Prozessbeginn gegen Torben P.

U-Bahn-Gewalt - "Es kann jedem passieren"

Sieben Monate nach seiner Tat muss sich Torben P., der Schläger vom U-Bahnhof Friedrichstraße, vor Gericht verantworten. Doch wie ergeht es den Opfern solcher Attacken? Ein Gewaltopfer erzählt.

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Ein 29 Jahre alter Mann ist in der Berliner U-Bahn Station Friedrichstraße bewusstlos geprügelt worden. Die mutmaßlichen Täter haben sich gestellt.

Video: Reuters
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Das Video von der Schlägerei am U-Bahnhof Friedrichstraße hat Kevin Wortner* sich mehrmals im Internet angesehen. Er sah, wie der Haupttäter das Opfer mit einer Flasche zu Boden schlug. Wie dieses hilflos und ausgeliefert auf dem Bahnsteig lag. Kevin Wortner weiß, wie sich der Attackierte gefühlt haben muss. Er hat es selbst erlebt.

In der Nacht zum 5. Juni 2010 steht Kevin Wortner nachts mit seinem besten Kumpel und drei Freundinnen um kurz vor ein Uhr auf dem Bahnsteig des Berliner S-Bahnhofs Gesundbrunnen. Der 20-jährige Berliner, der gerade eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann macht, will mit seinen Freunden noch in eine Bar gehen. Die zwei jungen Männer, die den Bahnsteig betreten, fallen ihm zunächst nicht weiter auf. Als der Größere der beiden die Gruppe anpöbelt, reagiert Kevin Wortner noch gelassen: „Ich wollte Spaß haben, keinen Stress.“ Der 1,78 Meter große Wortner ist durchtrainiert, in seiner Freizeit kickt er in einem örtlichen Fußballverein. Er ist keiner, den man einfach umhaut. Doch der Pöbler lässt sich nicht abschütteln. Kevins Freund droht er, „ihn auf die Gleise zu werfen und seinen Kopf zu zerquetschen“. Die Gruppe beschließt wegzugehen. „Verpisst euch doch mit euren Schlampen“, ruft der Pöbler hinterher. Da dreht sich Wortner um: „Was ist dein Problem?“ Für den Aggressor ist das eine willkommene Reaktion. Er geht auf sie zu, schlägt den jungen Mann ins Gesicht. Der taumelt, schlägt zurück. Da springt der Freund des Pöblers, bislang unbemerkt im Hintergrund, auf Wortner zu und drischt ihn mit einem Schlagring zu Boden. Wortner verliert das Bewusstsein.

Als er wieder wach wird, sind die beiden Angreifer noch immer auf dem Bahnsteig. So sicher fühlen sie sich. Aber inzwischen ist eine Gruppe von sieben Männern auf das Geschehen aufmerksam geworden. Sie drängen die zwei in eine S-Bahn. Wortner ist für die Hilfe dankbar: „Wer weiß, was sonst noch passiert wäre.“ Seine Freunde bringen ihn ins Krankenhaus. „Ich habe gar nicht begriffen, dass ich verletzt bin, habe alle paar Minuten gefragt, wohin wir jetzt noch gehen.“ Erst als er am Morgen in den Spiegel schaut, wird ihm mulmig. Die linke Gesichtshälfte ist blutverkrustet und geschwollen. Die Ärzte stellen fest, dass die Nase gebrochen ist, das Jochbein sogar doppelt. In die gebrochene Augenhöhle müssen sie eine Titanplatte einsetzen. Vier Wochen ist der Auszubildende krank geschrieben.

Der Fall von Kevin Wortner weist starke Parallelen zu jener Attacke auf, über die ab dem Dienstag die Jugendkammer des Berliner Landgerichts verhandeln wird. Angeklagt sind die Berliner Schüler Torben P. und Nico A. wegen versuchten Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung. Der zur Tatzeit 18-jährige Gymnasiast P. hatte in Begleitung seines gleichaltrigen Freundes in der Nacht zum Karsamstag einen Fremden auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße zu Boden geschlagen und dann mehrfach auf den Kopf des Bewusstlosen eingetreten. Weil eine Überwachungskamera den Vorfall aufzeichnete, sorgte er bundesweit für Aufsehen. Das Opfer, ein 29-jähriger Gas- und Wasserinstallateur, leidet noch heute unter den Folgen.

Wie bei Kevin Wortner waren auch beim Angriff an der Friedrichstraße die Täter Deutsche, die sich in etwa gleichaltrige Opfer suchten. Beide Attacken fanden im öffentlichen Nahverkehr statt. In beiden Fällen schlugen die Täter ihr Opfer bewusstlos. Im Gegensatz zum Überfall an der Friedrichstraße wurde die Attacke auf Wortner allerdings von keiner Kamera aufgezeichnet. Deshalb wurde auch nicht deutschlandweit diskutiert, ob es mehr Sicherheit auf U-Bahnhöfen geben müsse oder ob man das Jugendstrafrecht verschärfen solle. Auch stellten sich die Täter in Wortners Fall nicht. Eine Freundin, die beim Überfall dabei war, erkannte den Pöbler Wochen später bei einem Fest im Berliner Umland wieder. Sie rief die Polizei, die den mehrfach Vorbestraften sofort festnahm. Sieben Monate nach dem Überfall wurde beiden Tätern der Prozess gemacht.

