Leergut

Pfandflaschen sammeln für den Lebensunterhalt

Egal ob Rentner oder Studenten: Immer mehr Berliner machen sich auf die Suche nach Pfandflaschen. Viele sind auf das Geld angewiesen. Im Internet gibt es jetzt sogar ein Portal, das Sammler vermittelt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Täglich von 14 bis 17 Uhr verengt sich der Blickwinkel von Herman Zacharias (Name geändert) auf Wegwerfer und Sammler. Seine stahlblauen Augen scannen den Görlitzer Park, er bleibt stehen, bückt sich unter einen Busch, dort wo das grüne Glas leuchtet. Zacharias greift sich die Bierflaschen, schiebt sie in den karierten Trolley, den er hinter sich herzieht. Seit drei Jahren geht Zacharias auf Pfandtour. Wie ein typischer Flaschensammler sieht der 60-Jährige nicht aus. Er trägt weißes Polohemd, eine dunkelblaue Sommerjacke – nur die Zahnlücken deuten darauf hin, dass das Geld knapp ist.

Mit dem Flaschenpfand bessert sich der Frührentner sein Einkommen auf. Wie viel er verdient, warum er in Frührente ist, darüber will er nicht reden. Würdelos findet er seine jetzige Arbeit nicht. Für ihn sei die Tour eine Art Therapie, ein Rhythmus, der seinen Alltag taktet, sagt er.

Zacharias ist einer von vielen Hundert Flaschensammlern in Berlin. Sie streifen durch Parks oder U-Bahn-Schächte. Viele sind nachts unterwegs, warten vor Diskotheken, wo Feiernde sich vor dem Einlass schnell noch der Bierflasche entledigen.

Sabine Werth kennt viele, die auf den kleinen Zuverdienst angewiesen sind. Die 50-Jährige ist Vorsitzende der Berliner Tafel, sie arbeitet mit Menschen, die sich ihre Rente mit dem Pfanderlös aufbessern oder kleine Träume davon erfüllen. Laut Werth werden es immer mehr. "Das Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr auf die Ärmsten der Gesellschaft", sagt sie. Inzwischen gebe es sogar Hoheitsgebiete, in Brennpunktvierteln versuchten Pfandsammler, ihr Revier abzustecken. In armen Teilen von Neukölln oder Wedding gebe es keinen Mülleimer, der nicht umkämpft sei.

Skulpturen stehen in Parks

Die studierte Künstlerin Steffi Stangl will für das Problem sensibilisieren, dass zunehmend Menschen in der Stadt darauf angewiesen sind, Flaschen zu sammeln. Die 35-Jährige hat daher ein Kunstprojekt geschaffen. Sechs ihrer Skulpturen sind in Parks und auf belebten Plätzen bis Ende August zu sehen: Pfandflaschenstationen hat Stangl sie genannt. Spiralförmige dreibeinige Metallgestelle, 1,20 Meter hoch. An ihnen können mehrere Dutzend Flaschen an Zylindern aufgehängt werden. Die Skulpturen sollen ein Mahnmal für die Hunderten Berliner Pfandflaschensammler sein, sagt Stangl. Sie wünscht sich, dass die Menschen kurz stehen bleiben und nachdenken.

Stangl studierte Bildhauerei in Weißensee, lehrte als Gastprofessorin an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Stangl präsentiert die Skulpturen im Rahmen des Projekts "Über Lebenskunst", das die Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit dem Haus der Kulturen organisiert. "Das Phänomen des Pfandflaschensammelns ist auch so spannend, weil es so etwas wie die minimale Schnittfläche von Haben und Nicht-Haben ist. Beide Seiten treffen hier aufeinander." Soll heißen: Der Habende besitzt die Flasche, auf deren Rückgabe er finanziell nicht angewiesen ist, der Sammelnde finanziert damit zu Teilen seinen Lebensunterhalt. Viele Berliner, die unterwegs aus Flaschen trinken, stellen diese bewusst an zentralen Punkten ab – mit gutem Gewissen. Schließlich bleiben die Flaschen dort nicht lange stehen, werden vielmehr rasch eingesammelt – und das macht demjenigen, der sie findet, eine Freude.

