Ein Streik der Fluglotsen kann nach Aussage von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer noch abgewendet werden. Seit zehn Uhr verhandele die Fluglotsengewerkschaft GdF wieder mit der Deutschen Flugsicherung über einen Tarif-Kompromiss, sagte Ramsauer am Mittwoch. „Ich gehe mit einer Wahrscheinlichkeit von deutlich über 50 Prozent davon aus, dass wir heute Abend auch ein für beide Seiten tragfähiges Ergebnis haben werden.“
Er sei von Anfang an der Auffassung gewesen, dass ein Streik der Fluglotsen verhindert werden müsse, da die halbe deutsche Volkswirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Bereits bei der jüngsten Gesprächsrunde der Streitparteien am Freitag seien 29 von 30 Streitpunkten geklärt gewesen. Deshalb seien die Chancen auf eine Einigung gut.
Ramsauer hatte sich erst am Montag offiziell in den seit Jahresbeginn schwelenden Tarif-Clinch eingeschaltet und beiden Seiten einen letzten Vermittlungsversuch abgerungen. Bei den Gesprächen, die in Frankfurt stattfinden, ist neben dem Schlichter Volker Rieble auch Rainer Bomba, Staatssekretär im Verkehrsministerium, dabei. Die Flugsicherung gehört dem Bund.
Für den Fall eines Scheiterns droht die GdF mit Streiks noch in dieser Woche. Allerdings wollen die Lotsen den Arbeitsausstand 24 Stunden vorher ankündigen.
Ein Streik der Fluglotsen in Deutschland hätte gravierende Folgen: „Wenn man mal so einen 24-Stunden-Streik nimmt, dann wären rund 300.000 Passagiere davon betroffen“, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Klaus-Peter Siegloch, am Mittwoch im ARD-„Morgenmagazin“. Nicht nur Passagiere in Deutschland wären betroffen. „Wenn jemand zum Beispiel von Moskau nach London fliegen will, dann müsste er an so einem Streiktag einen großen Bogen um Deutschland machen.“
Das Einspringen militärischer Fluglotsen sei in Deutschland nicht möglich, da sie ebenfalls Angestellte der Deutschen Flugsicherung (DFS) seien und damit auch ein Streikrecht hätten, sagte Siegloch. Möglich seien bei einem Streik nur noch Rettungsflüge und militärische Flüge. Diese würden dann von einem Notdienst gelotst.
Die DSF versuchte am Mittwoch erneut, mit der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) zu einer Tarifeinigung zu kommen, um einen Streik zu verhindern. Die GdF hatte sich am Montag zwar schon für Arbeitskampfmaßnahmen in dieser Woche ausgesprochen, sich aber zu einem letzten Gespräch unter Beteiligung des Schlichters Volker Rieble und des Staatssekretärs aus dem Bundesverkehrsministerium, Rainer Bomba, bereit erklärt.
Der Tarifkonflikt hatte sich Anfang August zugespitzt – die Fluglotsen wollten zwei Mal einen kompletten Vormittag lang den Flugverkehr lahmlegen. Die Arbeitsniederlegungen wurden jedoch beide Male kurz vorher verhindert. Durch die Streiks standen jeweils bis zu 2500 Flüge auf der Kippe, bis zu 400.000 Passagiere wären gestrandet.
Die Fluglotsen fordern von der DFS eine Gehaltserhöhung um 6,5 Prozent über zwölf Monate. Das Unternehmen bietet eine Erhöhung der Tarifgehälter ab 1. August um 3,2 Prozent plus eine sofortige Einmalzahlung in Höhe von 0,8 Prozent des Bruttojahresgehalts. Ab 1. November 2012 würden die Gehälter um weitere zwei Prozent, mindestens aber in Höhe der Inflationsrate steigen.
Den Fluglotsen geht es nicht nur ums Geld. Sie wollen auch auf einige ihrer Ansicht nach grundsätzliche Probleme aufmerksam machen: Aufgrund eines systematischen Personalmangels müssten sie viel zu viele Überstunden machen. Eines Tages könnte das auf Kosten der Sicherheit gehen, warnt die GdF. In Deutschland arbeiten nach Gewerkschafts-Angaben etwa 5500 Beschäftigte bei der Flugsicherung, davon 2400 Fluglotsen.
AFP/dpa/Reuters/cb




