Abgeordnetenhauswahl

Berliner Grüne kämpfen gegen die Plastiktüte

Die Berliner Grünen haben im Wahlkampf Unterstützung von ihrem Bundeschef erhalten. Cem Özdemir verteilte auf einem türkischen Markt in Neukölln Papiertüten und Stoffbeutel an Händler und Kunden.

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Grüne Botschaft in Neukölln. Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, hat am Dienstag für einen umweltbewussten Einkauf geworben.

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Der Neuköllner Wochenmarkt liegt an diesem Dienstagmittag in der Sonne, die Besucher sind zahlreich gekommen. Am Maybachufer riecht es nach frisch gebackenen Fladenbroten, nach Oregano und Rosmarin. Berliner schieben sich an den Ständen vorbei, feilschen um Preise für Tomaten oder Oliven. Frauen mit Kopftüchern, viele Touristen und Studenten, die gehört haben, dass es hier besonders gute Döner oder Couscous-Bällchen gibt.

Auch Cem Özdemir ist gekommen – aber nicht, um einzukaufen, sondern um Ökobeutel zu verteilen. Um den Grünen-Politiker versammeln sich immer mehr Marktbesucher. Den Bundesvorsitzenden der Grünen, den kennen sie hier nicht nur aus dem Fernsehen, sondern auch aus der Nachbarschaft – seit einigen Jahren wohnt Özdemir mit seiner Frau am Kottbusser Tor.

Zufall ist es sicher nicht, dass die Grünen genau den Ort aufsuchen, an dem Thilo Sarrazin vor zwei Wochen verjagt wurde. Die Journalisten Güner Balci war kürzlich für das ZDF-Magazin „Aspekte“ mit dem ehemaligen Berliner Finanzsenator nach Kreuzberg gegangen, um dort mit Migranten über dessen umstrittenes Buch „Deutschland schafft sich ab“ zu sprechen. Auf dem Markt am Maybachufer wurde Sarrazin ausgebuht und beschimpft, der SPD-Politiker und die Journalistin brachen die Dreharbeiten ab.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir weiß, dass ihm das nicht droht. Als er von Stand zu Stand zieht, diskutiert er auf Türkisch. Viele Händler genießen die Aufmerksamkeit, die meisten sagen, dass sie Özdemir mögen. An diesem Tag ist er, wenn man so will, der Anti-Sarrazin.

Stolz winkt er mit einem großen Stoffbeutel. „Den habe ich kürzlich aus meiner Heimat mitgebracht“, sagt Özdemir. Schon in den 80er-Jahren sei er damit einkaufen gegangen. Mehrere Hundert umweltfreundlicher Einkaufsbeutel will er deshalb nun verteilen. Zu viel Kunststoff, mahnt er, sei schädlich für die Umwelt. „Auf der Welt wurden bereits so viele Plastiktüten hergestellt, dass die Erde sechs Mal damit eingepackt werden könnte“, sagt er. Das Verhältnis von Plankton und Plastik in den Ozeanen liege mittlerweile 60 zu 1. Wenn jeder seinen Stoffbeutel zum Einkauf mitbringe, sei schon sehr viel getan. Zu Özdemirs Linken steht Turgut Altug, ein kleiner Mann mit langem Haar. Er nickt kräftig, wenn der Bundesvorsitzende gegen Plastiktüten kämpft. Altug hat die erste Umweltorganisation für Migranten gegründet, im Wahlkampf buhlt er um Erststimmen. Auch Toleranz ist sein Thema, „Kreuzberg für alle“ lautet sein Slogan.

Eine Tübinger Touristin findet die Aktion toll. „Wir haben einen grünen Bürgermeister, bei uns in der Stadt ist der Einkauf mit Jutebeutel selbstverständlich“, sagt sie. Auch Anna Morris, Mitarbeiterin von „Ärzte ohne Grenzen“, befürwortet Özdemirs Engagement. „In Eritrea sind Plastiktüten seit zehn Jahren verboten“, sagt sie. Zu viele Kamele, Schafe und Ziegen seien am Kunststoff verendet, seither erließen immer mehr afrikanische Länder solche Gesetze.

Doch nicht alle Gemüsehändler sind so begeistert über die Stoffbeutel. Özdemir ist inzwischen bei Engin Camaslioglu angekommen. Die Plastiktüten, sagt Camaslioglu, kosten im Einkauf ein Cent pro Stück, Öko-Beutel seien viel teurer. „Wenn ich den höheren Preis an die Kunden weitergebe, gehen sie woanders einkaufen.“ Sein Kollege findet, dass es in Neukölln drängendere Probleme gibt. Es müsse mehr Arbeitsplätze für Migranten geben. „Wir haben so viele Schulabbrecher, weil die Jugendlichen keine Perspektive sehen“, sagt er. „Herr Özdemir, da müssen Sie mehr für die Türken tun“, fordert er. Dann geht er, ohne Stoffbeutel.