Armut in Berlin

Neukölln-Nord ist das Elendsviertel der Stadt

Die Berliner Innenstadt teilt sich in Arm und Reich. Zu diesem dramatischen Fazit kommt die Humboldt-Universität, die jetzt ihr zweites Neukölln-Gutachten vorgelegt hat. 70 Prozent der Kinder, die in dem Bezirk leben, gelten als arm: „Eine bedrohliche Situation", so die Studie. Bezirksbürgermeister Buschkowsky stellt Forderungen.

Foto: ddp / DDP

Die sozialen Zustände im Berliner Stadtteil Neukölln-Nord verschlechtern sich dramatisch. Das belegt das im Rathaus Neukölln vorgelegte zweite „Neukölln-Gutachten“ der Berliner Humboldt-Universität (HU). Neukölln-Nord koppele sich ab, sagte Hartmut Häußermann, HU-Professor für Stadtentwicklung.

Im sozialen Brennpunktgebiet gebe es mehr Arbeitslose und Migranten als in anderen Stadtteilen. Hier lebten 4,6 Prozent der Berliner Bevölkerung, aber 7,6 Prozent aller Arbeitslosen, 14,5 Prozent aller ausländischen Arbeitslosen und 7,1 Prozent aller Berliner Langzeitarbeitslosen.

In der Stadt fände eine Zweiteilung statt, sagte Häußermann weiter. Während innerstädtische Altbaugebiete wie Kreuzberg, Schöneberg und der südliche Tiergarten sich sozial positiv entwickelten, verdichteten sich die Problemlagen in Neukölln-Nord, aber auch im Wedding und in Tiergarten-Moabit. Häußermann meinte, so wie es mit Kreuzberg bergauf ginge, gehe es mit Neukölln bergab. „Die Armen schwappen hier rüber.“ Neukölln übernehme stellvertretend die Probleme Berlins, sagte Häußermann. „Damit steht der Bezirksbürgermeister nun da, kann es aber nicht lösen.“

Der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sagte zu den Daten, die selbst heilenden gesellschaftlichen Mechanismen griffen nicht mehr. Die Studie liefere „hard facts“. „Nun kann niemand mehr behaupten, Neukölln kokettiere und suhle sich in seinem Elend. Die Politik muss hier endlich eingreifen.“ Wie es in der Untersuchung heißt, habe die Kinderarmut in Neukölln-Nord mit über 70 Prozent bedrohliche Dimensionen erreicht. Fast drei Viertel aller Kinder lebten hier in Haushalten, die soziale Zuwendungen erhielten.

Buschkowsky setzt bei der Bildungspolitik an. Die Kinder müssten aus ihren Familien raus. „In einer Zwei-Zimmer-Wohnung, wo noch acht Geschwister wohnen, kann kein Schüler seine Hausaufgaben vernünftig machen“, sagte Buschkowsky. Deshalb wolle er alle 19 Grundschulen in diesem Stadtteil in Ganztagsschulen umwandeln. Der Bürgermeister nannte konkrete Zahlen: „Ich benötige fünf Millionen Euro, um die Schulen umzubauen und jährlich sechs Millionen Euro für laufende Kosten. Das sollte es der Landespolitik wert sein.“

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