Brennende Autos

Familie durch Brandanschlag fast ruiniert

Die Attentäter, die Nacht für Nacht in Berlin Autos anzünden, schädigen nicht nur "die Reichen", sondern oft auch ganz normale Bürger - so wie eine Familie aus Westend, die schließlich Glück im Unglück hatte.

Die Funkuhr auf dem Nachttisch zeigt 00:58 Uhr, als es an der Tür klingelt. Dreimal läutet es, das weiß Karolina Meler noch ganz genau. Sie schaut aus dem Fenster in den Hinterhof, alles ruhig. Ihr Verlobter, Tomasz Nadziak, geht zur Tür und spricht mit einem Nachbarn. „Dein Auto brennt“, ruft er Nadziak zu. Was? „Dein Auto wurde angezündet!“ Nadziak läuft die Treppen runter, kann nicht glauben, was er gehört hat. Als er vor seinem Hauseingang an der Lindenallee 26 zum Stehen kommt, ist die ganze Straße hell erleuchtet. Vier Autos brennen, die Linden haben Feuer gefangen, alles ist voller Wasser. Das Tankgas, das Nadziak für den Notfall im Auto gelagert hat, wirft eine Stichflamme. Die blauen Lichter von Polizei- und Feuerwehrwagen jagen an den Hauswänden entlang.

Karolina Meler läuft unterdessen unruhig durch die Wohnung. Sie will auf die Straße, sehen, was los ist, aber die drei gemeinsamen Töchter schlafen, Meler will sie nicht alleine lassen. Das ist alles nur ein böser Traum, denkt die 36-Jährige. Nach einer Weile wacht die fünfjährige Lena auf. „Mama, ich kann nicht mehr schlafen, was ist passiert?“ Meler versucht, sie zu beruhigen. Zu diesem Zeitpunkt ist von ihrem VW Sharan nur noch das Skelett übrig.

Der Familienvater will der Feuerwehr auf der Straße die Schlüssel für sein Auto geben, doch die hat schon die Scheiben eingeschlagen. In dem ausgebrannten Wagen findet Nadziak nur noch verbrannte Reste. Die Hälfte seiner Werkzeuge, die Grundlage für seine Arbeit als selbstständiger Handwerker, ist zerstört. Bohrmaschine, Akkuschrauber, Stielsäge im Wert von 500 Euro. Auf dem Rücksitz liegen die Kindersitze von Lena und ihren Schwestern Nina und Inga in Asche. „Was soll ich jetzt machen?“, fragt Nadziak die Polizei. „Sie können jetzt erst mal gar nichts machen“, lautet die Antwort. „Gehen Sie schlafen.“ Doch Schlaf findet der 39-Jährige in dieser Nacht nicht. Später geht er noch einmal zu den Trümmern seines Autos und schaut fassungslos auf den verkohlten Haufen Schrott. Lena, die einzige der Schwestern, die nachts normalerweise nie in das Schlafzimmer von Mutter und Vater kommt, kuschelt sich in dieser Nacht eng an ihre Eltern.

Schulweg führt am Wrack vorbei

Am nächsten Morgen herrscht Hektik bei der jungen Familie, die vor acht Jahren nach Westend gezogen ist. Nadziak fährt die Jüngste mit dem Rad zum Kindergarten und fährt dann weiter zu seiner Baustelle. Meler läuft mit den beiden älteren Schwestern zur Schule. Als sie an den Resten ihres Autos vorbeigehen, bleibt Lena stehen und fragt: „Wer hat das gemacht, Mama, und warum?“ Meler kennt die Antwort nicht, kann ihre Mädchen nur trösten. Lenas Lieblingsportemonnaie, das in der Nacht noch im Auto lag, ist nass und riecht verbrannt. Erst vor fünf Tagen ist die Familie mit dem Auto aus dem Urlaub in Kroatien nach Hause gefahren.

