Zwischenbilanz

Sommer ist für Berlins Bäder "eine Katastrophe"

Sommer 2011 in Berlin: Es ist kühl, stürmt und regnet oft. Den Berliner Bäder-Betrieben droht der nasse Juli gerade die Bilanz zu verderben. Noch dazu hat der Senat Kürzungen angekündigt. Bäder-Chef Lipinsky über das Wetter, geschlossene Hallen und fehlendes Geld.

Foto: M. Lengemann

Morgenpost Online: Herr Lipinsky, Finanzsenator Nußbaum (parteilos) will die jährlichen Zuschüsse für die Bäderbetriebe kürzen. Was bedeutet das für Sie?

Klaus Lipinsky: Das wäre schwierig für uns. Wir sind davon ausgegangen, dass wir die fünf Millionen, die wir seit dem vergangenen Jahr zusätzlich bekommen, um den Instandhaltungsstau abzubauen, auf Dauer erhalten. Nicht nur für 2010 und 2011. Nun müssen wir erst einmal schauen, ob diese Haushaltspläne so bleiben. Das neue Abgeordnetenhaus wird darüber ja auch noch beraten. Man soll ja nicht zu früh in Panik geraten.

Morgenpost Online: Was wären die Folgen, sollte das Geld Ihnen wirklich gekürzt werden?

Klaus Lipinsky: Wir machen gerade eine Bestandsaufnahme, was im Rahmen der bisherigen Förderprogramme bereits erledigt und was noch übrig ist. Außerdem kommen auch immer neue Maßnahmen hinzu, Instandhaltung ist schließlich ein andauernder Prozess. 2006 haben wir einen Sanierungsbedarf von 61 Millionen Euro festgestellt. Daraufhin kam das Instandhaltungsprogramm mit 50 Millionen Euro. Das konnte also schon mal nicht reichen.

Morgenpost Online: Dann gab es weitere Förderprogramme...

Klaus Lipinsky: Mit dem UmweltentlastungsprogrammII sollten Maßnahmen im Kombibad Spandau-Süd finanziert werden, in der Finckensteinallee und in der Schwimmhalle Buch. Diese energetischen Sanierungsmaßnahmen wurden zu 80 oder 90 Prozent gefördert, da brauchte man also ergänzende Mittel. Die haben wir aus dem Instandhaltungsprogramm genommen. Und das Geld aus dem Konjunkturpaket war auch nur für zusätzliche energetische Maßnahmen. Alles in allem: Es fehlt weiter Geld zur Instandhaltung.

Morgenpost Online: Sind Projekte komplett gefährdet, wenn Ihnen die Zuschüsse gekürzt werden?

Klaus Lipinsky: Es gibt zwei konkrete Beispiele. Das eine ist die Schwimmhalle Buch, das andere die in der Thomas-Mann-Straße in Prenzlauer Berg. Die in Buch sollte mit dem Umweltentlastungsprogramm saniert werden. Aber das mussten wir verschieben, weil wir nicht genügend eigene Mittel haben, um die Fördermittel zu beantragen. Die Sanierung der Schwimmhalle Thomas-Mann-Straße sollte aus dem Förderprogramm Investitionspakt bezahlt werden. Aber dann gab es Schwierigkeiten mit dem Eigentumsrecht für das Grundstück. Das hat sich jetzt geklärt. Aber die eingeplanten Mittel wurden mittlerweile anderswo verbaut, sie waren zeitlich gebunden. Das heißt, für die Thomas-Mann-Straße fehlt jetzt Geld.

Morgenpost Online: Das Bad bleibt geschlossen?

Klaus Lipinsky: Wir hatten erst geplant, nach und nach Teile zu sanieren. Anfang des Monats haben wir aber festgestellt, dass ein neues Dach auf einer maroden Fassade Quatsch ist. Wir brauchen eine Grundsanierung rund herum. Aber dafür fehlt derzeit das Geld.

Morgenpost Online: Bringen die energetischen Sanierungen die Einsparungen für laufende Kosten, die Sie sich vorgestellt hatten?

Klaus Lipinsky: Sie bringen die geplanten Einsparungen an Energie und an Wasser. Teilweise werden diese aber wieder durch Preissteigerungen aufgebraucht. So bleibt es am Ende oft ein Nullsummenspiel, bei dem man die Kosten nur halten, aber nicht senken kann. Aber hätten wir nicht saniert, bräuchten wir noch mehr Geld.

Morgenpost Online: Vergangenes Jahr wurden die Chefs der landeseigenen Betriebe für ihre hohen Gehälter kritisiert. Wird Ihr Gehalt jetzt gekürzt?

