Kinderbetreuung

Kostenlose Plätze machen Kitas nicht attraktiv

Die vom Senat eingeführte Kostenbefreiung in den letzten Kita-Jahren vor der Schule zeigt offenbar wenig Wirkung. Der Ländervergleich der Bertelsmann-Stiftung bescheinigt Berlin bei der ganztägigen Betreuung in der Kita einen unteren Platz im Spitzenfeld.

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Knapp 60 Prozent der Berliner Kinder ab drei Jahren besuchen länger als sieben Stunden eine Kita. Das geht aus dem Ländermonitor der Bertelmann-Stiftung hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Schwerpunkt der Studie war in diesem Jahr die ganztägige Betreuung. Im Ländervergleich steht Berlin damit zwar bundesweit gut da, aber den viel beschworenen Spitzenplatz hat die Hauptstadt nicht. Im Vergleich der ostdeutschen Länder belegen Berlin und Brandenburg nur die unteren Plätze. Spitzenreiter sind mit großem Abstand Thüringen mit 90,7 Prozent und Sachsen mit 81,4 Prozent. Verändert hat sich der Anteil der ganztags betreuten Kinder in den vergangenen Jahren in Berlin kaum.

Die Beitragsbefreiung, die der rot-rote Senat seit 2007 schrittweise eingeführt hat, zeigt kaum Auswirkungen bei der ganztägigen Betreuung von Kindern in der Kita.

Migrantenfamilien ermutigen

Ziel war es vor allem, die Migrantenfamilien zu ermutigen, ihre Kinder in die Kita zu schicken. Insgesamt hat sich die Zahl der Migrantenkinder zwar leicht erhöht, aber die meisten von ihnen bleiben nur weniger als sieben Stunden in der Kita. Insgesamt liegt die Quote der Kinder ab drei Jahren mit Migrationshintergrund, die ganztags betreut werden bei 41 Prozent. Auch bei der Integration der Einwandererkinder sind einige Länder besser aufgestellt als Berlin. In Thüringen besuchen sogar 90 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien ganztags eine Kita. Und das, obwohl die Eltern dort Beiträge zahlen müssen. Auch in Sachsen gibt es kaum Unterschiede zwischen Bildungsbeteiligung der Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund.

Es gibt aber auch westdeutsche Bundesländer, die Berlin voraus sind. So ist in Hessen der Anteil der Kinder aus Migrantenfamilien, die den ganzen Tag in der Kita bleiben, höher als bei den Kindern ohne Migrationshintergrund.

Bei dem Ziel, Kinder aus Zuwandererfamilien stärker an der Bildung in der Kita teilhaben zu lassen, erweist sich offenbar die Abschaffung der Bedarfsprüfung als besseres Mittel als die Kostenfreiheit. In Thüringen beispielsweise hat jedes Kind einen Anspruch auf einen Ganztagsplatz.

Verbesserung der Bildungschancen

In Berlin gibt es erst seit diesem Jahr für Kinder ab drei Jahren den Rechtsanspruch auf einen Halbtagsplatz in der Kita, wenn die Eltern nicht berufstätig sind. Vorher gab es lediglich einen Anspruch auf maximal fünf Stunden, wenn die Eltern keinen Arbeitsplatz nachweisen konnten. Viele Pädagogen hatten bemängelt, dass diese zeit für eine effektive Sprachförderung zu kurz sei.

„Wir brauchen einen bundesweiten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für jedes Kind – und zwar unabhängig von der Erwerbssituation der Eltern“, fordert Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Die deutlich niedrigere Beteiligung von Berliner Kindern mit Migrationshintergrund könne sich durchaus nachteilig auf die Bildungschancen auswirken.

„Die Kostenbefreiung in den letzten drei Kita-Jahren hat keinen Effekt“, konstatiert auch Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der FDP. Wichtig für die Verbesserung der Bildungschancen sei die Qualität der pädagogischen Arbeit in den Kitas. Das betont auch die jugendpolitische Sprecherin der CDU, Emine Demirbüken-Wegener. Es könne nicht sein, dass 23 Prozent der Kinder, die eine Kita besucht haben vor Schuleintritt einen Sprachförderbedarf haben.

„Auch wenn Berlin eine höhere Versorgung mit Kitaplätzen aufweisen kann als andere Bundesländer, kann der Bedarf nicht mehr gedeckt werden“, betont Elfi Jantzen, jugendpolitische Sprecherin der Grünen. Wichtig sei jetzt, zusätzliche Plätze zu schaffen. Die Bildungsverwaltung selbst habe prognostiziert, dass bis 2013 knapp 10.000 neue Kitaplätze gebraucht würden. Ab August 2013 wird der Rechtsanspruch auf Betreuung auch für Kinder unter drei Jahren die Lage verschärfen.

SPD will Bedarfsprüfung abschaffen

Die SPD sieht die Ergebnisse des Ländermonitors als Bestätigung ihrer Politik. Die Studie zeige, dass wir auf dem richtigen Weg sind, sagt Sandra Scheeres, jugendpolitische Sprecherin der SPD. In ihrem Wahlprogramm verspricht die SPD sogar eine Abschaffung der Bedarfsprüfung für einen Kitaplatz ab 2013. Dann könnte jedes Kind auf Wunsch neun Stunden pro Tag eine Kita besuchen, unabhängig davon, ob die Eltern arbeiten gehen. Vereinbart hat der Senat bisher allerdings nur, dass ab 2013 auch Kindern auch im dritten Jahr vor der Schule ein Halbtagsplatz bis zu sieben Stunden zusteht.

Auch Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) verbucht die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie als Erfolg: Nach Ansicht des Bildungssenators verdeutliche der Ländervergleich „eindrucksvoll, dass die Kindertagesbetreuung in Berlin allen Kindern grundsätzlich gleiche Bildungschancen bietet“, heißt es in einer Stellungnahme. Berlin gelinge die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in Kindertagesbetreuung besser als anderen Bundesländern, so Zöllner weiter. Verbesserungsbedarf sieht der Senator offenbar nicht. Immerhin, so die Verwaltung, sei die Zahl der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache in den Kindertagesstätten insgesamt gestiegen. Waren 2008 insgesamt 38.513 Kinder mit Migrationshintergrund in einer Kita, so waren es 2010 bereits 41.313.