Noch am gleichen Tag ruft der Familienvater den Abschleppdienst. Er will nicht, dass seine Kinder jeden Tag an die schrecklichen Ereignisse erinnert werden. Der VW hatte einen Wert von 3000 Euro. In der Brandnacht stand er zwischen zwei BMW. „Vielleicht wollte der Täter unser Auto gar nicht erwischen, und es hat einfach Feuer gefangen“, sagt er. Er kann immer noch nicht fassen, was passiert ist. „Mit den Kindersitzen war doch klar, das ist ein Familienauto, wer macht denn so was?“

Bei der Polizei sagt man Nadziak, wenn der Täter gefunden wird, kann man ihn verklagen. Wird er nicht gefasst, wird die Familie nie einen Cent sehen. Eine Vollkaskoversicherung konnte sie sich nicht leisten. Die Familie ist verzweifelt, ohne Auto kommt Nadziak nicht zu den Baustellen. Ein neues kann er sich nicht leisten. Lena wird am Sonnabend eingeschult, sie braucht Bücher, Stifte, Hefte. Wie soll Nadziak nur die Rechnungen bezahlen? Er fragt bei seiner Bank nach einem Kredit. Nachbarn bieten Hilfe an. Die Familie könne ihr Auto leihen, wenn sie selbst in den Urlaub fahren. „Mit so viel Hilfe habe ich nie gerechnet“, sagt Nadziak. Ein Automobilklub schenkt der Familie drei Kindersitze.

In Ninas Hort sprechen die anderen Kinder über die Brandanschläge. „Aber das ist doch uns passiert“, sagt die Neunjährige. Die zerstörten Autos gehörten nicht irgendjemandem. Eines davon gehörte Nina und ihrer Familie.

Rettung bringt Marlene Förster. Ihren echten Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Als sie einen Morgenpost-Artikel über das Schicksal der Familie liest, will sie helfen. Die drei Mädchen tun ihr leid. Für ihr eigenes Auto hat die 75-Jährige keinen Bedarf mehr. Also ruft sie in der Redaktion an, bietet an, der Familie ihr Auto zu schenken. Am Freitag findet die Übergabe statt. Als Förster Nadziak den Schlüssel für den Peugeot 307 Kombi in die Hand drückt, hat der Vater Tränen in den Augen. Das Auto wurde erst 30.000 Kilometer gefahren. „Sie glauben gar nicht, wie sehr Sie uns damit helfen“, sagt Meler zu Förster. „Wann immer Sie Hilfe brauchen, werden wir für Sie da sein“, sagt sie.

Ihre Anspannung fällt sichtlich ab. Sie ist müde, will einfach wieder normal leben. Es soll Ruhe einkehren. Meler und Nadziak fahren, um ihre Töchter von Kindergarten und Schule abzuholen. Die Mädchen jubeln, als sie das neue Auto sehen. „Das ist prima, jetzt können wir wieder zur Oma fahren“, ruft Lena und steigt auf den Rücksitz.

Erst einmal alles vergessen

„Was ist, wenn sie unser neues Auto auch abbrennen?“, fragt Nina. „Sie kommen nicht zurück“, sagt ihre Mutter, „das hoffe ich.“ Und: „Wenn der Täter gefasst wird, soll er abarbeiten und zurückzahlen, was er angerichtet hat, damit er sieht, was er den Leuten angetan hat.“ Im Radio hat Meler gehört, es könne sich bei den Brandanschlägen um Mutproben handeln. „Schrecklich, einfach schrecklich“, sagt sie. Aber jetzt wolle die junge Mutter erst mal alles vergessen, all die furchtbaren Tage hinter sich lassen.

In der kommenden Woche will die Familie zu der Hochzeit von Melers Schwester nach Polen fahren. Ohne Auto hätte Nadziaks Bruder die fünf abholen müssen. Jetzt fahren sie mit ihrem eigenen neuen Auto. Und haben gleich zwei Gründe, richtig zu feiern.

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