall bleiben. Allerdings hatten mehr Schulen als erwartet, die Rückkehr zum alten System beantragt.

Die Tatsache, dass die Hälfte der Konzepte den Ansprüchen der Verwaltung nicht genügen, zeige, dass es den Schulen besonders schwer gemacht werden soll, aus Jül auszusteigen, sagt Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU.

Viel Zeit haben die Schulen für die Überarbeitung ihrer Anträge nicht. Nur noch bis zum 28.September können sie ihre Konzepte passfähig machen. Bis spätestens 21.Oktober muss dann die Bildungsverwaltung entscheiden, ob sie das Konzept bewilligt. Drei Schulen haben den Antrag bereits zurückgezogen.

„Uns ist es wichtig, dass die Ziele der Schulanfangsphase erreicht werden“, sagt Beate Stoffers von der Bildungsverwaltung. Wer die Jahrgangsmischung aufheben will, muss darstellen, wie die Schüler trotzdem individuell gefördert werden. Zudem muss es möglich sein, dass Schüler die Klasse wiederholen oder ein Jahr überspringen, ohne dass die Kinder ihre Bezugspersonen verlieren.

Nur fünf Wochen Zeit

„Die Konzepte mussten sehr umfangreich sein“, sagt Roswitha Reimann, Schulleiterin der Grundschule am Weißensee. Dabei hatten die Schulen nur fünf Wochen für die Erarbeitung Zeit. „Die Kollegen waren so unzufrieden mit der Jahrgangsmischung, dass sie diese Mehrarbeit vor den Ferien auf sich genommen haben“, so die Schulleiterin. Drei Jahre lang praktiziert die Schule in Weißensee das jahrgangsübergreifende Lernen. Doch die meisten Lehrer würden mehr Nachteile als Vorteile für die Kinder in der Schulanfangsphase sehen.

Eine erste Rückmeldung von der Schulaufsicht hat die Schulleiterin bereits. Bis zum Ende dieser Woche hat das Kollegium nun noch Zeit, die Änderungswünsche und Hinweise in das Konzept einzubauen. „Wir hoffen, dass es genehmigungsfähig ist und wir ab dem nächsten Schuljahr die Jahrgänge getrennt unterrichten können“, sagt Roswitha Steinbrenner.

Lediglich kleine Änderungen musste auch Rita Schlegel von der Neuköllner Hermann-Sander-Grundschule in ihrem Antrag vornehmen. Zu Beginn dieses Schuljahres musste die Schule die Erstklässler noch mit den Zweitklässlern mischen. „In den ersten Wochen werden schon die alten Probleme sichtbar. Vielen Schulanfänger fehlt das nötige Basiswissen aus der Kita, während die älteren schon schneller vorankommen wollen“, sagt Rita Schlegel.

Laut Bildungsverwaltung ist es nicht auszuschließen, dass noch weitere Schulen zum Schuljahr 2013/14 die Abschaffung von Jül beantragen. Möglich sei aber auch, dass weitere Schulen ihre Anträge zurückziehen würden.