Besuch

Touristen lieben Berlin trotz Kälte und Regen

Regen, Regen und wieder Regen: Nein, das ist kein Sommer, wie ihn sich Berlin-Touristen erträumen. Doch ein Trip durch die Hauptstadt zeigt, dass die meisten Besucher das Schmuddelwetter gern in Kauf nehmen und Berliner von dieser Einstellung noch so einiges lernen können.

Foto: David Heerde

Der Wind pfeift durch die Straßen, der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt. Wo bleibt der Sommer? Der lässt zurzeit Berliner und Hauptstadt-Touristen im Stich. Doch während die einen jammern und meckern, gehen die anderen lächelnd ins Museum oder shoppen. Und kaum dringen ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke, sind sie die ersten, die Strandbars, Freizeitbäder und Liegewiesen bevölkern.

Bundespressestrand: Das Schilf weht im Wind, die Strandbar wirkt ausgestorben. Es ertönt keine Musik, niemand sitzt an den Biertischen, und die Volleyball-Felder sind verlassen. Nur drei Personen haben sich her verirrt: Eine Familie aus Nantes. Sie hat es sich trotz des eisigen Windes in den blau-weiß gestreiften Liegestühlen bequem gemacht und wartet geduldig auf Sonnenstrahlen. „Wenn wir schon Pech mit dem Wetter haben, müssen wir wenigstens das Beste draus machen“, sagt Hugo (24), der mit seinen Eltern das Wochenende über in Berlin verbringt. Dass sie die einzigen Gäste am Bundespressestrand sind, stört sie nicht. „Dafür haben wir freie Platzwahl“, sagt Hugo. Um sich aufzuwärmen, haben sie statt Cocktails Espresso bestellt.

Potsdamer Platz Arkaden: Menschenmassen schieben sich durch das Einkaufscenter. Viele sind voll beladen mit bunten Plastiktüten, einige genießen ein Eis. Aber nicht draußen, sondern drinnen. Den Chinesen Yue Shenoteng (25) hat es besonders kalt erwischt. „Ich war auf das kalte Wetter überhaupt nicht vorbereitet und musste erst mal einkaufen gehen“, sagt er und präsentiert eine schwarze Regenjacke und einen roten Pulli. „In Shanghai sind dieses Wochenende 38 Grad, in Berlin erlebe ich einen Kälteschock.“ Schwierig sei, dass das Wetter jeden Tag wechselt.

Sommerbad Kreuzberg: Die Liegewiesen sind verwaist, die wenigen Gäste laufen fröstelnd und in Handtücher eingewickelt durch das Bad, in den Becken ziehen eine handvoll Menschen ihre Bahnen. Im großen Spaßbecken mit der Rutsche schwimmen nur zwei Personen: Thomas (41) und Sohn Peter (11) aus Hamburg. „Wir haben das Becken ganz für uns allein“, freut sich Thomas. Sie toben lautstark im Wasser, spritzen sich gegenseitig nass und müssen auf niemanden Rücksicht nehmen. „Hauptsache es geht raus an die frische Luft, da ist das Wetter egal“, sagt der Hamburger. Sie könnten bei jedem Wetter ihren Spaß haben. „Das ist halt nichts für Warmduscher.“ Beide erklimmen als nächstes die Rutsche – anstehen müssen sie nicht.

Am Lustgarten: Vereinzelt lassen sich Touristen auf der Wiese nieder, einige haben Decken mitgebracht und machen nach ihren Museumsbesuchen eine Verschnaufpause. Anna (25) aus Moskau sitzt mit einem Stadtplan in der Hand auf einer Bank. Auf der Nase trägt sie eine Sonnenbrille – zum Trotz gegen den wolkenverhangenen Himmel. „Da ist ja selbst das Wetter in Moskau besser“, sagt sie. Sommerliche Temperaturen hatte sie in Berlin erwartet und deshalb nur Sandalen und T-Shirts eingepackt. „Zum Glück haben mir Freunde wetterfeste Schuhe und eine Jacke ausgeliehen.“ Ihren Trip nach Berlin wolle sich die 25-Jährige durch das schlechte Wetter aber nicht vermiesen lassen. „Es gibt hier so viele Museen, die ich alle erkunden möchte.“

Holocaust-Mahnmal: Dutzende Touristen schlendern durch die Gedenkstätte. Vor dem Eingang in das Dokumentationszentrum hat sich eine lange Menschenschlange gebildet. Auch Francesca (20) und Julio (21) aus Mailand stehen an. „Es regnet bestimmt gleich wieder, wir gehen lieber in ein Museum.“ Vier Tage lang bleiben sie in Berlin, doch ausschließlich Museen besichtigen, wollen sie nicht. „Wir würden viel lieber gemütlich die Stadt unsicher machen. Stattdessen tingeln wir von einem Café zum nächsten“, sagen sie. Regenschirme haben sie nicht dabei. „Das hat gar keinen Zweck, der Wind hat schon zwei Regenschirme zerstört.“

Pariser Platz: Gedränge am Brandenburger Tor: Touristen posieren vor dem Wahrzeichen Berlins, fahren mit Pferdekutschen und beobachten die Schausteller. Ihre Stadtpläne flattern im Wind. Ihr wichtigstes Utensil ist nicht der Fotoapparat, sondern der Regenschirm. Auch ein junges Paar aus den Niederlanden verlässt das Hotel niemals ohne. „Sicher ist sicher“, sagen Sarah (21) und Ward (22). Sie sind zum ersten Mal im Berlin. „Im Regen macht es keinen Spaß, durch die Stadt zu laufen.“ Vor allem der Freitag sei nicht schön gewesen. „Es hat geregnet, ich hatte Hunger und wir konnten den Hackeschen Markt nicht finden“, erzählt Sarah. Da half nur eins: Shopping am Alex.