Kinderbetreuung in Berlin

Eltern wehren sich gegen Kita-Stechuhren

Der Berliner Senat will den Anspruch auf einen Ganztagskitaplatz genauer prüfen. Bezirksämter, Elternvertreter und freie Träger lehnen eine Zeit-Kontrolle in den Einrichtungen aber ab.

Foto: Sven Lambert

Helene Anders holt ihre vierjährige Tochter Lara meist um 17 Uhr von der Kita in Friedrichshain ab. Manchmal wird es aber auch 18 Uhr. Dann ist Lara oft schon die Letzte. Die selbstständige Rechtsanwältin und dreifache Mutter beansprucht für ihr jüngstes Kind einen Ganztagsplatz bis neun Stunden.

Künftig will der Senat genauer kontrollieren, ob sie ihren Anspruch auch tatsächlich nutzt. „Ich versuche natürlich so oft wie möglich, meine Tochter weniger Stunden in der Kita zu lassen“, sagt sie. Manchmal bringt sie sie etwas später hin, manchmal holt sie Lara früher ab. Je nachdem, wie die Termine am Gericht oder mit den Mandanten liegen. Ähnlich geht es Laras Vater, der ebenfalls eine eigene Kanzlei betreibt. „Wir müssen uns einfach darauf verlassen können, dass wir die volle Zeit ausnutzen können“, sagt sie.

Helene Anders findet, dass die Kita eine Art Bereitschaft für Kinder, die spät abgeholt werden, vorhalten müsse, selbst wenn es nur wenige sind. „Genauso wie die ärztliche Versorgung oder der Nahverkehr funktionieren muss“, sagt sie. Schließlich würde auch der Bus der BVG nicht seine Tour abbrechen, weil er gerade leer ist. Eine Abrechnung per Fingerabdruck oder Stechkarte findet die Mutter auch ethisch fragwürdig. „Hier geht es doch nicht um einen Fahrradverleih, sondern um Menschen“, sagt die Mutter.

Überrascht über die Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe zeigt sich der Vorsitzende des Landeselternausschusses Kita, Burkhard Entrup. „Wir haben in unserer Stellungnahme deutlich gemacht, dass es nicht darum gehen kann, auf die Uhr zu gucken, wann ein Kind abgeholt wird“, sagt Entrup. In der Praxis sei es so, dass natürlich mal ein Kind früher als vereinbart nach Hause geht, dafür ein anderes Kind 20 Minuten zu spät abgeholt wird. Dieser Spielraum müsse einfach da sein.

Zudem sei es aufgrund der Aufsichtspflicht nötig, dass immer zwei Erzieher die Gruppe betreuen, auch wenn nach 17 Uhr nur noch drei Kinder da sein sollten. Schließlich müssten die anderen Kinder auch beaufsichtigt werden, wenn ein Kind verunglückt oder auch einfach nur gewickelt werden muss. Der Landeselternausschuss mahnt vielmehr eine stärkere Kontrolle an, ob in den Trägern der Personalschlüssel tatsächlich eingehalten wird. Allerdings sei auch das schwierig, denn häufig könnten die Träger offene Stellen angesichts des Fachkräftemangels nicht besetzen.

Konsterniert sind auch die freien Träger über die angekündigten Maßnahmen. Berlin habe bereits ein flexibles und genaues Abrechnungssystem, betont Martin Hoyer, Kitareferent des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Auch die Erzieher hätten ein Recht auf verlässliche Arbeitszeiten. Zudem sei es gewollt, dass die Träger möglichst lange Öffnungszeiten vorhalten, auch wenn die Mehrheit der Kinder schon eher abgeholt wird. Auch was die Umsetzung des Kontrollsystems betrifft, zweifelt Hoyer an der Machbarkeit. „Man müsste schon jedem Kind einen Chip implantieren, um die Betreuungsstunden zu kontrollieren“, sagt er. Es könne nicht sein, dass die freien Träger nun mit einem bürokratischen Strichlistenwahnsinn belastet werden.

„Das ist völliger Blödsinn“, sagt Anne-Sophie Briest, die mit der „be smart academy“ zwei Kitas in Mitte und Friedrichshain betreibt. Man könne nicht Stunden und Gehälter der Mitarbeiter kürzen, je nach Schwankungen der Betreuungszeiten. Schon unter den jetzigen Bedingungen sei es schwierig, Fachkräfte zu finden. Grundsätzlich benötigten die Eltern eher längere als kürzere Betreuungszeiten.

Gabriele Vonnekold, Jugendstadträtin in Neukölln (Grüne), kann die beschlossenen Maßnahmen nicht nachvollziehen. Eigentlich war Neukölln einer der drei Bezirke, die in der Arbeitsgruppe einbezogen waren, allerdings nur in der Anfangsphase. „Die Bezirke haben der Senatsverwaltung für Finanzen deutlich gemacht, dass das Verfahren klar und transparent geregelt ist“, sagt Vonnekold. Ermessensspielräume gebe es gar nicht.

Wenn der Finanzsenator nun öffentlich ankündigt, die Verfahren müssten „einheitlich geregelt und ordnungsgemäß“ laufen, sei das eine unverschämte Unterstellung. Laut Gesetz müssten die Eltern nur zwei Mal nachweisen, dass sie tatsächlich berufstätig sind und wie lange sie arbeiten. Ein Mal mit Beginn der Betreuung und ein zweites Mal bei Vollendung des dritten Lebensjahres des Kindes. „Wer das ändern will, muss das Gesetz ändern“, sagt die Stadträtin. Häufigere Kontrollen würden aber auch mehr Personal in der Verwaltung bedeuten. Ob damit tatsächlich Kosten gespart werden können, sei fraglich.

Zudem sei eine zusätzliche bürokratische Hürde, die die Ganztagsbetreuung erschwert, kontraproduktiv. „Wir hegen und pflegen die Eltern, die ihr Kind ganztags in der Kita lassen“, sagt Vonnekold. Schließlich sei es sinnvoll, wenn die Kinder vor der Schule Deutsch lernen. Die Bertelsmann-Stiftung bemängelte erst kürzlich in ihrem Ländermonitor zur frühkindlichen Bildung, dass vor allem Kinder mit Migrationshintergrund in Berlin zu selten einen Ganztagsplatz in der Kita belegen. Knapp 60 Prozent der Berliner Kinder ab drei Jahren besuchen ganztags eine Kita. Der Anteil hat sich seit Einführung der Kostenfreiheit kaum geändert. Die Bertelsmann-Stiftung fordert eine Abschaffung der Bedarfsprüfung, um mehr Kinder in die Ganztagsbetreuung zu bekommen.

Mitarbeit: Florentine Anders