Tödlich Schönheits-OP

Berliner Chirurg muss vorerst nicht ins Gefängnis

Weil eine Patientin aus der Narkose nicht mehr aufgewacht war, wurde ein Berliner Schönheitschirurg zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof in Leipzig hob das Urteil auf. Nun muss der Fall neu verhandelt werden.

Foto: H. Mollenhauer / bw photoagentur

War es ein tragisches Unglück oder doch das totale Versagen eines Arztes – auf Kosten seiner Patientin? Der Fall, der am Donnerstag in Leipzig vor dem 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes (BGH) verhandelt und nun an das Berliner Landgericht zurückverwiesen wurde, liegt schon mehr als vier Jahre zurück. Anfang März 2006 beschloss die 49-jährige Anja K., sich bei einem Berliner Schönheitschirurgen den Bauch straffen zu lassen. Sie wusste auch schon, welchen Arzt sie auswählen würde. Ihre Tochter hatte sich bei Dr. Rudi S.* einige Zeit zuvor die Brust vergrößern lassen. Und er war preiswert. Anja K. sollte 1800 Euro zahlen.

Am 30. März 2006 war ihr Termin. Die Operation dauerte etwa dreieinhalb Stunden. Gegen 12.30 Uhr gab das Überwachungsgerät jedoch plötzlich Alarm. Rudi S. gelang es zwar, die Patientin zu reanimieren. Den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge soll sie das Bewusstsein aber nicht mehr wiedererlangt haben. Was dann folgte, war Thema eines Prozesse vor dem Landgericht und nun auch vor dem BGH: Rudi S. verzichtete darauf, einen Notarzt zu alarmieren und die Patientin sofort in ein Krankenhaus mit intensivtherapeutischer Abteilung transportieren zulassen. Er wartete stattdessen fast sieben Stunden, bis er einen Krankentransport anforderte. Mit dem Hinweis an die Sanitäter, die Patientin sei „jederzeit weckbar“.

Tatsächlich befand sie sich, wie Ärzte des Wilmersdorfer Sankt-Gertrauden-Krankenhauses in Berlin vor Gericht aussagten, „in einem komatösen Zustand“. Auch hatte Rudi S. ihren Kreislaufzusammenbruch verschwiegen und für die Krankenhausärzte keinerlei Unterlagen mitgeben. 13 Tage später starb Anja K.

„Sichere Überlebenschance“

Rudi S. weist die Schuld von sich. Er gab vor dem Berliner Schwurgericht an, dass er seit Jahren in seiner Praxis mit Ausnahme der Vollnarkose jede Betäubung selbst durchgeführt habe und auch Anja S. darüber informiert gewesen sei. Seiner Patientin sei nach der Reanimation in seiner Praxis nicht schlechter überwacht und versorgt worden als auf einer Intensivstation. Sie sei anfangs nicht transportfähig gewesen und später, nachdem sich ihr Zustand gebessert habe, auch lediglich zum Ausschlafen in die Klinik verlegt worden. Dort hätte sie seines Erachtens eine sichere Überlebenschance gehabt. Das Berliner Schwurgericht sah es anders und verurteilte Rudi S. im März 2010 wegen Körperverletzung mit Todesfolge und versuchten Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Darüber hinaus verhängte es ein vierjähriges Berufsverbot. Der Angeklagte habe viel zu viel Zeit bis zum Transport ins Krankenhaus vergehen lassen, hieß in der Urteilsbegründung. „Die Frau kam gesund in die Praxis und hat sie einige Stunden später todgeweiht verlassen.“

Die Revision hatten der Witwer als Nebenkläger, die Staatsanwaltschaft und auch Rudi S. selber eingelegt. Der 61-Jährige wies vor dem BGH bei seinem sogenannten letzten Wort wie zuvor schon im Berliner Landgericht alle Schuld in Richtung des Sankt-Gertrauden-Krankenhauses. Er sei davon ausgegangen, dass Anja K. in der Klinik korrekt weiterbehandelt werde, sagte Rudi S. „Da habe ich mich jedoch geirrt. Der zuständige Arzt war offenbar mit der schwierigen Patientin, die eine Fettembolie hatte, überfordert.“

Bereits nach der mündlichen Verhandlung vor dem BGH am Donnerstag deutete sich an, dass das Urteil des Berliner Landgerichts nicht fehlerfrei ist und der 5. Senat den Fall an eine andere Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts zur Neuverhandlung zurückgeben würde. Nun hob der Leipziger Gerichtshof das Urteil von viereinhalb Jahren Haft auf. Laut BGH wies das vorherige Urteil Rechtsfehler auf.