Hakan, Eylül und Ipek lassen mit Begeisterung Sand durch einen Trichter fließen. Immer wieder werden die Messbecher voll geschaufelt, mal mit einem Teelöffel, mal mit einer Kelle. Die Experimentierkästen auf den Fluren der Kita Prellerweg vom Eigenbetrieb Süd-West waren eine Anregung der Kita-Inspektoren, die die Einrichtung sechs Wochen lang unter die Lupe genommen haben.

Ab sofort müssen sich alle 2000 Berliner Kitas einem Qualitätscheck durch ein unabhängiges Institut unterziehen. Berlin ist damit das erste Bundesland, das die Kontrollen systematisch einführt. Die Kita Prellerweg in Schöneberg gehört zu den wenigen, die den „Kita-Tüv“ bereits im Probelauf hinter sich haben. Etwa 100 Kinder sind hier untergebracht, etwa 40 Prozent von ihnen sind nichtdeutscher Herkunft. „Zuerst war es ein kleiner Schock, als wir erfuhren, dass unsere Einrichtung für die Inspektion ausgewählt wurde“, sagt Leiterin Sylvia Kaschner. Erst vor drei Jahren hat sie die Leitung der Einrichtung übernommen. Viele Eltern und Erzieher waren damals unzufrieden. „Seitdem haben wir viele Veränderungen angeschoben, doch eine Vorzeigeeinrichtung sind wir bestimmt nicht“, sagt sie.

Eltern sind angetan

Die Prüfer vom Berliner Kita-Institut für Qualitätsentwicklung, das zur Akdamie für innovative Pädagogik gehört, gingen bei der Auswahl nach dem Zufallsprinzip vor. „Wir Eltern haben uns gefreut, dass mal ein Blick von außen auf die Kita geworfen wird“, sagt Jacqueline Claußner, Mutter und Elternvertreterin in der Kita. Sie sei zwar zufrieden mit der Arbeit, aber ihr fehle der Vergleich zu anderen Einrichtungen. „Außerdem können ja immer ein paar Ideen von Experten Verbesserungen bringen“, sagt die Mutter.

Beim Kita-Check wird die Arbeit der Erzieher beobachtet, die Dokumentationen der Lernentwicklung der Kinder werden überprüft, die Eltern werden befragt, die Räume werden inspiziert. Messlatte für die Qualitätsprüfer ist das Berliner Bildungsprogramm. Sieben Bildungsbereiche müssen sich demnach in der Arbeit der Erzieher und in der Raumgestaltung wiederfinden. Dazu gehören Bewegung, Musik, Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften, Kunst und soziales Lernen. Das Bildungsprogramm ist verbindlich, die Kita-Träger müssen eine Qualitätsvereinbarung mit dem Land Berlin unterzeichnen. Doch wie es um die Einhaltung der Vereinbarung steht, wurde bisher nicht überprüft. Missstände konnten allein die Eltern aufdecken, doch auch deren Einfluss ist oft begrenzt. „Unter der alten Kitaleitung waren Änderungsvorschläge nicht erwünscht, nicht einmal den obligatorisch vorgesehenen Elternbeirat hat es gegeben“, sagt Elternvertreterin Claußner. Mit der neuen Leiterin habe sich das Blatt gewendet. Jetzt würden die Eltern ernstgenommen und durften mitreden.

Transparenz war auch das erste Anliegen der Kita bei der Prüfung von außen. „Wir wollten den Prüfern nichts vormachen, das wäre wahrscheinlich sowieso schiefgegangen“, sagt Sylvia Kaschner. Umso überraschter waren die Mitarbeiter der Kita über das Ergebnis. 30 Seiten umfasst der Prüfbericht, und beim Lesen wird offensichtlich, dass die Prüfer in allen Punkten zufrieden waren, angefangen vom Umgangston bis hin zum Tagesablauf. „Das ging runter wie Öl“, sagt die Kita-Leiterin. Schließlich sei es wichtig, mal Anerkennung von außen zu bekommen – und die Bestätigung, dass der eingeschlagene Weg richtig ist. Am Ende jedes Kapitels stehen aber auch Empfehlungen.

„Ich möchte sie darin unterstützen, den Kindern mehr Möglichkeiten zum Experimentieren und Forschen im Alltag zu schaffen“, heißt es beispielsweise. Die Kita hat nicht gezögert, die Hinweise umzusetzen. Neben den Sandkästen auf den Fluren gibt es nun einen Experimentierraum. Zudem will die Kita einen Experimentierwagen zusammenstellen, der durch die Gruppenräume wandern kann. Die Waschräume wurden so umgebaut, dass sie von den Kindern auch zum Experimentieren mit Wasser genutzt werden können. Zwei Erzieherinnen machen zu dem Thema eine Fortbildung. Die ersten mitgebrachten Experimente haben Kinder und Erzieher so begeistert, dass die Kita die Naturwissenschaften zu ihrem Schwerpunkt machen und den Titel „Haus der kleinen Forscher“ beantragen will.

Anregungen für den Alltag

Beim Rundgang durch das Haus fallen aber noch mehr Empfehlungen auf, die im Alltag umgesetzt sind. So hatten die Inspektoren angeregt, die Kinder mehr in den Speiseplan einzubeziehen, schließlich hat die Einrichtung eine eigene Küche. Jetzt hängen Fotos vom Menü des Tages in Augenhöhe der Kinder. Und tatsächlich informieren sich allmorgendlich die Knirpse, ob ihr Essenswunsch, den sie bei der Köchin abgegeben haben, dabei ist. Neu sind auch die grünen, gelben und roten Punkte an den Spielzeugregalen. Die Inspektoren hatten vorgeschlagen, das Spielzeug für die Kinder freier zugänglich zu machen. „Der freie Zugang ist der erste Schritt, Kinder zum Experimentieren und Forschen, zum eigenständigen Ausprobieren und Gestalten anzuregen“, so die Prüfer. „Wir haben ein Ampelsystem für die Regale eingeführt“, erklärt Sylvia Kaschner. „Grün“ bedeutet, die Kinder dürfen sich bedienen, „Gelb“ heißt, sie sollen vorher die Erzieherin fragen und „Rot“ bedeutet, dieses Gerät oder Spiel darf nur gemeinsam mit der Erzieherin ausprobiert werden. Die Kinder haben das System schnell begriffen, sogar die Zweijährigen halten sich daran.

Qualität spricht sich herum: Waren noch vor einigen Jahren die Anmeldezahlen zurückgegangen, wollen jetzt immer mehr Eltern ihren Nachwuchs in der Kita Prellerweg anmelden. Gleich am Eingang können sie das Zertifikat sehen: Diese Kita wurde geprüft.