Fluglotsenstreik

Airlines stellen vorsorglich Flugpläne um

Dürfen die Fluglostsen streiken? Diese Frage beschäftigte die Gerichte bis tief in Nacht. Solange konnten Flughäfen und Airlines nicht warten und hatten längst Ersatzflugpläne erarbeitet.

Foto: Michael Brunner

Die ersten Anfragen ließen nicht lange auf sich warten. Kurz nachdem bekannt wurde, dass die Fluglotsen erneut mit Streik drohen, standen gestern Morgen schon verunsicherte Passagiere an den Informationsschaltern am Flughafen Tegel. „Leider können wir immer nur die gleiche Auskunft geben: Wir wissen auch noch nicht, ob die Flüge ausfallen“, sagt Servicekraft Evren Tasci. Die Mitarbeiter dort sind die ersten Ansprechpartner, wenn es um Ankunfts- und Abflugzeiten geht – oder um die Frage, ob die Maschinen überhaupt starten.

Zunächst war unklar, ob die Fluglotsen ihren angekündigten Streik durchsetzen und den Flugverkehr am heutigen Dienstag zwischen 6 und 12 Uhr lahmlegen. Am späten Nachmittag hatte das Arbeitsgericht in Frankfurt zwar den Streik erlaubt, die Flugsicherung hatte aber sofort die Berufung gegen die Entscheidung angekündigt. Ungeachtet dessen mussten alle Vorbereitungen für den Notstand an den Flughäfen anlaufen.

Für den 26-jährigen Tasci und seine Kollegen wäre es auf jeden Fall eine Extremsituation. Seit zwei Jahren arbeitet er als Servicekraft am Flughafen. Das Personal am Infoschalter spürt die Auswirkungen der Fluglotsendrohung als Erstes. Die Passagiere wollten eben so früh wie möglich wissen, ob sie ihre Reise antreten können, sagt Tasci. Oder eben nicht. Ein Streik, sagt der 26-Jährige, sei immer extrem unangenehm. „Es gibt auch Passagiere, die ihre Wut dann an uns auslassen“, so Tasci. Dabei könne das Infopersonal doch auch nichts für gestrichene Flüge und verspätete Maschinen. Auch am heutigen Dienstag könnte es für Tasci und das Servicepersonal unangenehm werden: Reisende, die einen Flug antreten wollen, müssen sich auf Chaos an den beiden Berliner Flughäfen einstellen. In der Streikzeit von 6 bis 12 Uhr werden laut Flughafengesellschaft allein in Berlin 230 Flüge unmittelbar betroffen sein. Es ist aber damit zu rechnen, dass es auch nach Ende des Streiks im Verlauf des gesamten Tages zu Unregelmäßigkeiten im Flugplan kommt. 40000 Passagiere müssen sich in Berlin auf starke Verspätungen einstellen. Vor allem innerdeutsche Flüge werden, wenn möglich, auf die Bahn verlegt.

Rettungsflüge sind gesichert

Lediglich ein Notdienst wird von den Fluglotsen abgesichert. Not- und Rettungsflüge sowie Flüge von Regierungs- und Militärflugzeugen oder Organtransporte können stattfinden. Auch Polizeieinsätze per Hubschrauber sind abgesichert. Urlauber und Geschäftsreisende jedoch müssen warten.

Die Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld haben sich auf den angekündigten Streik vorbereitet. Zusätzlich zu den Mitarbeitern am Informationsschalter sollen mobile Serviceteams im Einsatz sein. „Die Mitarbeiter laufen als Ansprechpartner über den Flughafen, verteilen Getränke und auch kleine Spiele, um den Kindern die Wartezeit zu vertreiben“, sagt Leif Erichsen, Sprecher der Berliner Flughäfen. Um lange Wartezeiten zu vermeiden rät Erichsen, sich vorab im Internet über die Abflugzeiten zu informieren.

Auch die Reiseveranstalter haben sich auf den Streik eingestellt. Viele haben Flüge vorverlegt oder nach hinten verschoben, damit sie nicht in die Streikzeit fallen. Für den Flughafen Tegel haben die Airlines für fünf Flüge Ausnahmegenehmigungen vom Nachtflugverbot beantragt, um noch vor 6 Uhr abheben zu können. Der Reiseveranstalter TUI hat für den Notfall bereits einen Ersatzflugplan erstellt. Alle bundesweit betroffenen 145 Flüge wurden verlegt. „Wir versuchen, alle Reisenden persönlich zu kontaktieren“, sagt Anja Braun, Sprecherin von TUI. Alle Kunden sollen zu ihrem Urlaub kommen, verspricht Braun. Kein Flug werde ausfallen. Die Abflugzeiten würden sich etwa um zwei Stunden verschieben. Auf der Internetseite des Reiseunternehmens gibt eine Service-Hotline für Fragen rund um den Streik. Sollte es nicht zum Streik kommen, bleibt der Ersatzflugplan in weiten Teilen bestehen. Reisende sollten sich im Internet über Änderungen informieren.

Ein Krisenszenario gibt es auch bei den Fluggesellschaften. Air Berlin will im Notfall mehr Personal einsetzen. „Wir arbeiten mit den Servicemitarbeitern vom Flughafen zusammen“, sagt Silke Manitz von Air Berlin. Wenn es zu größeren Verspätungen kommen sollte, würden Verpflegungsgutscheine verteilt.

Die Deutsche Bahn hat bereits angekündigt, auf den Streik der Fluglotsen flexibel zu reagieren. „Wir setzen dann mehr Züge und auch mehr Personal ein“, sagte ein Bahnsprecher. Betroffen wäre davon vor allem die ICE-Flotte, die im Fernverkehr eingesetzt wird. „Wir sind im ständigen Gespräch mit den Fluggesellschaften“, so der Bahn-Sprecher weiter.

„Es tut uns leid, dass in diesem Streit die unbeteiligten Fluggäste betroffen sind, aber auch die Fluglotsen müssen wie jeder Werksmitarbeiter das Recht haben, zu streiken“, sagt Roman Glöckner von der Gewerkschaft der Flugsicherung. Bei dem Tarifstreit geht es weniger um das Gehalt als um die Arbeitsbedingungen. Die Deutsche Flugsicherung will höhere Gehälter an die Zusage knüpfen, dass die Flugloten im Jahr bis zu 250 Überstunden leisten. Bisher sind es 150 Überstunden, die Gewerkschaft will die Zahl auf 80 verringern.

Verständnis für ihre Forderungen können die Fluglotsen vom Servicepersonal am Flughafen Tegel nicht erwarten. „In dieser Gehaltsklasse ist ein Streik schwer zu vermitteln“, sagt Tasci. Im letzten Jahr hat er selbst miterlebt, wie ungehalten Passagiere bei einem Streik reagieren können. „Für uns sind das keine einfachen Arbeitstage“, sagt er. Zumal der ganze Tag bei einem Streik chaotisch sei. Bis der Flugverkehr wieder planmäßig funktioniert, dauert es oft bis zum Abend, sagt Tasci. Sollten die Fluglotsen ihre Drohung wahr machen, können sich die Mitarbeiter am Flughafen Tegel heute auf lange Schlangen und genervte Passagiere einstellen. Auch Evren Tasci wird wieder am Infoschalter sitzen und hoffentlich mehr sagen können. Er muss den Überblick behalten „Es wird auf jeden Fall nicht lustig“, sagt Tasci.