Berliner Szene

Wenn die Bar zum neuen Zuhause wird

In Berlin-Neukölln ist Chillen im Wohnzimmer-Ambiente angesagt. Die einzigartig ausgestatteten Bars erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Auch wir haben uns treiben lassen.

Foto: David Heerde

20 Uhr: Mama riecht nach tschechischem Bier, an diesem Abend in Berlin-Neukölln. Das Mama. So steht es auf der Getränketafel der Bar an der Hobrechtstraße. Aus grünem Stoff platzen spiralförmig Federn hervor, von hölzernen Sofafüßen blättert Lack. Zwei Räume, von Stehlampen im Stil der 60er in warmes Licht getaucht. Auf den Ohrensesseln und Biedermeierpolstern sitzen Gäste um die 30. Berliner meist, aus dem Kiez, Touri-Truppen aus Friedrichshain schieben sich hier nicht über das Pflaster. Noch nicht.

Vor dem Schaufenster steht ein Mann in Shirt und Trenchcoat vor zwei Gästen. Sehr nah, leicht vornübergebeugt, redet er laut und deutlich auf das Pärchen auf Holzstühlen ein, stützt dabei die Hände auf die Knie, fährt sich wild durch das Haar. „Es hört sich blöd an, das gebe ich zu – aber das ist keine Anmache. Ich bin Patrick Anderson vom ,Blühenden Bollwerk der Poesie’“, sagt er. Irritation. Ob die zwei nicht Lust hätten, ein oder zwei Gedichte zu hören, fragt der Mann. Ein Euro koste das, und die Gedichte seien „gar nicht mal so schlecht“. Das Mädchen zögert, ihr Partner zeigt sich spendabel. „Deal“, sagt er und lehnt sich mit seiner Flasche Svijany Bier in der Hand zurück. Und Patrick Anderson beginnt. „Wenn Stein und Bein vor Frust zerbricht, und wir die uralten Felsen unter dem Eise entdecken, …“

20.40 Uhr: Er hätte sich schon längst verabschieden wollen. Sein Flug nach New York geht früh am nächsten Morgen, ihm bleiben nur wenige Stunden Schlaf. Jordan Hyde lehnt an der Bar des Majors. Lässt kurz seinen Blick durch den gut gefüllten Raum mit den in Erdtönen gehaltenen Wänden schweifen, ehe er sich ein zweites Glas Rotwein bestellt. Drei Wochen hat der 25 Jahre alte Musiker Freunde in Neukölln besucht, viele Abende in dem Lokal verbracht. Entspannt sei es, ganz anders als in den Bars seines Brooklyn. „Ich habe hier das Gefühl, zu Hause zu sein“, sagt er, nippt erneut an dem Glas. Die Einrichtung, eine Mixtur aus durchgesessenen Samtsofas und Kristallleuchtern, so etwas kenne er nicht aus Manhattan. „Sieht aus wie ein Wohnzimmer der 60er-Jahre. Das mag ich.“

Die Mischung macht’s

Genau diese Atmosphäre ist es, die Per Sanstrup, 34, seinen Gästen vermitteln will. Seit mehr als zwei Jahren führt er das Major, bietet hier französische Kleinigkeiten wie Galettes und Crêpes an. Als er das damalige Restaurant von dem Vormieter, einem Griechen, übernahm, gab es nur wenig in der Hobrechtstraße. Viele Geschäfte standen leer, die junge Szene feierte lieber in Friedrichshain oder in Prenzlauer Berg. „Natürlich hat sich das verändert, aber die Mischung der Leute ist nach wie vor angenehm“, sagt der Gastronom. Touristen, Stammgäste, Zugezogene, die Bandbreite sei groß. Er nickt in Richtung einer Sitzgruppe, wo sich ein stark tätowierter Mann angeregt mit seinem Gegenüber unterhält. Er trägt Hut und Hosenträger, auf dem Tisch steht ein leeres Rotweinglas. Es ist Jordan Hyde. Er will noch bleiben.

21.20 Uhr: Es sind nur wenige Schritte zu seinem neuen Publikum. An kleinen, wackeligen Holztischen sitzt es draußen, hier in der Weserstraße, trotz der kühlen Temperaturen. Poet Patrick Anderson hält an. Im Schaufenster des Hauses Nummer 207 klemmt ein Schild. „Herr Fuchs und Frau Elster“ steht darauf. Auf den Tischen prangen rote Gladiolen, Kerzen flackern unruhig in Messinghaltern. Die Gäste am ersten Tisch winken Patrick Anderson fort, „kein Interesse“. Zwei Frauen mit 20er-Jahre-Hutkreation daneben fordern Shakespeare. Und Patrick Anderson hebt an: „Wär’ meines Fleisches zäher Stoff Gedanke, …“ – „Könnt Ihr das bitte leiser machen“, zischt da eine Frau vom Nachbartisch. Und der Poet senkt schüchtern seine Stimme.