Ich war in der Aufstellung am unteren Ende der Skala, nur der Zoodirektor verdient noch weniger. Aber gekürzt wird mein Gehalt nicht wieder. Ich habe einen Vertrag mit einer bestimmten Laufzeit, der feststeht. Ich muss aber dazu sagen, dass ich seit zehn Jahren da bin und in der ganzen Zeit keine Gehaltssteigerung bekommen habe.

Morgenpost Online: Wie wirkt sich denn das schlechte Wetter auf die Bäderbetriebe aus?

Klaus Lipinsky: Das Wetter ist eine Katastrophe. Wir haben bis Mitte dieses Monats bisher gut 30 Prozent des Vorjahresumsatzes zur gleichen Zeit erzielt. Allerdings war der Juli 2010 mit mehr als einer Million Besuchern sehr stark. Bisher haben wir 54 Prozent dessen erwirtschaftet, was wir uns für diese Saison vorgenommen haben. Gut lief der Mai mit einem Besucherplus von 35 Prozent – vor allem, weil wir die Schwimmhallen länger am Netz gelassen haben. Trotzdem: Die Einnahmen werden uns fehlen. Hoffentlich wird der August wenigstens so heiß wie der Juli 2010.

Morgenpost Online: Wie drückt sich das Wetter in Zahlen aus?

Klaus Lipinsky: Wir haben für alle Bäder zusammen im Juli knapp zwei Millionen Umsatz geplant, aber liegen bei 700000 Euro.

Morgenpost Online: Warum kann man bei schlechtem Wetter nicht einfach ein Freibad schließen und dafür ein Hallenbad öffnen?

Klaus Lipinsky: Wir prüfen gerade, ob wir Hallenbäder früher aus der Schließzeit nehmen können. Das ist nicht so einfach, denn jetzt finden die vorgeschriebenen Reinigungs- und Wartungsarbeiten statt, die Becken stehen also ohne Wasser da. Einfach Halle und Freibad gleichzeitig zu öffnen geht schon wegen der Personalsituation nicht. Und ich gebe Ihnen Brief und Siegel: Wenn wir die Hallenbäder früher öffnen, kippt drei Tage später das Wetter, und alle Leute fragen, warum das Freibad zu ist.

Morgenpost Online: Was ist, wenn der Hochsommer ausbleibt?

Klaus Lipinsky: Viele Angestellte bummeln derzeit schon ihre Überstunden ab. Aber trotzdem: Auch wenn ein Bad kaum besucht wird, die Kosten laufen weiter, man kann nicht einfach ein paar Tage zumachen. Das Wasser muss permanent aufbereitet werden, sonst ist es nicht mehr benutzbar. Es muss jemand da sein, damit niemand über den Zaun steigt und Blödsinn macht, die Personalkosten bleiben gleich. Zumachen geht also nicht, außerdem haben wir Stammkunden, die auch bei diesem Wetter jeden Morgen vor der Tür stehen.

Morgenpost Online: Sind Sie dem Wetter ausgeliefert?

Klaus Lipinsky: Wir überlegen gerade für nächstes Jahr ein neues Konzept, um dem launischen Wetter zu begegnen. Dafür bieten sich die vier Kombi-Bäder an. Spandau-Süd, Gropiusstadt, Seestraße und Mariendorf. Da gibt es eine Halle und ein Außenbecken, und diese Bäder möchte ich im nächsten Jahr gern parallel offen halten. Dann ist das Personal an einer Stelle, und man kann für alle Wetterlagen gewappnet sein.

Morgenpost Online: Gelegentlich kommt es in Bädern zu Rangeleien. Als Anti-Aggressions-Projekt haben Sie die Aktion „Cool am Pool“ eingeführt. Haben die neuen Konflikt-Lotsen bei so wenig Besuchern zurzeit überhaupt zu tun?

Klaus Lipinsky: Bisher nicht viel. Wir sind aber froh, dass wir das Projekt haben. Wir haben allerdings überhaupt nicht so viele Gewalttaten, wie es immer heißt. Das ist ein falsches Image, das 2010 entstanden ist. Aber wir gehen mit den Konflikt-Lotsen generell nun einen neuen Weg. Wir haben weniger Sicherheitsdienst und auch nicht mehr so bullige Typen. Wenn Muskelpakete herumlaufen, dann denken alle, hier muss es ja gefährlich sein. Es gibt jetzt einen kleineren Sicherheitsdienst und gut geschulte Konflikt-Lotsen, die vermitteln und deeskalieren. In diesem Jahr haben wir – auch an den wärmeren Tagen – noch keinen Polizeieinsatz gehabt.