Für diese Art der Hilfe muss der Spender sich nicht aufraffen, wie etwa beim Kauf einer Obdachlosenzeitung oder einer Überweisung an eine wohltätige Organisation.

Plattform zum Leergut spenden

Auch ein anderes Projekt hat sich des Themas angenommen. Studenten haben eine Plattform erfunden, um Flaschensammlern den Griff in den Mülleimer zu ersparen. Pfandgeben.de heißt die Website. Darauf erfahren Menschen, die ihr Leergut spenden wollen, die Handynummern von Sammlern. Nach der Terminvereinbarung folgt die Selbstabholung.

So wie an diesem Nachmittag in Prenzlauer Berg. Student Hans Jakob Rausch (26) wartet vor der Eingangstür. Um 16.30 Uhr hält auf der Straße ein dunkelgrüner BMW. Klaus steigt aus, ein 50 Jahre alter Frührentner, er hat blaue Ikeataschen dabei. "Bin ich hier richtig zum Flaschenabholen?" Rausch nickt. Wie Klaus will auch sein Begleiter Wolfgang, 67, seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen. Wolfgang gehört das Auto, das hat er heute zum Flaschentransport bereitgestellt. Die beiden haben Glück: Oben im zweiten Stock haben sich bei der letzten Feier mehr als hundert Flaschen Leergut angesammelt. Eine Beute, mit der Klaus leben kann: "Zwar nicht so gut wie vorgestern, aber 15 Euro sind das bestimmt. Da lohnt sich der Weg."

Berliner Studenten gründeten die Website erst vor Kurzem, inzwischen gibt es das Angebot in fünf weiteren Städten. Klaus, der im Internet jedem seine Handynummer verrät, doch niemandem seinen Nachnamen, eröffnet das Angebot eine kleine Einnahmequelle: "Ich habe bereits einen Kontakt zu einer Firma, bei der ich jetzt alle zwei Wochen regelmäßig die Flaschen abhole." Und es bewahrt ihn vor der Scham-Falle, wie er sagt: "In meinem eigenen Bezirk zu sammeln, ist unangenehm, weil mich dort viele kennen. Hier ist es anonymer." So bessert sich der Frührentner, der vorher ein Lokal betrieb, seinen Lebensunterhalt auf. Denn mit 705 Euro Grundsicherung und Rente sowie den steigenden Wohnungspreisen sei finanziell für ihn nur das Nötigste drin.

Grundsicherung plus Pfanderlös

Auch Sabine Werth bestätigt, dass es zunehmend Frührentner gibt, die aufgrund ihrer vorigen Arbeitslosigkeit nur noch die Grundsicherung bekommen und deshalb auf soziale Unterstützung und alternative Einnahmequellen angewiesen seien. Sie blickt aber mit Skepsis auf das neue Internetangebot. "Für die Berliner Tafel könnte das Angebot zu einem Verlust der Spenden führen", fürchtet sie. Denn womöglich verzichteten Spender in Zukunft auf das Angebot der sogenannten Pfandboxen, in denen in vielen Supermärkten Pfandbons zum wohltätigen Zweck gesammelt werden. "Ich denke nicht, dass dieses Angebot verhindert, dass die Sammler im Müll suchen. Denn die Menschen, die ihre Flaschen in Mülleimer werfen, wird es weiterhin geben – das sind nicht die potenziellen Spender", sagt Werth. Außerdem stelle sich die Frage, inwiefern die Sammler überhaupt im Internet aktiv sind.

Hermann Zacharias zumindest, der seine Pfandtour durch den Görlitzer Park pünktlich um 17Uhr beendet, hat von der Internetseite noch nichts gehört, er sammelt ganz klassisch. Seine Welt ist der Görlitzer Park. Täglich von 14 bis 17Uhr, in der sich alles um die Wegwerfer und Sammler dreht.

Die Ausstellung der Künstlerin Steffi Stangl wird an unterschiedlichen Orten in der Stadt gezeigt: Zunächst am Volkspark am Weinberg in Mitte (bis 24. Juli 2011), dann im Monbijoupark (28. Juli bis 31. Juli), Humboldthain (4. bis 7. August) und schließlich im Görlitzer Park (während des Festivals "Über Lebenskunst" vom 17. bis 21. August 2011).

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