21.30: Etwas skeptisch blicken sie Patrick Anderson an, als er vor die verglaste Front des Silver Future tritt. „Du bist nicht allein“ steht auf einem Plakat im Fenster. An diesem Abend ist es niemand. Drinnen sitzen sie gedrängt, es ist warm, fast stickig. Über der Bar hängt eine Häkelgardine, leicht vergilbt vom Zigarettenrauch bildet sie doch einen Kontrast zu den pinkfarbenen Wänden. Der junge Mann am Tresen möchte keine Presse, lässt er wissen. „Keine Fotos, keine Infos.“ Das sei so vereinbart worden, vor zwei Jahren etwa, als die Medien „Kreuzkölln“ entdeckten und sie plötzlich um ihren Kiez fürchteten. Vor einer Überschwemmung durch Touristen, von austauschbaren Restaurants mit XXL-Cocktails und Happy Hours. Nichts von dem sucht die Gruppe von Berlinern, die gerade Patrick Anderson applaudiert. Es ist das einzige Mal an diesem Abend. „Albtraumstadt“ hat er vorgetragen, ein selbst verfasstes Gedicht über Frankfurt am Main. Eine „furchtbare Stadt“, darin sind sich alle einig. Ein weiteres Stück steht noch aus. „Rilke oder Heine?“, fragt der Poet. „Etwas Leichtes“, fordert einer. „Ich habe genug Schwermütiges erlebt in letzter Zeit.“ Patrick Anderson stockt kurz. „Lustiges kann ich nicht, bin doch eher der Melancholiker.“

22 Uhr: Ein rotes Auge leuchtet an der Wand. Aus Plastik, übergroß, fast monströs, scheint die Lampe in den Raum des Kuschlowski. Im Ofen in der Ecke flackert eine Stumpenkerze, Holzscheite gleich daneben stapeln sich in die Höhe. Nur wenige Plätze an den niedrigen Tischchen sind belegt. Patrick Anderson geht am Kuschlowski vorbei. „Hier ist es nett – und ruhig“, sagt Dominik Ülsmann. Der 31-Jährige sitzt mit Begleitung Helen an der Theke, besucht das Kuschlowski nach Feierabend. Er arbeitet als Psychologe an der Freien Universität. Und wohnt hier in Neukölln, gleich um die Ecke. „Das ist die beste Art wegzugehen“, sagt er. „In Friedrichshain hängen doch nur Touris.“ Hinter der Theke, hinter Barkeeper Lucas Warntjen, Philosophiestudent am Tage, klemmt ein Fernsehturm. Aus rotem Plüsch, zwischen Averna und Wodka, steht er da.

„Das ist einzigartig hier“

22 Uhr: Ratzeputz vollgepfropft. Alle Stühle sind besetzt, Streifenpullis und Holzfällerhemden schieben sich an der schwarzen Wand des „Ratzeputz“ in der Weserstraße entlang. Durch die Luft flirrt Englisch gepaart mit Spanisch, Französisch, Portugiesisch. Etwas Deutsch ist auch dabei. Von Katharina, 33, die Künstlerin ist und ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Zwei Freundinnen aus Dänemark hat sie mitgebracht – und ihre Eltern aus Bad Segeberg. Jutta, 62, und Erich, 66. „Das ist einzigartig hier“, sagt dieser. In den 70ern sei er auch öfter mal in Berlin gewesen, aber das sei ganz anders in den Bars abgelaufen. „Das waren eher Bierkneipen“, sagt Erich G., „einfach nur dreckig.“ Und die Berliner seien oft unfreundlich gewesen: „Wollta uns bekiekn, müssta in Zoo jehn“, hätten sie oft gesagt, erzählt Erich.

Ungeliebte Yuppies

22.50 Uhr: Selbst die Gitter vor den Fenstern des „Ä“ können es nicht verhindern. Auch nicht die Graffiti auf den Häuserwänden. „Verpisst euch, Yuppies!“ steht da in krakeliger Sprayer-Schrift. Doch sie kommen trotzdem. Nicht im Anzug und mit Föhnwelle, dafür in der Uniform des Berliner Mitte-Hipster. Jeanshemd, Shorts, Espadrilles – das Partyvolk hat das 2007 gegründete Lokal längst erobert. Viele englische Laute sind zu hören, am Kickertisch und an der Bar. Es hat sich herumgesprochen, dass sich in Neukölln gut feiern lässt, obwohl es manche Gastronomen und Anwohner gern für sich behalten hätten. Der große Raum, der den Charme einer 70er-Jahre Kantine hat, ist gefüllt. Erst in einem kleineren Zimmer wird es ruhiger, gemütlicher. Patrick Anderson läuft vorbei. Er will zurück zu seiner Hauptroute, der Oranienstraße.

23.30 Uhr: Mama ist noch immer voll. Das Mama. Aus den Lautsprechern der Wohnzimmerbar tönt laut gedrehter Free Jazz, eine Trompete tobt sich aus. Zwei junge Männer, Matej Zet und Ignacio del Hierro, reichen das tschechische Svijany Bier über die Theke, kippen Wodka Zubrowska, Radamir und Pepersky in Gläser. Der 22-jährige Tscheche und der 23-jährige Spanier arbeiten seit sechs Monaten hier, das Mama gibt es seit 2008. „Möbel vom Flohmarkt und Tapete aus dem Kosovo“, ruft Matej über die Theke. Draußen setzt Patrick Anderson noch ein letztes Mal zum Rezitieren an. Zu den armen Webern, von Heine. „Im düstern Auge keine Thräne, …“ Dann verabschiedet er sich.