Schöneweide

Polizei hat heiße Spur der S-Bahn-Schläger

Brutaler Überfall am S-Bahnhof Schöneweide: Das Opfer Erik W. erklärt Morgenpost Online seine Version von dem Vorfall, bei dem er mehrere Knochenbrüche im Gesicht erlitt. Die Bundespolizei hat inzwischen eine heiße Spur.

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Narben werden ihn vielleicht ein Leben lang an diesen Herbstmorgen erinnern: Zwei Bislang unbekannte Täter zertrümmerten dem 22 Jahre alten Erik W. am Samstag auf dem S-Bahnhof Schöneweide mit Tritten regelrecht das Gesicht. Die Täter flüchteten. Doch es gibt eine heiße Spur, wie ein Sprecher der Bundespolizei mitteilte. Das Opfer liegt weiterhin in einer Klinik.

Und im Berliner Nahverkehr gab es weitere Gewalttaten am Wochenende: Auf dem U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz in Marzahn wurden erst ein Mann und dann drei Polizisten von Schlägern verletzt. Außerdem versuchte ein Mann in der S-Bahn, auf einen anderen Mann mit einem Messer einzustechen.

Keine Bilder - der Bahnhof ist ohne Kameras

Von dem Überfall in Schöneweide gibt es keine Videoaufnahmen, weil auf dem Bahnhof keine Kameras montiert sind. Am Sonntag gaben aber weitere Zeugen der Tat neue Hinweise zu den beiden gesuchten Männern. „Wir haben eine heißes Spur“, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Dem Opfer gehe es weiterhin schlecht. „Jochbein und Nase sind gebrochen, das Kinn ist angebrochen – er muss noch fünf Tage im Krankenhaus bleiben.“ Die Verletzungen von Erik W. sind dabei nicht so schwer wie zunächst befürchtet. Ein heftiger Streit hatte am frühen Samstagmorgen auf dem Bahnsteig des Bahnhofs zu dem Gewaltexzess geführt. Ob Alkohol im Spiel war, ist unklar.

Viel, sagt Erik W., habe er den ermittelnden Polizisten nicht berichten können. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, sagt der kräftige Mann und schaut auf sein Handy. Nach Hause habe er gewollt, als es zu dem Zwischenfall gekommen sei. „Ich war auch etwas angetrunken und bestimmt nicht ganz unschuldig an der Situation.“ Der Kiefer des jungen Soldaten ist angebrochen, er hat aber keine Zähne eingebüßt, kann problemlos sprechen. Die Ärzte haben eine Fraktur des Jochbeins unter dem linken Auge diagnostiziert.

Krawall ist am Bahnhof fast alltäglich

Auch wenn die Gesichtspartie sicher in den kommenden Tagen noch mehr anschwellen wird, spricht Erik W. nicht von schweren Verletzungen. So etwas passiere. „Ich bin sicher, in ein paar Tagen schon wieder entlassen werden zu können.“ Ein Zeuge hat den Ermittlern berichtet, die Schläger hätten mit osteuropäischem Akzent gesprochen – bislang der wichtigste Hinweis auf die Täter.

Die neuerliche Gewalttat macht die Gegend um den Bahnhof Schöneweide für die dort lebenden Menschen einmal mehr zu einer Zone der Angst, in der man sich in den Abendstunden besser nicht aufhält.

Tagsüber hat man im Bereich des Bahnhofs Schöneweide nicht den Eindruck, sich in einem gefährlichen Gebiet zu befinden. Die Altbauten sind saniert und ordentlich. Es gibt zwei Banken, ein indisches Restaurant. Im Einkaufszentrum haben sich Geschäfte verschiedener Branchen etabliert. Doch abends, berichten Anwohner, verändere sich ihr Kiez. Die Kneipe „Zum Henker“ – sie gilt als Treffpunkt von Rechtsradikalen – liegt in der Nähe. Junge Migranten tummeln sich an dem Verkehrsknotenpunkt, Punker sitzen mit ihren Hunden, angetrunkene Hip-Hopper schleppen Bierkästen, sind anscheinend auf dem Weg zu einer Party. „Dass dies ein Nährboden für Streit und Gewalt ist, ist doch klar“, sagt ein Polizist, der die Szene kennt. „Und das Ganze wird sich sicher nicht verbessern.“

Stephan Held (23) arbeitet an einem Backwarenstand im Bahnhof. Häufig beginnt sein Dienst mitten in der Nacht. „Ärger gibt es hier eigentlich täglich. Ich musste bereits viele brenzlige Situationen überstehen. Mir wurden von Betrunkenen Prügel angedroht, Jugendliche haben mich mit Gegenständen beworfen.“ Schon deshalb kann er nicht verstehen, dass es keine Videoüberwachung gibt.

Schläger verletzen Polizisten

Janine Loeben ist auf die S-Bahn angewiesen und hat Angst. „Abends und an den Wochenenden fühle ich mich nicht mehr sicher. Wenn bei den jungen Leuten Alkohol im Spiel ist, kommt es auf jeden Fall zu Auseinandersetzungen. Und das mittlerweile fast täglich.“ Eine Verkäuferin eines Imbiss-Standes fürchtet vor allem die Neo-Nazis. „Wenn die besoffen aus ihrer Kneipe kommen, ist der Streit programmiert. Warum greift die Polizei nicht mal richtig durch?“

Doch Schöneweide, auch das wird wieder klar an diesem Wochenende, ist nicht der einzige Ort der Hauptstadt, an dem solche Taten geschehen. Auf dem Bahnhof Elsterwerdaer Platz in Biesdorf haben drei junge Männer in den Morgenstunden des Sonntag ein Plakat in einer U-Bahn abgerissen und dann ein Pärchen in ein Wortgefecht verwickelt. Der 19-jährige Mann wurde nahe dem Bahnsteig geschlagen und getreten, drei Polizisten bei der Festnahme verletzt.

Etwa zur gleichen Zeit ging ein 30-Jähriger in einer S-Bahn zwischen den Bahnhöfen Treptower Park und Ostkreuz mit einem Messer auf einen 38-Jährigen los und wollte ihm in den Kopf stechen. Der Iraker stürzte und verletzte sich selbst mit der Klinge, das Opfer blieb unverletzt.

Die Schläger von Biesdorf und der Mann mit dem Messer wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Weil sie einen festen Wohnsitz in Berlin haben.