Im Fall von Torben P. und Nico A. liegen zwischen Tat und Hauptverhandlung nur vier Monate. Dennoch warfen einige Medien der Justiz vor, die Hauptverhandlung zu verzögern. Sechs Prozesstage sind angesetzt, zwei Gutachterinnen geladen und 17 Zeugen benannt. Die für die Presse reservierten Plätze sind seit Wochen ausgebucht. Bei Kevin Wortner dauerte die Verhandlung nur einen Tag, kein Journalist war anwesend. Der Pöbler, ein 20-jähriger Berliner, war zuvor schon wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes und anderer Delikte verurteilt worden. Nur deshalb erhielt er am Ende drei Jahre Jugendstrafe ohne Bewährung. Der Pöbler, ein 20-jähriger Berliner, war zuvor schon wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes und anderer Delikte verurteilt worden. Nur deshalb erhielt er am Ende drei Jahre Jugendstrafe ohne Bewährung. Sein Kumpan, der Wortner bewusstlos geschlagen hatte, kam mit einer Woche Dauerarrest davon. Er hatte keine Vorstrafen. Vor allem das Urteil für den 18-Jährigen ärgerte Kevin Wortner: „Ein kleiner Denkzettel wäre nicht schlecht gewesen.“ Zuvor hatte der Anwalt des Schlägers versucht, eine Mitschuld Wortners zu suggerieren. Im Gegensatz zum Schläger entschuldigte sich der Pöbler am Ende des Prozesses bei Wortner. Den ließen diese Worte kalt: „Das hätte er sich vorher überlegen können.“ Nach dem, was er bei Gericht erlebte, zweifelt er daran, dass der bis zur Tat unauffällige Gymnasiast Torben P. eine schwere Strafe fürchten muss.

„Was Kevin passiert ist, kann jedem passieren“, sagt Elga Eisenschink. Die Juristin leitet das Außenbüro des Opferschutz-Vereins „Weißer Ring“ in Marzahn-Hellersdorf und vertrat Wortner im Prozess. Seit 18 Jahren arbeitet die 51-Jährige als Anwältin, seit acht Jahren vertritt sie vor allem Gewaltopfer. Anfangs waren es überwiegend Beziehungstaten, inzwischen immer häufiger Zufallsprügeleien, bei denen sich Täter und Opfer nicht kennen. Verhaltenstipps der Polizei, wie solchen Angriffen vorzubeugen sei, sieht Eisenschink skeptisch: „Man kann sich nicht richtig oder falsch verhalten.“ Sie vertritt Opfer, die der Konfrontation aus dem Weg gehen wollten, ebenso wie solche, die sich provozieren ließen. Am Ende wurden sie gleichermaßen zusammengeschlagen. Eisenschink: „Es gibt für diese Zufallsopfer keinen Verhaltenskodex.“

Ursachen für eine gestiegene Aggression bei Jugendlichen sieht die Juristin in einer schlechteren Jugendarbeit, wachsenden sozialen Unterschieden und einer Zunahme des exzessiven Alkoholkonsums. Den Umgang der Justiz mit jungen Straftätern beurteilt sie skeptisch: Mit der „Erziehungsbedürftigkeit“ der Jugendlichen werde eine „Kuschelpädagogik“ gerechtfertigt. „Aber auch die Opfer sind häufig minderjährig. Sie werden hingegen weniger in das Strafverfahren einbezogen, sie haben kaum Möglichkeiten, ihre Leidensgeschichte zu erzählen.“ Der Erziehungsgedanke im Jugendstrafrecht führe dazu, dass die Jugendlichen zu schwach bestraft würden. Mit teilweise schlimmen Folgen: „Die Hemmschwelle zur nächsten Straftat ist gering und wird schnell übersprungen. Zurück bleiben die Opfer.“

Die Verhandlung gegen Wortners Schläger beispielsweise hat die Rechtsanwältin als „schwierig“ in Erinnerung. Den Tätern sei keinerlei Reue anzumerken gewesen. „Sie lasen Entschuldigungen vor, die erkennbar ihre Verteidiger vorbereitet hatten.“ Auf Eisenschink wirkten sie wie „zwei Jungs, die die Schwere ihrer Tat nicht verstanden hatten“. Auf der anderen Seite stand ein traumatisierter junger Mann, der mit seiner Opferrolle haderte. „Wenn junge Frauen Opfer werden, schildern sie das Dramatische der Situation sehr genau. Junge Männer versuchen eher, die Schäden zu bagatellisieren.“

Äußerlich ist Kevin Wortner heute nichts mehr anzumerken. Der blonde junge Mann sitzt in einem Eiscafé. Er wirkt freundlich, offen und selbstbewusst. Die Nase ist verheilt. Die Titanplatte in der Augenhöhle wird demnächst in einer Operation entfernt. Die Schmerzensgeldklage läuft noch. Mehr als 5000 Euro werden es wohl nicht werden. Erst auf Nachfrage räumt Wortner ein, dass er den S-Bahnhof Gesundbrunnen heute meidet. Dass er die Straße wechselt, wenn da jemand kommt, der „nach Stress“ aussieht. Manchmal habe er überlegt, ob er damals nicht einfach hätte weitergehen sollen, statt sich umzudrehen. „Hinterher ist man immer schlauer“. Er zuckt die Achseln: „Es ist passiert, es hätte schlimmer kommen können.“ Er will sich nicht dauerhaft in die Opferrolle drücken lassen. Die Angst danach lässt er nicht zu. Seine Mutter schon. Wenn Kevin abends unterwegs ist, will sie genau wissen, wo er ist. Das Bild seines zerschlagenen Gesichtes wird sie nicht vergessen.

*Name von der Redaktion geändert